http://www.faz.net/-gqz-71t13

Zum Tod von Hanns Grössel : Sprache liebkosen

Hanns Grössel ist am 1. August im Alter von 80 Jahren in Köln gestorben Bild: Isolde Ohlbaum

Inger Christensen und Tomas Tranströmer wären dem deutschen Leser ohne ihn nicht so hell aufgegangen: Zum Tode des Übersetzers Hanns Grössel.

          In seinem Bericht an die Akademie in Darmstadt, die ihn 2010 aufnahm, stellte er sich als „philologischer Wanderarbeiter“ vor. Die Charakterisierung trifft seine selbstbewusste Bescheidenheit ebenso wie seine vielseitige Fähigkeit, den Dichtern Weggefährte zu sein: als Kritiker, Essayist, Herausgeber und, vor allem, als Übersetzer. Das Rüstzeug dafür wurde ihm in die Schultüte gelegt: Kurz vor Kriegsbeginn, da war er gerade sieben, zog Hanns Grössel, der am 18. April 1932 in Leipzig geboren wurde und in Grimma an der Mulde seine frühe Kindheit verbrachte, nach Kopenhagen, wo sein Vater als Musiklehrer an der Sankt-Petri-Schule unterrichtete und er bis 1947 zweisprachig aufwuchs: „Dänisch lernte ich buchstäblich spielend“, so erinnert er sich, „beim Spielen mit Nachbarskindern am Peblingesee.“

          Andreas Rossmann

          Redakteur im Feuilleton.

          Die erste Wanderung führte nach Norden, die zweite, nun selbstgewählte, nach Westen: Die literarische Vermittlung zwischen Frankreich und Deutschland begriff Hanns Grössel als Beitrag zur Versöhnung. Sartres Reportagen aus dem besetzten Paris hat er ebenso übersetzt wie die Kriegstagebücher von Paul Léautaud. In Göttingen hat er Germanistik, Romanistik und Philosophie studiert und wurde mit einer Arbeit über Clemens Brentano promoviert; sechs Jahre war er Lektor bei Rowohlt und von 1966 bis 1997 Literaturredakteur beim Westdeutschen Rundfunk in Köln. Als Kritiker war er, der dänischen, französischen und schwedischen Literatur besonders zugeneigt, über Jahrzehnte präsent, doch seine leisere, empfindlichere Liebe galt der Übersetzung: An die sechzig Büchern - von A wie Adolphsen, Peter bis V wie Vian, Boris - hat der Homme de Lettres, und das nicht erst, seit der Ruhestand mehr Zeit dafür ließ, in fünfzig Jahren ihre deutsche Gestalt gegeben. Louis-Ferdinand Céline hat er eine kluge Studie gewidmet, das Werk von Raymond Roussel dem hiesigen Publikum nähergebracht.

          Zwei Schriftsteller leuchten an seinem weitverzweigten Dichterhimmel als Fixsterne, und ihre Poesie wäre dem deutschen Leser nicht so hell aufgegangen, wenn nicht Hanns Grössel ihnen Glanz gesichert hätte: Inger Christensen und Tomas Tranströmer. Wie übersetzt man Lyrik? „Möglichst so, wie es da steht“, antwortete Grössel, als er nach dem Nobelpreis für Tranströmer gefragt wurde, mit gelassenem Understatement: „Lyrik besteht wie Prosa nur aus Wörtern.“ Mit dem schwedischen Dichter stand er, seit er ihn 1977 persönlich kennengelernt hatte, in engem Kontakt, über viele Übersetzungsfragen hat er sich mit ihm ausgetauscht und so das Gesamtwerk mit zuverlässigster Genauigkeit ins Deutsche gebracht. Gezeichnet schon von seiner Krankheit, hat der Übersetzer den Nobelpreisträger seit der freudigen Überraschung, die ihm die Schwedische Akademie bereitete, auf Veranstaltungen begleitet und vertreten. Es blieb die letzte und auch meistbeachtete Etappe in seinem philologischen Wanderarbeiterleben: Am 1. August ist Hanns Grössel, der Sprachliebkoser und - so sah er mit Lessing die Übersetzer - „Wortgrübler“, im Alter von achtzig Jahren in Köln gestorben.

          Weitere Themen

          Disney weiß, was die Gegenwart will

          „Der Nussknacker“ im Kino : Disney weiß, was die Gegenwart will

          Für alle, die beim „Nussknacker“ an Tschaikowsky denken, stellt Diesney gleich zu Beginn seines Films klar: Das Ballett kann Tänze – aber solche Bilder kann nur Film. Auf eine von ökonomischen Gesichtspunkten bestimmte Weise ist das kreativ.

          In der Werkstatt Video-Seite öffnen

          Neue deutsche Mode : In der Werkstatt

          Die Deutschen wollen Schönheit und Glanz noch immer nicht überbewerten. Der funktionale Gedanke ist umso wichtiger – denn er gibt der Mode Berechtigung. Ein Shooting in der Thonet-Fabrik in Frankenberg.

          Käfer- und Katzen-Mumien Video-Seite öffnen

          Grabstelle in Ägypten : Käfer- und Katzen-Mumien

          Archäologen in Ägypten haben am Wochenende seltene Grabfunde vorgestellt. Sie fanden am Rand der Totenstadt von Sakkara mumifizierte Katzen und eine ganze Sammlung mumifizierter Skarabäen. Diese Käfer wurden als Symbol für den Sonnengott verehrt.

          Topmeldungen

          Michelle Obama auf Lesetour an ihrer ehemaligen High School für ihr Buch „Becoming“

          Michelle Obamas Buch : „Das werde ich ihm niemals verzeihen“

          Heute erscheint das Buch „Becoming“, in dem Michelle Obama von ihrer Ehe und ihrer Zeit als First Lady erzählt. Es geht um Schmerz und Ehekrisen – aber auch um Präsident Donald Trump.
          Die Schlinge schnürt sich immer enger: Je näher die Brüsseler Austrittsverhandlungen rücken, desto mehr gerät Theresa May in London unter Druck.

          Brexit-Deal fraglich : Die Unterstützung für May bröckelt

          Der Druck auf die britische Premierministerin Theresa May wächst immer mehr. Nicht nur die Zahl der Brexit-Gegner wird immer höher, auch scheint nun die Unterstützung im Kabinett zu bröckeln.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.