http://www.faz.net/-gqz-sj43

Zum Tod Robert Gernhardts : Gevatter Tod war nur der Gehilfe dieses Dichters

Gernhardt vor seiner Sudelblätter-Ausstellung Bild: F.A.Z.-Ruechel

Lange wurde er in die Schublade des Humoristen gestoßen. Es wurde die Tiefe seines Werks verkannt, in dem das Welt- und Selbstgericht eine herausragende Rolle spielt. Zum Tod des Lyrikers, Malers und Schriftstellers Robert Gernhardt.

          Gevatter Tod, eine Figur, die Robert Gernhardt in seinen jüngsten Gedichten und Skizzen in besonderer Weise beschäftigt hat (s. F.A.Z.-Feuilleton vom 1. Juli), war für ihn zuletzt immer auch Gehilfe Tod, ein unwilliger Zuarbeiter beim schwierigen Geschäft, das Wort noch einmal über den Körper, die Poesie noch einmal über die Physis, die Kunst noch einmal über die Krankheit triumphieren zu lassen. So hat der gewiefte Dialektiker Gernhardt die wahren Machtverhältnisse immer wieder umzudrehen gewußt. In seiner Kunst, also auch in seinem Leben.

          Hubert Spiegel

          Redakteur im Feuilleton.

          Dieses Leben begann 1937 in Reval, dem heutigen Tallinn, wo Gernhardt als Sohn eines Richters geboren wurde. Nach der Flucht, der Vater war gegen Kriegsende gefallen, ließ die Familie sich in Göttingen nieder. Mit siebenundzwanzig Jahren ging Gernhardt nach Frankfurt, ein staatlich geprüfter Kunsterzieher, der Malerei und auch Germanistik studiert hatte, der freier Künstler werden wollte, der malte, zeichnete und schrieb, rasch zur Satirezeitschrift „Pardon“ stieß, dort zusammen mit seinen Freunden F.K. Waechter und F. W. Bernstein die legendäre Kolumne „Welt im Spiegel“ (WimS) betrieb und Ende der siebziger Jahre zu den Gründern der „Titanic“ zählte. Dem „endgültigen Satiremagazin“ blieb Robert Gernhardt wie Bernd Eilert und Eckart Henscheid lange Jahre als prägende Gestalt verbunden.

          Der Gernhardt-Effekt

          Immer Maler, Zeichner und Schriftsteller zugleich, veröffentlichte Gernhardt seit den frühen achtziger Jahren mit staunenswerter Produktivität Buch um Buch, darunter so klassisch gewordene Titel wie „Ich Ich Ich“ (1982), „Reim und Zeit“ (1990) oder „Lichte Gedichte (1997). Auf Sprachakrobatik und Wortspielwut der frühe Jahre folgte die Hinwendung zum Alltagsleben, aus dessen Splittern, von der Kontaktanzeige bis zur Fahrt im ICE, zahllose Gedichte entstanden sind. Oft relativieren diese Gedichte ihre hohe, nicht selten klassische Form durch ihren banalen Inhalt, oder sie adeln ihre schlichte Form durchs hohe Thema. Der komische, oft aber auch nur scheinbar komische und in Wirklichkeit bittere Effekt vieler solcher Verse entsteht durch das Aufeinandertreffen des vermeintlich Inkommensurablen. Das ist der Gernhardt-Effekt, und die Virtuosität, mit der er gehandhabt wurde, garantiert seinem Schöpfer alles, was ein moderner Klassiker an Nachruhm und bleibender Dauer erwarten darf.

          Sein Leben lang, seit der in Göttingen verbrachten Schulzeit, hat Robert Gernhardt, gezeichnet und gedichtet, skizziert und entworfen, gereimt - und auch gerichtet. Denn daß nur ein einziger Buchstabe das Gedicht vom Gericht unterscheidet, gehört zu jenen Zufällen der Sprache, die den sensiblen Sprachspieler stets fasziniert haben. Der Dichter war auch Richter, und Robert Gernhardts Werk trägt oft die Züge eines spielerischen Weltgerichts, wenn er zum Beispiel im Band „Körper in Cafes“ (1987) seine Mitmenschen im Steakhaus, auf der Frankfurter Fressgass', oder beim Tretbootfahren auf dem Main beobachtet. Die bösen Huldigungen, die er den Städten Metzingen oder Mülheim am Main darbrachte, haben sogar die Anwälte beschäftigt, denn der Dichter wurde ihretwegen verklagt.

          „Das Dichten wird's schon richten“

          Aber mehr noch ist Gernhardts lyrisches Werk, zumal in den späten Jahren, zum Selbstgericht geworden. In einem unablässigen Selbstverhör haderte der Künstler mit sich und seiner Arbeit, mit seinen Talenten und mit der Tradition. Seine Gedichte sind die Substrate dieses Verhörs, ihre poetischen Protokolle, und es sind einige der schönsten deutschen Gedichte zur Künstlerproblematik überhaupt darunter. So wollen wir Robert Gernhardt in Erinnerung behalten als einen, der nicht nur Maler, Zeichner, Lyriker, Satiriker, Erzähler, Theaterautor und Essayist war, sondern auch den Ankläger und den Angeklagten, den Zeugen und den Richter in seiner Person zu vereinen wußte. Daß ihm das Unmögliche möglich war, verdankte Robert Gernhardt einer wie leichthin formulierten, aber wohl tiefempfundenen Hoffnung: „Das Dichten wird's schon richten“.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Aussage zu Asylrecht : Einig gegen Merz

          Annegret Kramp-Karrenbauer und Jens Spahn preisen das individuelle Recht auf Asyl aus dem Grundgesetz. Auch aus anderen Parteien schlägt Friedrich Merz, ihrem Mitbewerber um den Parteivorsitz, Kritik entgegen.

          Wegweisende Entscheidung : Datenschützer bestrafen massenhaften Datenklau

          Behörden verhängen das erste Bußgeld nach der Datenschutzgrundverordnung gegen ein Unternehmen – das soziale Netzwerk Knuddels. Jetzt zeigt sich: Wer kooperiert, bekommt einen erheblichen Discount.
          Abgase sind entscheidende Kohlendioxid-Quellen.

          Neue Rekordwerte : Kein Rückgang der Treibhausgase in Sicht

          Wieder Rekordwerte: Treibhausgase, die das Klima verändern, nehmen ungebremst zu in der Luft. Besonders besorgniserregend stuft die Weltwetterbehörde die neuen Höchstwerte von Kohlendioxid ein.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.