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Zum Tod Peter Kurzecks : Die Gegenwart ist doch nicht einfach bloß jetzt!

Seine Stimme blieb im Ohr: Peter Kurzeck (1943 bis 2013) Bild: Fricke, Helmut

Er war ein Chronist vom Schlage Walter Kempowskis und ein Abschweifer in der Tradition Jean Pauls: Zum Tod des großen Erzählers Peter Kurzeck.

          Es ist erst einige Monate her, es war noch sommerlich warm, als Peter Kurzeck seinen letzten öffentlichen Auftritt in Frankfurt hatte. Richtig öffentlich war der Abend eigentlich nicht. Vielmehr las der Schriftsteller mit dem furiosen Erinnerungwillen auf Einladung des Literaturhauses diesmal nicht auf der Bühne des großen Saales, den Peter Kurzeck mit seinen Lesungen stets bis auf den allerletzten Platz füllte, sondern im Rahmen einer Hauslesung in einem verwinkelten Altstadthäuschen von Ginnheim. Dort saß er unter tiefen Holzbalken auf einem Schemel und trug das Ginnheim-Kapitel aus seinem Roman „Übers Eis“ vor. Und als er nach gut einer Stunde aufhörte, mit den einfachen Worten, es sei jetzt wohl genug, da fühlte man sich als Zuhörer beinahe so, als erwache man aus einer Hypnose. So gebannt waren alle dem Monolog gefolgt, der tief ins Innere des Kurzeck-Kosmos führte.

          Sandra  Kegel

          Redakteurin im Feuilleton.

          Keiner konnte erzählen wie Peter Kurzeck, der schon zu Beginn seiner literarischen Laufbahn mit nichts weniger als dem Anspruch angetreten war, alles sehen und schreibend für immer aufbewahren zu wollen. Doch den 1943 im böhmischen Tachau geborenen und drei Jahre später mit seiner Mutter und seiner Schwester in der oberhessischen Provinz gestrandeten Erzähler lesen zu hören war immer mehr als bloß Vergnügen. Denn man musste Kurzeck hören, um ihn und sein Werk überhaupt zu begreifen. Weil erst sein mündlicher Vortrag, diese eigenwillige, singende, über die Welt staunende Stimme, in der das rollende „R“ der böhmischen Kindheit noch mitklang, seine Texte zur Vollendung brachte.

          Die ganze Gegend erzählen, die Zeit

          Wie kaum ein anderer verstand er sich auf die Kunst der Erinnerung und deren poetische Verdichtung. „Die Gegenwart, das ist doch nicht einfach bloß jetzt!“ So beginnt seine Erzählung „Mein Bahnhofsviertel“, zugleich ist es so etwas wie seine poetologische Selbstauskunft. Die Zeit als Flüchtlingskind, das mit vierzehn die Volksschule verlassen muss und eine kaufmännische Lehre beginnt, bringt uns sein literarisches Ich ebenso nah wie die Zeit, als Kurzeck für die amerikanische Armee in Gießen arbeitet und es bis zum Personalchef bringt, ehe er 1971 den Posten hinschmeißt, um durch Europa zu reisen und endlich seiner Neigung zu folgen: Schriftsteller zu werden. Im Jahr 1979, inzwischen lebt Kurzeck in Frankfurt, erscheint sein Debütroman mit dem lustigen Titel „Der Nussbaum gegenüber vom Laden, in dem du dein Brot kaufst. Die Idylle wird bald ein Ende haben“. Drei Jahre später folgt „Das schwarze Buch“ über einen unheiligen Trinker und seine späte Rettung von der Sucht.

          Mit „Kein Frühling“ greift Peter Kurzeck das Sujet seiner eigenen Kindheit in der Provinz der fünfziger Jahre auf. Aber erst „Der Sommer, der bleibt“ macht ihn 2007 dann endlich einem größeren Publikum bekannt. Und nicht nur das. Kurzecks detailversessene Erinnerungen aus Staufenberg, dem Dorf seiner Kindheit, die nie als Buch erschienen, sondern nur als fünfstündige Audioproduktion, lassen ein eigenes Universum entstehen. Und darüber hinaus ein neues Genre: die frei vorgetragene Literatur ohne Vorlage. Das Verfahren, sich improvisierend und erzählend zu erinnern, ist im Fall von Peter Kurzeck dem geschriebenen Werk tatsächlich ebenbürtig. Trotz zahlreicher Nachahmungsversuche hat den Autor darin bislang niemand einholen können. In vier Jahrzehnten hat Peter Kurzeck, der in späteren Jahren abwechselnd in Frankfurt und im südfranzösischen Uzès lebte, unbeirrt von literarischen Moden, ein vielschichtiges, ineinandergreifendes Werk geschaffen, das vielfach ausgezeichnet wurde. Ein verbindendes Element in diesem Œuvre ist sicherlich der Gedanke, den er seinem zuletzt erschienenen Roman „Vorabend“ 2011 als Motto vorangestellt hat: „Die ganze Gegend erzählen, die Zeit!“

          Ein Chronist der alten Bundesrepublik

          Das Tausendseitenopus war der fünfte von einem auf zwölf Bände angelegten autobiographisch-poetischen Romanzyklus mit dem unbescheidenen Titel „Das alte Jahrhundert“. Die Geschichte spielt Anfang der achtziger Jahre in Frankfurt, genauer gesagt: an einem Wochenende des Jahres 1982, an dem der Erzähler und seine Frau mit der dreijährigen Tochter von Bockenheim hinüber nach Eschersheim fahren, um Freunde zu verabschieden, die nach Frankreich auswandern wollen. Man sitzt am Küchentisch, man futtert Madeleines, und der Gedanke, dass man „von einem auf den andern Tag nichts mehr haben könnte“, wird zum Auslöser für eine Erzählung, die die Zeit aus den Angeln hebt. Wie Zeit verrinnt und was das mit uns macht, darüber kommt Kurzeck anhand einer gewöhnlichen Lederjacke ebenso ins Grübeln wie durch einen Igel, den er beobachtet.

          Wer seine Stimme einmal gehört hat, wird sie auch beim Lesen seiner verstörend schönen Romane im Ohr haben, die in derselben unverwechselbaren, raffiniert sich wiederholenden Erzählsprache verfasst sind. Längst war klar, dass in Peter Kurzeck sehr viel mehr steckte als nur ein Regionalpoet aus der Wetterau. Zweifellos ist er einer der großen Erzähler, ein Chronist der alten Bundesrepublik vom Schlage Walter Kempowskis, und mit einer Lust am Abschweifen, die es mit der Jean Pauls aufnehmen könnte. Jetzt ist er mit siebzig Jahren am Montag gestorben – viel zu früh, denn Peter Kurzeck war noch lange nicht fertig.

          Quelle: F.A.Z.

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