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Übersetzer Karl Dedecius tot : Er brachte uns Polens Literatur

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Der Lyriker Tadeusz Rózewicz schrieb einmal, er sei ein Übersetzer, der „die verworrene Sprache verschiedener Völker so lange in für diese Völker verständliche Sprachen übersetzt, bis diese Völker ihre Literaturen und einander liebgewinnen“: Karl Dedecius. Bild: dpa

Von ihm konnte man lernen, wie Sprache und Literatur als Mittel der Völkerverständigung taugen. Der große Übersetzer Karl Dedecius ist in Frankfurt im Alter von 94 Jahren gestorben. Ein Nachruf.

          Dass Dichter ihren Übersetzern selbst Gedichte widmen, ist eher die Ausnahme. Nicht so im Fall von Karl Dedecius. Ihm haben Größen der polnischen Literatur wie Zbigniew Herbert oder Tadeusz Rózewicz bewundernde Verse zugeeignet. Und in einem Brief beschreibt der Breslauer Lyriker treffend, was seinen Generationsgenossen und Freund Karl Dedecius angetrieben haben mochte, dass er sich ein halbes Jahrhundert lang einer einzigen Sache, der Vermittlung polnischer Literatur in Deutschland, verschrieb: Dedecius sei „ein Übersetzer, der im Schweiße seines Angesichts versucht, die Sünde unserer Vorfahren gutzumachen, und die verworrene Sprache verschiedener Völker so lange in für diese Völker verständliche Sprachen übersetzt, bis diese Völker ihre Literaturen und einander liebgewinnen.“

          Liebgewonnen oder nicht – soviel ist gewiss: Die Entdeckung und Rezeption polnischer Literatur im Nachkriegsdeutschland geht zu einem guten Teil auf das Konto von Karl Dedecius. Welche Gegenwartsliteratur aus dem Nachbarland zumindest die Westdeutschen seit den fünfziger Jahren zu lesen bekamen, was übersetzt und in Verlagsprogramme gehoben wurde, wie sich polnische Schriftsteller einen Platz in der deutschen Literaturlandschaft erobern konnten, ist untrennbar mit Karl Dedecius verbunden. Er verstand Sprache und Literatur als Mittel der Völkerverständigung, als eine kostbare Fracht, die er wie ein Handlungsreisender über Kulturgrenzen und historische Gräben transportierte.

          Sieben Jahre in Kriegsgefangenschaft

          Dedecius war für diese Aufgabe schon aus biographischen Gründen prädestiniert: Am 20. Mai 1921 als Sohn eines böhmisch-deutschen Vaters und einer schwäbischen Mutter in Lodz geboren, erlebte er seine Vaterstadt als jene polyglotte und boomende Einwanderermetropole, der Wladyslaw Reymont in seinem großen und von Andrzej Wajda verfilmten Lodz-Roman „Das gelobte Land“ ein literarisches Denkmal gesetzt hat: Russen, Juden, Deutsche und Polen prägten den so spannungsreichen wie inspirierenden Alltag dieser Industriestadt. In seinen 2006 erschienenen Memoiren „Ein Europäer aus Lodz“ erinnert sich Dedecius, wie er zu Hause Deutsch und auf der Straße Polnisch sprach, ein polnisches Gymnasium besuchte, mit seinem Vater ins russische Dampfbad und mit seiner Mutter in die deutsche evangelische Kirche ging. „Lodzer aller Länder, vereinigt euch!“ – mit dieser skurrilen Parole überschrieb Dedecius noch Jahrzehnte später Briefe an alte Bekannte – ein Bekenntnis gegen provinzielle Beschränktheit und lokalpatriotischen Kleinmut.

          1941 wurde Dedecius zur Wehrmacht einberufen, kämpfte in Stalingrad und überlebte sieben Jahre in russischen Kriegsgefangenenlagern. Hier wurde ihm das Übersetzen zur „wirksamen Medizin“: Wenn er Gedichte des russischen Romantikers Lermontow ins Deutsche übertrug, vergaß er über dessen Jugendwunden die eigenen. Seine Eltern hatte Dedecius im Krieg verloren, seiner späteren Ehefrau war die Flucht aus Lodz gelungen. Erst 1950 trafen sie sich wieder – in Weimar. „Ein Paradox für sich, dass ich die ‚Heimat’, die mich in den Krieg schickte, erst nach der Rückkehr aus russischer Gefangenschaft kennenlernen sollte“, schreibt Dedecius in seiner Autobiographie. Hier muss er mit der deutschen Sprache erst wieder familiär werden. Er übersetzt, arbeitet kurze Zeit am Weimarer Deutschen Theater-Institut, setzt sich aber unter verstärktem ideologischen Druck in den Westen ab – zunächst nach Berlin, dann in die Pfalz. Als slawistischem Autodidakten ist ihm aber eine Lektorenkarriere in westdeutschen Verlagen verstellt. So wird Dedecius zum leitenden Angestellten bei der Allianz-Versicherung – und Übersetzer nur im Zweitberuf.

          Literatur aus „Fleisch und Blut“

          Diesem Zweitberuf muss aber seine ganze Leidenschaft gegolten haben: wie sonst hätte er Hunderte von Gedichten übersetzen und Dutzende, noch dazu maßgebliche Anthologien herausgeben können? Dem Musikliebhaber Dedecius glich die Anthologie, mit ihrem Zusammenspiel unterschiedlicher Stimmen, einem Symphonieorchester. 1959 erscheint zum 20. Jahrestag des Kriegsausbruchs der Gedichtzyklus „Leuchtende Gräber“ mit Versen gefallener polnischer Dichter und kurz darauf der Sammelband „Lektion der Stille“. Damit wollte es der Mittler Dedecius nicht bewenden lassen. Ihn interessierten die Biographien seiner Generationsgenossen und die Begegnungen mit den Autoren, die ihm bewiesen, dass „die Literatur noch aus ‚Fleisch und Blut‘ war“.

          Im Jahr 1980 wird in Darmstadt das Deutsche Polen-Institut eröffnet, dessen Gründungsdirektor Dedecius fast zwanzig Jahre bleibt. In dieser Zeit bildet er einen qualifizierten Nachwuchs an deutschen Polnischübersetzern aus und fördert diejenigen, die sein Erbe angetreten haben. Oft war Dedecius auch in politischer Mission nach Polen unterwegs: Als die Mauer fällt, ist er mit Helmut Kohl in Warschau, mit Richard von Weizsäcker besucht er Herders Geburtshaus in Mohrungen, Helmut Schmidt und Marion Gräfin Dönhoff empfing er als ständige Gäste auf der Darmstädter Mathildenhöhe.

          Die von Dedecius herausgegebene „Polnische Bibliothek“ im Suhrkamp- Verlag umfasst fünfzig Bände vom Mittelalter bis ins 20. Jahrhundert. Das „Panorama der polnischen Literatur“ im Amman-Verlag ist über sechstausend Seiten stark. Zu seinen zahlreichen Auszeichnungen zählen auch der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels und der Orden des Weißen Adlers. Sein Nachlass – eine wahre Fundgrube der deutsch-polnischen Kulturbeziehungen über die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts – befindet sich im Collegium Polonicum in Slubice. Einmal hat Karl Dedecius sich zu seinem großen Vorbild bekannt: Es ist der Kirchenvater Hieronymus, der Patron der Übersetzer – und ein „Grenzgänger, der in der Zerrissenheit seiner Zeit eine Klammer sein wollte.“ Am vergangenen Freitag ist Karl Dedecius im Alter von 94 Jahren in Frankfurt am Main gestorben.

          Quelle: F.A.Z.

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