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Zum Tod von E.L. Doctorow : Erst Ragtime, dann das Oratorium

  • -Aktualisiert am

Am Dienstag starb der New Yorker Schriftsteller E. L. Doctorow, ein permanenter Erneuerer der Literatur. Das ist das Schlechteste, was der amerikanischen Literatur passieren konnte.

          Er mochte es nicht, ein Autor von historischen Romanen genannt zu werden, dieser Riese der amerikanischen Literatur. Vielleicht störte E.L. Doctorow die Bezeichnung so, weil er in jedem seiner Romane etwas Eigenes, etwas ästhetisch wie inhaltlich Neues und Zukünftiges erschuf, die Mittel des Erzählens ausbreitete und ausweitete. Ob er populäre Gattungen mit Hilfe postmoderner Erzählexperimente aushöhlte oder die Form des historischen Romans mit einer Doppellinse ausstattete, die zwar in die Vergangenheit schaute, aber den Blick aufs genaueste in die Gegenwart und vielleicht sogar in eine antizipierte Zukunft richtete. Am allermeisten störte ihn diese Bezeichnung aber vielleicht, weil seine Romane stoische Zeugnisse sind eines tiefen Drangs, das Versterben der Zeit ins Geschichtliche hinein auszuhebeln. Nun ist er selbst im Alter von 84Jahren in Manhattan gestorben.

          In Doctorows schönstem Spätwerk, „Homer&Langley“ von 2009, kommt der schrullige Exzentriker Langley Collyer auf die Idee, seine manische Sammelleidenschaft von Zeitungen auszudehnen zu einer „immerwährend aktuellen zeitlosen Zeitung“, in der man alles nachlesen kann, sogar seinen eigenen Tod. Und in seinem unterschätzten Roman „Das Wasserwerk“ (1994) tüftelt der wahnsinnige Wissenschaftler Sartorius im New York nach dem Bürgerkrieg, der so viele Menschenleben kostete, auf handwerklich geschickte Weise an einer Überwindung des Todes und begibt sich auf die Suche nach dem Jungbrunnen.

          Zorn gegen Amerika im Herzen

          Ein brillanter Handwerker war auch der 1931 als Sohn jüdisch-russischer Immigranten in der Bronx geborene Edgar Lawrence Doctorow. Und auch er suchte, seinem Sartorius gleich, nach einer Art Jungbrunnen. Er fand ihn in der Literatur und mit jedem neuen Buch. Unter Doctorows einem Dutzend Romanen, drei Erzählbänden, einem Theaterstück und zahlreichen Essays findet sich kein Text, der ein funktionierendes Modell einfach wiederholt – nein, mit jedem Mal fing er ganz von vorne an, erneuerte und erfrischte die amerikanische Literatur wie die der Welt.

          Während seiner Lehrjahre als Verlagslektor schulte er sich an der großen Literatur amerikanischer Chronisten wie Norman Mailer oder James Baldwin. Doch wie die Werke Saul Bellows und Philip Roths waren Doctorows literarische Neigungen immer transatlantisch. „Homer & Langley“, dessen Homer blind ist wie der alte Vater des Epos und der zusammen mit Langley eine fiktionalisierte Version des real existierenden exzentrischen Bruderpaars ausmacht, ruft nicht nur die beiden Außenseiter George und Lennie aus Steinbecks „Von Mäusen und Menschen“ auf, sondern insbesondere Flauberts „Bouvard und Pécuchet“, jene gesellschaftsfremden Faktensammler und Wissensklauberer der französischen Literatur. Und in Doctorows größtem Erfolg, „Ragtime“ (1975), trägt der schwarze Musiker Coalhouse Walker jr. nicht nur den Kleistschen Rächer schon im Namen, sondern auch den Kohlhaasschen Zorn im Herzen, der sich hier nicht nur gegen ein Amerika richtet, das in den Weltkrieg schlittert, sondern auch gegen ein Land, das seine schwarze Bevölkerung – ob in der Publikationszeit des Romans, also den siebziger Jahren, oder zur Zeit von Doctorows Tod heute – so behandelt, als wäre diese Gesellschaft noch immer nicht die ihre.

          Trennschärfe zwischen Dichtung und Wahrheit

          Auch wenn er nicht zu den Autoren historischer Romane gezählt werden wollte, besaß Doctorow doch die Gaben der besten von ihnen, jene Verbindung aus Individualinteresse und Weltenreichtum, aus faktischer Rahmung und fiktionalisiertem Detail – Gaben, die er an Shakespeares Stücken und Tolstois Romanen so schätzte. Am trefflichsten zeigt er seine Kunstfertigkeit in „Ragtime“ selbst, das wie die namensgebende Musikrichtung synkopiert und übersteigert, aneinanderreiht und wiederholt, welch historische Versatzstücke die Geschichte ausspuckt, zum Beispiel aus den Lebensgeschichten von Harry Houdini, J.P. Morgan und Sigmund Freud, für den Amerika „ein gigantischer Irrtum“ ist und über den man nebenbei erfährt: „Mehr als ein Jahrzehnt sollte vergehen, ehe Freud seine Rache erhielt und sah, wie seine Ideen anfingen, Sex in Amerika für immer zu zerstören.“

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          Doctorow, der 1960 mit „Willkommen in Hard Times“ debütierte, war und blieb ein Bronx-Kid, er wurde einer der größten Chronisten New Yorks durch bald zweihundert Jahre erzählter und erfundener Historie und einer seiner größten Bewunderer („Freude stieg von der Stadt auf und erfüllte das Firmament wie ein melodischer Wind, ein himmlisches Oratorium“); und er verlor nie sein Interesse für die Zeitlichkeit der Geschichte, dafür, wie die Zeit in der Materie der Welt fest verbacken scheint, aber durch die Kunst der Sprache aus ihr herausgelöst und zum Klingen gebracht werden kann. In seinem letztem Roman, dem in wenigen Wochen auch auf Deutsch erscheinenden „In Andrews Kopf“, vollzieht Doctorow schließlich eine nur logische Blickwende, indem er seine Perspektive auf eine Figur richtet, deren Sinn für ihr eigenes Leben allmählich der harten Trennschärfe zwischen Dichtung und Wahrheit entglitten ist. Mit einem Blick in die Gegebenheiten des Denkens ist „In Andrews Kopf“ der selbstreflexive Abschluss eines Œuvres, das in der Frage nach fiktionalisierter Geschichte und Lebensgeschichte immer auch fragt: Was geschieht beim Erzählen? Was ist ein Schriftsteller?

          In einem Interview sagte Doctorow einmal: „Das Leben eines Schriftstellers ist so riskant, dass alles, was er tut, schlecht für ihn ist.“ Das Schlechteste, was der amerikanischen Literatur passieren konnte, ist der Tod dieses Schriftstellers, dessen späte Werke nur immer noch raffinierter und reflektierter wurden, als wäre das „Projekt Doctorow“ noch lange nicht am Ende. Was bleibt, sind Doctorows ganz eigene Jungbrunnen, seine zwölf Romane.

          Quelle: F.A.Z.

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