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Zum Tod des Lyrikers Rolf Haufs : Die Zerrissenheit als Lebensform

  • -Aktualisiert am

Rolf Haufs (1935 - 2013) Bild: dpa

In seinen Gedichten verband sich Genauigkeit der Beobachtung und Kunstfertigkeit. Üppig angelegte Weltentwürfe sparte er hingegen aus. Zum Tode von Rolf Haufs.

          Sein literarischer Weg begann in Berlin, wohin Rolf Haufs, geboren 1935 in Düsseldorf, aufgewachsen in Rheydt, im Jahr 1960 kam. Die geteilte Stadt zog ihn unwiderstehlich an. Er erkundete sie neugierig und stellte fest: Sie war ein Spiegel seiner eigenen Zerrissenheit. Ihr setzte er sich aus, wohnte sogar zeitweise in der West-Berliner Exklave Steinstücken, wo Grenzerfahrungen zum Alltag gehörten. Seine „Ostkontakte“ erregten mitten im Kalten Krieg Verdacht. Einmal wurde er deshalb polizeilich festgesetzt.

          Haufs begann am Leipziger Johannes-R.-Becher-Literatur-Institut zu studieren, brach aber diesen Versuch ab, als ihm die ideologischen Zumutungen unerträglich wurden. In Berlin bildete sich bald ein Freundeskreis jüngerer Autoren, zu denen unter anderen Günter Bruno Fuchs, Robert Wolfgang Schnell, Christoph Meckel und Günter Grass gehörten, denen Rolf Haufs Porträtgedichte gewidmet hat; auch Johannes Bobrowski gehörte dazu, den sie in Ost-Berlin besuchten.

          1962 galt er als „Wunderkind“

          Seine ersten Gedichtbände sind Berlin-Bücher: „Die Straße nach Kohlhasenbrück“, „Sonntage in Moabit“, „Vorstadtbeichte“. Seither gilt er als Berliner Dichter. Diese frühen Gedichte zeichnen sich durch eine phantasiereiche Verbindung von Realitätspartikeln mit surrealistischen Elementen aus. Es ergeben sich lapidare Kontraste, gemischt mit Redensarten, Slang, Anspielungen und Zitaten aus Märchen, Kirchenliedern und der Bibel. Das war ein neuer, ganz eigentümlicher Ton, den man da zu hören bekam.

          Haufs wurde mit seinen frühen Gedichtbänden schnell zu einer festen Größe im Literaturleben. Man lud ihn seit 1962 zu den Tagungen der Gruppe 47 ein, wo er als „Wunderkind“ bestaunt wurde; er erhielt im Lauf der Jahre den Bremer Literaturpreis, den Hölderlin-Preis und den Peter-Huchel-Preis. Seit 1972 arbeitete er als Redakteur für Literatur am Sender Freies Berlin, wurde Mitglied und zeitweise Vizepräsident der Berliner Akademie der Künste.

          Gottfried Benn zum Vorbild

          Haufs publizierte auch Hörspiele und Kinderbücher und sogar so etwas wie einen experimentellen Roman aus Fragmenten („Der Linkshänder oder Schicksal ist ein hartes Wort“), aber die Lyrik blieb doch weiterhin das Zentrum und Kontinuum seines Werkes. Er variierte dabei Themen und Formen seines frühen Werkes, aber er spitzte sie zugleich zu, radikalisierte sie: Das Autobiographische mit Rückblicken auf die Kindheit während des Krieges und in der Nachkriegszeit, die Zeitzeugenschaft dann aus dem Umkreis der Studentenbewegung, das Nachdenken schließlich über die Funktion der Poesie als Mitteilung.

          „Komm wir reden“ heißt eines der Gedichte aus dem Band „Größer werdende Entfernung“, der Gedichte aus den Jahren 1962 bis 1979 enthält. Reden, Anreden, Mitteilen erscheinen als Grundimpuls seiner Poesie. Das erinnert an Gottfried Benn („Komm, reden wir zusammen / wer redet, ist nicht tot“), der mit der Schnoddrigkeit seiner Alltagsgedichte sicher zu den Vorbildern von Haufs gezählt werden kann.

          Mit dem Wissen um Bemühung und Vergeblichkeit

          Seine Gedichte werden zunehmend durchsichtig und transzendent gemacht für existentielle Vergeblichkeitserfahrungen. „Du kannst ... in deinem Leben so viele Erfahrungen machen wie du willst“, lässt sein Freund Christoph Buchwald ihn in einem fiktiven Interview sagen, „letzten Endes weißt du gar nichts, nothing, null, nada, du strampelst wie ein Käfer im Marmeladeneimer und versuchst irgendwie nochmal hochzukommen, ... , aber je mehr du strampelst, desto tiefer kommst du in die Marmelade.“

          Dieses ironische sogenannte „Haufs’sche Paradox“ zwischen der lebenslangen und lebensnotwendigen Bemühung und der unendlichen Vergeblichkeit dieser Bemühung trifft genau sein dichterisches Verfahren und die Grundstimmung seines Werkes: „In Stücken finden wir zur Poesie / Und heben alles auf was stürzt im freien Fall“, heißt es auf dem Rückumschlag des Gedichtbandes „Allerweltsfieber“ (1990).

          Konzentrierte Spracharbeit

          Daraus ergeben sich allenfalls präzise Einzelbeobachtungen, aber keine kühnen Weltentwürfe, keine großen Gefühle, festen Überzeugungen und weitgesteckten Hoffnungen und Pläne, auch keine Botschaften. Reduzierung, Desillusionierung ist das Programm. „Wir hören Musik / Schon sind wir taub. Wir lieben / Schon töten wir“. Die pointierte, unerbittliche Genauigkeit der Beobachtung verbindet sich mit einer unaufdringlichen, aber meisterhaft praktizierten Kunstfertigkeit.

          Die Themen von Haufs’ Gedichten werden (frei nach Walter Höllerer) immer gleichgültiger, die ganze Aufmerksamkeit des Autors gilt der Spracharbeit; die Texte verwenden verstärkt eine melancholisch grundierte, sehr variationsreiche Sprache. Ironische, spöttische, sarkastische, zynische Töne nehmen zu. Gedichte aus Krankenhäusern häufen sich in den letzten Jahren. Das erinnert an Robert Gernhardts „K-Gedichte“. Wie diese werden Haufs Verse brutaler, rücksichtsloser, böser, finsterer, zugleich aber auch witziger und komischer.

          In dem jüngsten Gedichtband, „Tanzstunde auf See“ (2010), spricht der Kranke nur zurückhaltend in der Ich-Form. „Wir“, sagt er verallgemeinernd, „halten den Kopf hin“, oder: „Zurechtgestutzt zeigen wir / Was noch geht“. „Wir“ - das sind die Patienten, und die Klinik ist die kranke Welt, darin ihnen übel mitgespielt wird vom Pflegepersonal, den Zivis, den Therapeuten und ganz besonders den Ärzten: Ihr „Freundliches Grinsen läßt uns / Auf Heilung hoffen. Dabei haben sie uns / Längst abgeschrieben“.

          Zur Krankheit kommt die Entwürdigung, und die späten Späße des Patienten lassen sich durchaus als Notwehr dagegen verstehen: „Insgeheim denken sie doch / Was gehen mich die Greise an / Hatten sie nicht ein schönes Leben“ - so steht es in einem der sechs Gedichte aus der Klinikwelt von Berlin-Kladow. „Bei Sonnen- / Untergang geht die letzte Fähre / Wir wollen ans andere Ufer“.

          Quelle: F.A.Z.

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