19.11.2011 · Wir treffen Ulrich Matthes in heiterer Stimmung auf der Wannseebrücke, die den Übergang von Kleists letztem Nachtquartier zu seinem Grab ermöglicht. In der klaren, sonnigen Novemberkälte folgen wir Kleists rätselhaften letzten Spuren.
Von Uwe EbbinghausSagen Sie mal, Herr Ebbinghaus: Wie sind Sie denn auf die Idee gekommen, ausgerechnet mit mir hier über Kleist zu sprechen?
Im Jubiläumsjahr 2011 müssen nur ganz wenige Deutsche Kleist wirklich zu verstehen versuchen. Sie als Schauspieler, der mit einem Kleistabend unterwegs ist, sind einer davon. Ich würde gern erfahren, wie Sie sich Kleist im Spiegel seiner Texte und mit Ihrer schauspielerischen Intuition annähern.
Versuchen wir’s mal.
(Wir gehen hinab zu der Freifläche, die vor zweihundert Jahren zu „Stimmings Krug“ gehörte. Hier stieg Kleist am 20. November ab.)
Wann sind Sie Kleist zum ersten Mal bewusst begegnet?
Während meines Germanistikstudiums. Ich erinnere mich an eine Zwischenprüfung über den „Prinzen von Homburg“ an der FU. Und ich weiß auch noch, dass mein Entschluss, Schauspieler statt Lehrer zu werden, in diese Zeit fiel. Ich hatte nämlich das Gefühl, dass meine intuitive Seite in diesem Studium viel zu kurz kommt.
Wie war es, mit Kleist auf der Bühne zu stehen?
Die erste und einzige wirkliche Begegnung auf der Bühne hatte ich unglücklicherweise sehr früh. Außer bei meinem Kleistabend, der auf den Briefen beruht, habe ich Kleist nur als Anfänger gespielt: 1984 den „Homburg“, in Krefeld. Jürgen Gosch hatte allerdings, daran erinnere ich mich zu gern, einmal die verrückte Idee, die „Penthesilea“ mit mir zu machen - ich in der Titelrolle. Zuerst habe ich gekichert, als er das vorschlug. Dann fand ich die Vorstellung aber doch unglaublich aufregend. Ich vermisse ihn sehr.
Was hätte Sie daran gereizt?
Na, der Aberwitz dieser Rolle, der Furor! Das ist so eine Aufgabe, in der man als Schauspieler wirklich über sich hinausmuss. Und selbst das genügt im Grunde nicht.
Fällt es schwer, eine Körperlichkeit für Kleists Sprache zu finden?
Natürlich! Manchmal denke ich aber auch, dass die totale Reduktion eine Möglichkeit ist, dieser Sprache nahe zu kommen. Man kann auch einfach auf einer leeren Bühne stehen und sich damit begnügen, Kleists Gedanken zu denken. Edith Clever hat das in den achtziger Jahren mit Hans Jürgen Syberberg gemacht. Dieser Versuch einer rein sprachlichen Bewältigung hatte etwas Schlagendes. Das geht so reduziert natürlich nur mit „Penthesilea“, bei allen anderen Stücken wäre es fatal, sie sind für Körper geschrieben
Wie spricht man Kleist?
Na ja, Kleist war ja kein Alien. Es ist ja immerhin Deutsch. Es ist aber paradox: Einerseits fällt einem seine Sprache leicht, weil sie so extrem musikalisch ist, andererseits stellt sie durch dieses Vorwärtsdrängen, das immer wieder Parataktische, eine hohe Herausforderung dar. Wobei es ein Credo von mir ist, das Fremde von Autoren und von Figuren mir nicht mit so einer Art von selbstverständlicher Zeitgenossenschaft einzuverleiben. Mich reizt es, den Abstand zwischen mir und einer Figur ganz vorsichtig kleiner werden zu lassen. Manchmal muss ich bei meinem Kleistabend direkt an mich halten, dass ich mich nicht zu stark identifiziere.
Ein Beispiel?
Immer wieder gibt es den Versuch bei ihm, sich in irgendeiner Weise mit dem, was innerlich in ihm brodelt, der Welt zu präsentieren, zu sagen: Schaut her, das bin ich, nehmt es wahr, reagiert darauf, ich biete es euch an. Darin finde ich mich als Schauspieler wieder.
Kleists anhaltende Erfolglosigkeit ist sehr berührend. Seine vergeblichen Versuche, unterzukommen, erinnern fast an die heutige Generation Praktikum.
Ja. Er scheitert mit fast allem in kürzester Zeit - und schmeißt sich wieder mit unglaublichem Furor in das nächste Projekt hinein, egal, ob er Bauer werden will oder eine Zeitschrift zum Erfolg führen. Ich glaube, er war ein Nerd in heutigem Sprachgebrauch. Wahrscheinlich hätten wir gesagt: Kinder, so richtig sympathisch ist der aber nicht.
Was ist zeitgenössisch an Kleist?
Der innere Widerspruch. Das Gefühl, dass unterschiedliche Kräfte an einem zerren und einen in die eine oder die andere Richtung reißen. Diese Art von zersplittertem Menschenbild, das uns die Gehirnforschung bestätigt hat und mit dem wir jetzt klarkommen müssen, hat Kleist vorweggenommen.
Wie muss man sich Kleist vorstellen in seinem letzten Lebensmonat? Seine Lieblingsschwester Ulrike demütigt ihn an der Familientafel, Staatskanzler Hardenberg will ihm kein Geld leihen. Henriette Vogel, mit der er am 20. November 1811 hier in „Stimmings Krug“ absteigt, kennt er seit zwei Jahren, sie hat Gebärmutterkrebs und wird als religiöse Schwärmerin beschrieben. Eine Liebesbeziehung hatten sie wohl nicht. Die beiden haben aber beschlossen, miteinander zu sterben.
Ich bin mir nicht sicher, ob Kleists Selbstmord wirklich so zwangsläufig war, wie es oft dargestellt wird. Wenn er in diesen zwei Jahren der Bekanntschaft mit Henriette Vogel tatsächlich eine Direktionsstelle beim Wiener Theater bekommen hätte oder der „Zerbrochne Krug“ ein Riesenerfolg geworden wäre, wäre er möglicherweise 1850 eines gemütlichen Todes als großer, hochverehrter Dramatiker gestorben.
Kann man sich in diesen Kleist hineinversetzen am Vortag seines Selbstmords? Wie würden Sie ihn darstellen?
Euphorisch, selig, überschwänglich.
Wie kann man denn so sein? Das erfordert ja ein ungeheures Maß an Suggestion.
Na ja, Henriette Vogel und er sind in „Stimmings Krug“ beobachtet worden, und alle sagten nachher: Die beiden hatten so gute Laune, so gut war die selten bei unseren Gästen im November. Dafür müsste man dann eine Form finden. Kleist schreibt ja in den Briefen: „Unsere Seelen erheben sich wie zwei fröhliche Luftschiffer über die Welt.“ Das klingt fast nach der Wirkung einer körpereigenen Droge. Die beiden haben sich in einen Zustand der Euphorie versetzt, der das ganze Vorhaben für unsereinen natürlich noch viel verzweiflungsvoller macht. (lange Pause) Aber es kommt mir plötzlich so merkwürdig vor, dass ich Kleist wirklich spielen müsste. Es ist mir irgendwie unangenehm - wahrscheinlich, weil ich mich so lange auf diese vorsichtig herantastende Weise mit ihm beschäftigt habe.
Sie wollen Kleist nicht zu nahe kommen?
Den Texten schon, aber ihm . . . Mein Respekt vor Kleist ist so groß, dass ich es anmaßend fände, mich in ihn als Menschen hineinzuversetzen. Komisch. Gerade habe ich ja bei Volker Schlöndorff Ernst Jünger gespielt oder früher Goebbels im „Untergang“, aber Kleist . . .
(Wir gehen über die Wannseebrücke auf einem frisch geteerten Weg zu Kleists Grab.)
*
Es gibt die These, der Ort des Todes an der Straße von Berlin zur Residenz in Potsdam sei von Kleist bewusst gewählt worden. Die Herrschenden sollten beim Vorüberfahren gezwungen werden, seiner zu gedenken - des Mannes, dem sie das Leben so schwer gemacht hatten.
Vielleicht fand er es auch einfach nur besonders schön hier. Natur, Wasser, alles da. Vielleicht ist es wirklich so simpel. Aus ihrer Euphorie heraus suchten die beiden, im Sinne einer Inszenierung, einen besonders schönen Ort. Auch die Pistole, mit der er sie erschossen hat, das habe ich gerade in Wien in einer Ausstellung im Theatermuseum gesehen, war ganz bewusst gewählt. Es war sozusagen eine Stradivari unter den Büchsen. Zwei kleine Waffen hatte er für sich selbst vorgesehen, für Henriette schienen ihm die zu banal.
Sonderbar ist der letzte Brief Henriette Vogels an den gemeinsamen Freund Kriegsrat Peguilhen, der den Nachlass und die Beerdigung organisieren soll. Darin schreibt sie: „Kleist und ich befinden uns gerade in einem sehr unbeholfenen Zustande, indem wir erschossen da liegen.“ Das ist fast schon makaber.
Ich glaube, Henriette Vogel hatte Humor, die war ein bisschen exzentrisch. In der „Todeslitanei“, in der sich Kleist und sie kurz vor dem Selbstmord wechselseitig mit Kosenamen überhäufen, ist ihr Part fast noch origineller als der von Kleist.
In seinem Nachruf lobt Peguilhen sie in den höchsten Tönen. Wie stellen Sie sich vor, dass Kleist und sie miteinander umgegangen sind?
Irgendwie schnell. Ich könnte mir vorstellen, die haben sich so die Stichworte zugespielt.
Am 21. November gegen 16 Uhr lassen sie sich zu dieser Anhöhe hier am Kleinen Wannsee Kaffee bringen. Sie lassen sogar einen Tisch und zwei Stühle kommen, Laufweg bis zum „Krug“ jeweils 500 Meter. Beide haben seit dem Abendessen vom Vortag nichts Festes mehr zu sich genommen. Zwei oder drei Flaschen Rotwein haben sie nach Auskunft der Wirtin in der Nacht und am Morgen getrunken.
(Wir gehen die wenigen Meter zum Ufer des Kleinen Wannsees hinab.)
*
Kleist trinkt den Kaffee mit Rum und möchte Rum nachbestellen. Fast erinnert er an den Soldaten in seiner „Anekdote aus dem letzten preußischen Kriege“, der mit aufreizender Ruhe im Angesicht des Todes einen Branntwein nach dem anderen trinkt. Henriette Vogel verhindert die Nachbestellung. Er geht sofort darauf ein. Kleists letzte Bestellung ist ein Bleistift. Was war das für eine sonderbare Situation?
Vielleicht ist es eine Mischung aus zweierlei Zuständen: Auf der einen Seite die Euphorie, auf der anderen Seite will Kleist aber auch nichts falsch machen und die Kontrolle über die Situation behalten. Es war ja beiden klar, dass das jetzt hier der Schlusspunkt ist - und der sollte auch aus einer bestimmten Bewusstheit heraus entstehen.
Sie bezahlen den Kaffee. Nach sechzig Schritten hört die Kellnerin oben an der Chaussee einen Schuss. Sie denkt, die beiden tollten nur herum, hört an der Brücke einen zweiten Schuss, geht trotzdem zum Gasthof weiter und findet die beiden Toten erst, als sie wie bestellt zurückkehrt: Henriette Vogel mit gefalteten Händen und einem Schuss in die Brust, Kleist vor ihr kniend, mit einer Pistole in der Hand, mit der er sich in den Mund geschossen hat. Andere Selbstmorde wirken im Vergleich dazu regelrecht unterplant.
Es kommt mir fast wie ein literarisches Sujet vor. Dieser merkwürdige enthusiasmierte Zustand und diese enorme Organisationskunst, die hier zutage treten, liefern den Stoff fast für eine Novelle. Es fehlt dann aber doch das goethesche unerhörte Ereignis. Es würde nicht ausreichen, dass die Frau todkrank und der Mann todunglücklich war.
Was sollte diese Inszenierung des Selbstmords ausdrücken?
Klarheit, glaube ich, Klarheit zum Tode hin. Eine bestimmte Art der Konzentration. Allein der letzte, versöhnliche Brief von Kleist an Ulrike - dass er darin in der Lage war zu schreiben: „Die Wahrheit ist, dass mir auf Erden nicht zu helfen war.“ Dieser Satz ist so schlicht, dass man leicht den Fehler machen kann, das Ausmaß der Verzweiflung, das zu diesem Selbstmord geführt hat, zu unterschätzen.
Welche lebenserhaltenden Gedanken gibt uns Kleist?
Jede große, bedeutende Literatur macht einen stärker, glücklicher, ganz automatisch. Das ist das Schöne an großen Texten: So depressiv sie auch sein mögen - allein aufgrund ihrer Qualität führen sie einem Lebensenergie zu. Das gilt selbst für „Penthesilea“. Sie tötet sich in einem unglaublichen Akt der Autosuggestion, erreicht dabei aber eine Intensität und eine Kraft, die aus unserem Alltag vollkommen verschwunden ist.
Ulrich Matthes wird am 9. Mai 1959 in Berlin geboren. In den siebziger Jahren beginnt er als Synchronsprecher zu arbeiten. Matthes leiht seine Stimme unter anderen Sean Penn und Ralph Fiennes.
Sein 1977 begonnenes Germanistik- und Anglistikstudium bricht Matthes nach fünf Semestern ab. Er spricht Martin Held vor und nimmt privaten Schauspielunterricht bei Else Bongers.
Matthes debütiert neben Maximilian Schell Anfang der achtziger Jahre am Berliner Renaissance-Theater. Für seine Rollen an den Bühnen von Düsseldorf, München und Berlin erhält er zahlreiche Preise. Seit 2004 ist er Ensemblemitglied des Deutschen Theaters in Berlin. Zusätzlich ist er in vielen Film- und Fernsehrollen zu sehen.
Von 1994 bis 1997 spielt Matthes über achtzig Mal an fast allen großen deutschsprachigen Bühnen den auch als Hörbuch veröffentlichten Kleistabend „Die Geschichte einer Seele„. Im Jahr 2009 nimmt er ihn in abgewandelter Form wieder auf.