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Zukunft des E-Books Lieber heute als morgen

29.01.2010 ·  Apple soll's richten: Der Erwartungsdruck auf den iPad ist auch in der Buchbranche riesig. Aber noch liegen viele deutsche Verlage, was den Verkauf von elektronischen Büchern angeht, in Lauerstellung - und beobachten gespannt den Preiskampf in Amerika.

Von Hannes Hintermeier
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In Deutschland gleicht der Handel mit elektronischen Büchern einem sehr zarten Pflänzchen. Allerdings einem, in dessen Aufzucht schon viel Geld gesteckt wurde. Man will einerseits nicht die digitale Zukunft verschlafen, scheut sich aber auch, offensiv dafür zu werben. Über verkaufte Stückzahlen mag kein Verlag reden, auch der Börsenverein hat keine Zahlen, nur Schätzungen. Bis Mitte des Jahres könnten im besten Fall 1,5 Millionen E-Books verkauft sein. Die tatsächlich verkauften Stückzahlen dürften sich im unteren sechsstelligen Bereich bewegen. Bisheriger Höhepunkt war der 25. Dezember 2009, als all jene, denen zu Weihnachten ein elektronisches Lesegerät beschert wurde, sich ans Herunterladen machten. Wenn im Lauf des Jahres der iPad auch hierzulande erhältlich ist, könnte die Sache Fahrt aufnehmen.

Zunächst aber ist der technologische Kulturkampf ein Preiskampf. Und der wird derzeit auf dem amerikanischen Markt ausgefochten, wo Amazon das Preisdiktat übernommen hat - je billiger, desto besser. Bei den allermeisten Titeln liegt die Obergrenze bei 9,99 Dollar (umgerechnet sieben Euro). Der Versandhändler, so klagen viele Verlage, betreibe Preisdumping auf Kosten von Autoren und Verlegern. Eine Offensive mehrerer Einzelhandelsriesen drückte im Herbst die Preise sogar auf 6,99 Dollar. Nun hat Apple die Konkurrenz unter Druck gesetzt: Man werde sich mit dreißig Prozent vom Verkaufspreis zufrieden geben und diesen festzusetzen den Verlagen überlassen. Auch Apple weiß, dass die Verleger keine Preise ansetzen werden, mit denen sie nichts verkaufen. Angestrebt seien 12,99 beziehungsweise 14,99 Dollar, die Preisklasse von Taschenbüchern.

Amazon hat dem Preisdruck schon nachgegeben

Die Memoiren von Senator Edward Kennedy, die bei der iPad-Präsentation von Steve Jobs am Mittwoch in San Francisco gezeigt wurden, kosteten 14,99 Dollar - fünf Dollar mehr als aktuell bei Amazon. Deswegen hat der Internet-Versandhändler schon nachgegeben und bietet die gleiche 70:30-Erlösbeteiligung an, aber nur wenn der Preis zwischen 2,99 und 9,99 Dollar liegt. Nach der gebundenen Ausgabe könnte künftig im Abstand von einigen Monaten das E-Book folgen, und erst dann die Taschenbuchausgabe.

„Windowing“ nennt sich diese Technik: Bislang ist in den Vereinigten Staaten meist zeitgleich mit dem Hardcover die elektronische Version erschienen. Das könnte sich nun ändern. Möglicherweise dahingehend, dass man die Lizenz erst an Apple vergibt, und Amazon später zum Zug kommt. Der Billigste zuletzt, das ergibt für die Stringenz der Verwertungskette durchaus Sinn. Anderseits: Amazon ist als Buchhändler weiterhin ein großer und überlebenswichtiger Partner für die meisten Verlage. Eine Lösung, mit der beide Seiten leben können, sollte nicht ausgeschlossen werden.

Umsatz verzwanzigfacht

Viele deutsche Verlage verhalten sich weiterhin eher abwartend, denn zupackend: Zu ungewiss, zu teuer erscheint ihnen der Handel mit den Digitalisaten. In Werbung zu investieren, ist noch die Ausnahme. Rüdiger Salat, beim Stuttgarter Holtzbrinck Konzern für die Publikumsverlage zuständig (Rowohlt, S. Fischer, Kiepenheuer & Witsch, Macmillan und andere), sieht dem iPad deswegen zuversichtlich entgegen. Technisch sei man „bestens vorbereitet“, wenn man sich vertraglich geeinigt habe, könne „Apple in zwei Monaten alle unsere Bücher haben“.

Das E-Book werde deutlich attraktiver werden, Salat hätte das neue Gerät „lieber heute als morgen“. Deutschlands größte Verlagsgruppe Random House hat ebenso wie Holtzbrinck in die digitale Buchzukunft investiert. Bei der Präsentation in San Francisco tauchte indes der zu Bertelsmann gehörende Buchkonzern nicht auf der Partnerliste auf. Claudia Limmer, Konzernsprecherin von Random House Deutschland, begrüßt „die Einführung neuer Lesegräte grundsätzlich“, wollte sich aber - da das Gerät „noch Zukunftsmusik ist“ - nicht weiter äußern. 2009 habe sich der Umsatz im Vergleich zum Vorjahr um einen sechsstelligen Euro-Betrag „verzwanzigfacht“ und man rechne mit einer „stürmischen Entwicklung“.

Prognosen zum bevorstehenden Tod des Kindle

Beim Kölner Verlag Kiepenheuer & Witsch wird man konkreter: Zwar sei das Geschäft mit E-Books bislang marginal gewesen, aber das müsse nicht so bleiben. Derzeit sei eine Download-Version von Frank Schätzings Bestseller „Limit“ in Vorbereitung, die zusätzliches Material wie Interviews, Skizzen des Autors, Graphiken und anderes Bildmaterial enthält. Das Kalkül: Schätzing, dessen Thriller technikaffine Leser anziehen, soll im Netz ein größeres Publikum finden.

KiWi-Verleger Helge Malchow zeigt sich vor allem skeptisch, was die Qualität des Displays betrifft. Er glaubt, „dass die Bildschirmtechnik des Kindle und des Sony-Reader für längere Lesestrecken besser geeignet ist.“ Tatsächlich gilt das Lesegerät von Amazon wegen seiner Tintentechnologie als die bessere Wahl für Buchleser, aber es ist multimedial nicht einsetzbar. Deshalb überwiegt die Zahl der Prognosen, die dem Kindle ein baldiges Ableben vorhersagen. Der Kindle, vermutet Rüdiger Salat, werde bald „im Deutschen Museum in München in einer Glasvitrine stehen - am Ende der Abteilung Drucktechnik.“

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