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Zu Ehren des Autors Der Michael-Althen-Preis für Kritik

Am 15. September ist Einsendeschluss: Zur Erinnerung an Michael Althen, Redakteur und Filmkritiker der F.A.Z. von 2001 bis 2011, schreibt diese Zeitung einen Preis aus. Gewürdigt werden soll eine Form der Kritik, in der analytische Schärfe und Emotion einander bedingen und ergänzen.

© Frank Röth Vergrößern Michael Althen (1962-2011)

Am 12. Mai 2011 ist Michael Althen gestorben, und seitdem fehlt er, sehr - uns, seinen Lesern, die, wenn sie sich in seine Texte vertieften, immer wieder vor dieser einen Frage standen: Wie schön, dass er so viel weiß über die Filme (die Bücher, die Menschen, die Orte), über die er schreibt - aber woher weiß er so viel über mich? Woran liegt es also, dass er über Erfahrungen und Empfindungen schreibt, von denen ich dachte, ich wäre mit ihnen allein? Und zugleich fehlt Michael Althen all denen, über deren Werke und Auftritte er schrieb, den Schauspielern, den Autoren, den Regisseuren und Künstlern. Kein Kritiker wurde von denen, die er kritisierte, so genau gelesen und so aufrichtig verehrt und manchmal geliebt wie er - und wie das eine mit dem anderen zusammenhängt, das ist ja der Zauber, das Geheimnis, das Wunder dieser Texte.

Man kann versuchen, diesen Zauber ganz schlicht zu beschreiben: Michael Althen hat nicht vergessen, wer er im Leben war und was er von diesem Leben wollte, wenn er über Werke der Kunst schrieb. Die Texte waren lebensnah, ihr Autor hatte ein Herz.

An den Verlust erinnern und ihn lindern

Man kann es auch ein bisschen komplizierter ausdrücken: Diese Texte schauten sich selbst sehr genau und kritisch beim Schauen, Lesen, Schreiben zu; sie reflektierten die Bedingungen des Mitfühlens und des Nachdenkens so anschaulich, dass man, einerseits, sofort bereit war, diesem Kritiker und seinen Urteilen zu vertrauen. Und andererseits fühlte man sich selbst ernst genommen, wenn man ein Buch zuklappte oder das Kino verließ und sich dabei ertappte, dass man womöglich zu einem analytischen Gedanken noch gar nicht fähig war. Nur zu ein paar Gefühlen - ganz egal, ob es Verunsicherung, Jubel oder Abscheu war.

Und dafür haben ihn die Schöpfer so verehrt: nicht weil er, wie das weniger gute Kritiker tun, nur in den Betrieb, ins jeweilige Milieu hineingesprochen hätte, sondern weil dieser Kritiker genau der Zuschauer (oder Leser) war, den man sich wünscht als Künstler. Und wenn so einer zu dem Schluss kam, dass das Werk, welches er besprach, nicht so ganz gelungen sei, dann war das schmerzlich, und womöglich war es wahr. So wurden Althens Texte von den Künstlern gelesen.

Er fehlt uns, und das wird wohl noch lange so bleiben - und weil das Jammern allein aber keine Lösung ist, hat sich diese Zeitung entschlossen, die Erinnerung an Michael Althen zu verbinden mit dem Appell, Althens Texte immer wieder zu lesen und sich von ihnen inspirieren zu lassen: Diese Zeitung begründet den Michael-Althen-Preis für Kritik, der von diesem Jahr an jeden Herbst vergeben werden soll. Es geht nicht bloß um Filmkritik. Es geht aber um Kritik, die nicht unbedingt recht haben will, um Kritik, die sich die eigenen Gefühle nicht mit wasserdichten Begriffen vom Hals hält, um Kritik, die vom Bewusstsein lebt, dass analytische Schärfe und Wahrhaftigkeit der Emotion einander nicht ausschließen.

Wir hoffen, dass der Preis beides leisten kann: an den ungeheuren Verlust zu erinnern - und zugleich zu versuchen, diesen Verlust zu lindern. Und weil sich große Jurys nur auf kleine Nenner einigen, wird die Jury klein bleiben und besetzt sein mit Menschen, über welche sonst Kritiken geschrieben werden: Autoren, Schauspielern, Regisseuren. Und so setzt sich die Jury zusammen:

Claudia Michelsen © Felix Seuffert Vergrößern Claudia Michelsen

Die Schauspielerin Claudia Michelsen (*1969 in Dresden, lebt in Berlin) begann ihre Karriere mit fünfzehn Jahren an der Berliner „Ernst Busch“ Schauspielschule, spielte mit Neunzehn an der Volksbühne und später Hauptrollen in Jean-Luc Godards „Deutschland Neu(n) Null“ oder in „Drei Chinesen mit dem Kontrabass“. Sie arbeitet heute hauptsächlich für das Fernsehen, spielt im „Tatort“ und stellt im ZDF-Freitagskrimi „Flemming“ die Kommissarin Ann Gittel dar. Im Oktober wird sie in der Verfilmung von Uwe Tellkamps Vorwende-Roman „Der Turm“ zu sehen sein.

Regisseur Graf feiert 60. Geburtstag © dpa Vergrößern Dominik Graf

Der Regisseur Dominik Graf (*1952 in München) dreht Kino- und Fernseh-Filme, insbesondere Krimis. In seiner vielgelobten zehnteiligen Serie „Im Angesicht des Verbrechens“ beschäftigte er sich intensiv mit dem Mafiamilieu. Er gewann zehn Mal und damit so oft wie noch kein anderer den Grimme-Preis, zuletzt 2012 für „Dreileben“. Für die Filmessays „München – Geheimnisse einer Stadt“ und „Das Wispern im Berg der Dinge“ arbeitete Graf mit Michael Althen zusammen.

Daniel Kehlmann © Helmut Fricke Vergrößern Daniel Kehlmann

Daniel Kehlmann (*1975 in München, lebt in Wien und Berlin) hatte mit der „Vermessung der Welt“ den größten internationalen Bucherfolg eines jungen deutschen Autors seit langer Zeit, indem er die abenteuerlichen Weltreisen von Alexander von Humboldt und Carl Friedrich Gauß halbfiktional erzählte. Der Sohn des Filmemachers Michael Kehlmann studierte Philosophie, verehrt die großen Erzähler wie Updike und bewegt sich in seinen Roman immer knapp an der Grenze zum Traumhaften.

Tom Tykwer (*1965 in Wuppertal) ist Regisseur von „Das Parfum“, „Lola rennt“, „Der Krieger und die Kaiserin“ und dem Agentenfilm „The International“. Er produzierte unter anderem „Absolute Giganten“ und initiierte das Kollektiv-Filmprojekt „Deutschland 09“, an dem große Teile der deutschen Regie-Elite beteiligt waren. Tykwer ist außerdem Musiker und hat mittlerweile alle seine Filme musikalisch vertont. Der neue Film „Cloud Atlas“ ist ein Gemeinschaftsprojekt mit den „Matrix“-Regisseuren Andy und Lena Wachowski und kommt im November in die Kinos.

Hinter blinden Fenstern © ZDF/Walter Wehner Vergrößern Hanns Zischler

Hanns Zischler (*1947 in Nürnberg, lebt in Berlin) wurde in den 70er Jahren vom jungen Filmstudenten Wim Wenders entdeckt und ist mit fast 200 Rollen als Mossad-Agent, Nazi, Killer oder Lebemann einer der meistbeschäftigten Schauspieler der Landes – ohne, dass er je eine Schauspielschule besucht hat. Godard bezeichnete ihn wegen seines lakonischen und zurückhaltenden Stils als „Gentleman Actor“. Er arbeitet auch als Dramaturg, Regisseur und Autor von Büchern wie „Kafka geht ins Kino“.

Der Michael-Althen-Preis: Die Bedingungen

Der Preis ist mit 10.000 Euro dotiert. Bewerben kann sich im Prinzip jeder, der zwischen dem 15. September 2011 und dem 15. September 2012 eine Kritik veröffentlicht hat (oder der eine Kritik, die in diesem Zeitraum erschienen ist, für preiswürdig hält und einreichen möchte) – wobei wir um Verständnis dafür bitten, dass uns die Begutachtung deutschsprachiger Texte leichter fällt.

Die Preisverleihung findet Mitte Oktober statt.

Bewerbungen können auch online eingereicht werden unter: michael-althen-preis@faz.de
 

Quelle: F.A.S.

 
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