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Zu Besuch bei Ernst Augustin : Der Buddha im teefarbenen Licht

  • -Aktualisiert am

Aus Worten baut er seine Zauber-Häuser: Der Schriftsteller Ernst Augustin daheim in München Bild: Regina Schmeken/SZ Photo/laif

Metaphysischer Witz und Aberwitz: Im Alter von 84 Jahren legt Ernst Augustin seinen vielleicht letzten Roman vor. „Robinsons blaues Haus“ ist ein Handbuch des Wohnens und des Lebens. Ein Besuch in München.

          Von außen fällt das Gebäude nicht auf. Es ist kleiner und nicht so sorgfältig renoviert wie die herausgeputzten Nachbarhäuser, aber die sind kein Maßstab. Der Vorgarten ist winzig, und jetzt stehe ich auch schon vor drei Klingeln mit handgeschriebenen Namen: Kalanke (der Geburtsname von Augustins Frau), Augustin und ein dritter, der mir nichts sagt. Vielleicht ist er ausgedacht, weil aller guten Dinge drei sind. So wie die meisten der zehn Romane des 1927 im Riesengebirge zur Welt gekommenen Schriftstellers und Psychiaters Ernst Augustin aus drei Teilen bestehen. Ich läute, etwas länger als nötig. Stille. Hat er den Termin vergessen?

          Wie lange leben die Augustins hier? Ihr Haus taucht schon im Roman „Raumlicht: Der Fall Evelyne B.“ auf, der vor mehr als 35 Jahren erschien. „Es gehört zu meinem Plan, dass ich nicht auffalle“, ließ Augustin seinen Ich-Erzähler damals beginnen. „Ich wohne in einem bürgerlichen Stadtteil Münchens, wo die Leute auf der Straße zum nahe gelegenen Nymphenburger Kanal wandern, Handwerksmeister, Beamte, wenig Ausländer. Und ich wohne in einer Straße mit kleinherrschaftlichen Häusern, die auch heute noch so aussehen, von denen meines das schmalste ist“ - die Orffstraße anno 1975. Das Wunder dieses Hauses, im Roman wie in Wirklichkeit, erahnt man erst, wenn man im Flur steht: Es steckt in der Tiefe. Hat da jemand gerufen?

          „Sind Sie es?“, fragt der Blinde

          Als Augustin bei unserer ersten Begegnung begeistert von beleuchteten Plexiglassäulen erzählte, die er in seine hauseigene Disco eingebaut habe, glaubte ich ihm kein Wort. Ein paar Jahre später lud er mich zu sich nach München ein. Es gab Kaffee und Kuchen im Schatten eines großen Modells der Pariser Oper, und danach ging die Vorführung richtig los: Gleich um die Ecke gelangten wir in eine Cocktailbar; im Flur führte eine Treppe ins Nichts; ein Schlafzimmer präsentierte sich im venezianischen Stil. Sie hätte gern in Italien gewohnt, da habe sie sich Italien eben gemalt - das erklärte mir Inge Augustin, die Malerin, die Augustin 1953 geheiratet hat. Aus dem Trompe-l’œil-Italien gelangten wir damals in ein kleines Arbeitszimmer, ganz in Mahagoni gehalten, wo mir Augustin einen Manhattan anbot. Die Cocktailkirsche schimmerte rotbraun wie die Regale, und der ganze Raum war, um den Meister selbst zu zitieren, erfüllt von „teefarbenem Licht“. Schließlich ging es in die Kellerdisco. Die Plexiglassäulen strahlten von innen, die Salsa schepperte aus den Lautsprechern.

          Auf der anderen Seite der Tür geschieht etwas, das Schloss bewegt sich. „Sind Sie es?“ Wenn man Ernst Augustin in die Augen sieht, vergisst man fast, dass er seit drei Jahren so gut wie blind ist. Der helle Teppich auf der Treppe ist neu, damit der Hausherr den vertrauten Weg erahnen kann. „Man muss eben die Möglichkeiten nutzen.“ Etwas später sitzen wir wieder im Arbeitszimmer, diesem Humidor, dieser Kajüte voller Bücher und Kitsch, eigentlich genauso wie damals, im Jahr vor der Blindheit.

          Der eigenen Existenz eine Form geben

          Unter dem Modell eines Dreimasters hat er die Handschrift seines neuen Romans „Robinsons blaues Haus“ bereitgelegt. Hatte er früher eine kleine, schwer lesbare Bleistiftschrift, sind seine Buchstaben jetzt riesig und schwarz. Neben den überdimensionalen, mit bunten Nummern versehenen Manuskriptseiten nimmt sich das gedruckte Buch fast wie ein Reclamheft aus. „Na, so was hammse noch nich’ gesehn.“ Nichts verrät Augustins Herkunft so deutlich wie die Melodie solcher kleinen Bemerkungen: Die Schulzeit verbrachte er in Schwerin. So ist es kein Zufall, dass sein neuer Roman ausgerechnet im mecklenburgischen Grevesmühlen beginnt. Es ist das Land seiner Kindheit, handelt es sich bei dem Buch doch auch um so etwas wie die Fiktion einer Autobiographie.

          „An sich ist mein ,Robinson‘ ein Handbuch des Wohnens, wobei das Wohnen gleichbedeutend mit Leben ist.“ Die kleinste Wohnung bestehe aus einem Mantel, und die größte sei eine Insel in der blauen, blauen Südsee, auf der man kein Haus nötig hat. Die Mitte aber bilde das „Imperium der Besenkammern“, und diese bewohnbaren Tresore mit Holzvertäfelung gleichen ziemlich genau dem Zimmer, in dem wir uns befinden. „Ich habe mir viele Räume geschaffen. Es ging mir darum, der eigenen Existenz eine Form zu geben, dreidimensional. Und jetzt, in meiner Blindheit, ist dieses Haus hier mein ganzes Leben. Dies ist meine Welt, sie ist nicht mehr größer.“

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