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Zeit für Bücher : Betreutes Lesen

Schwielowsee vs. Buch: Jetzt bloß nicht zu viel in die Landschaft gucken. Bild: dpa

Ob diese Literaturkritiker das wirklich alles lesen? Der Hanser-Verlag geht auf Nummer sicher und mietet eine einsame Hütte.

          Frühjahr und Herbst sind die Jahreszeiten, die an Literaturkritikern spurlos vorüberziehen. Denn die Verlage folgen mit ihren Neuerscheinungen dem Kreislauf der Natur. Wenn sich im Vorfrühling die Krokusse durch den letzten Schnee kämpfen, trudeln die ersten Verlagsankündigungen per Mail ein. Wenn draußen Forsythien und Birnbäume erste Farben ins Bild bringen, folgen die Programmvorschauen. Die Broschüren mit den großen Bildern und den vielen Stimmen sind ein einziges Versprechen.

          Blühen dann die Apfelbäume, haben die Verlage ihre Arbeit getan, und für die Kritiker wird es ernst – und dunkel. Denn nun türmen sich die vielen Bücher auf der Fensterbank zu einer Wand, die bis an die Zimmerdecke reicht. Jetzt ist Ausdauer und Deckenlicht gefragt. Doch nicht alle Verlage wollen die Kritiker auch in dieser heiklen Phase ihrem Schicksal überlassen. Schließlich sind die Möglichkeiten unendlich und die Gefahren groß: Ein Buch kann wieder weggelegt, ein Gedichtband dem Schmöker vorgezogen werden, das Porträt eines Wissenschaftlers im Ausnahmezustand der Adoptionsgeschichte aus Norddeutschland zum Opfer fallen.

          Nur Kühlschrank, Waldeinsamkeit und Buch

          Im Fall von Hanya Yanagiharas Roman „Ein wenig Leben“ wollte der Hanser Berlin Verlag schon im Vorfrühling auf Nummer sicher gehen. Immerhin handelt es sich bei der Geschichte um vier junge Männer aus New York um einen Wälzer von knapp tausend Seiten. Und weil Verlage zu wissen glauben, dass zwar der Normalleser dicke Bücher liebt, der professionelle mit seinem Pensum aber nicht unbedingt, hat der Verlag für diese flüchtige Klientel ein „Betreutes Lesen“ organisiert. Fünfzehn Kritiker, Blogger und Buchhändler erhielten die Einladung zu einem sogenannten „Lese-Retreat“: drei Tage in einer Holzhütte in Brandenburg, in der sie nichts anderes erwartete als ein gefüllter Kühlschrank, Waldeinsamkeit und das dicke Buch.

          Der Pressesprecher fuhr seine Expeditionsteilnehmer höchstpersönlich nach Ferch am Schwielowsee, wie zu lesen ist. Vielleicht aus Sorge, jemand könnte es sich auf dem Weg noch einmal anders überlegen. Auf der Autofahrt machte er für die Schützlinge eine Rechnung auf: Acht Stunden à vierzig Seiten, damit seien die 960 Seiten in drei Tragen gut zu bewältigen. Eine Kritikerin konnte dem „Leseexperiment“ in ihrem Bericht eine grundsätzliche Erfahrung abgewinnen: „Die Einladung zum ungestörten Lesen ist auch eine Einladung zum Nachdenken über das Lesen.“ Eine Bloggerin notierte in ihr „Lesetagebuch“: „Drei Tage lesen. Nichts anderes als lesen, lesen, lesen. Gut, vielleicht zwischendurch mal einen Tee kochen, etwas essen, spazierengehen... Nur Natur und das Buch und ich.“

          Die innige Zweisamkeit mit einem Buch war ihr aber wohl doch nicht geheuer, jedenfalls hatte sie sicherheitshalber „ihren Liebsten“ in die brandenburgische Wildnis mitgenommen: „Neben der Müslischale liegt das Buch, doch immer wieder schweift mein Blick zum Fenster und hinaus“, hält sie fest und geht prompt raus zum See. Es hilft nichts: Wer lesen will, darf nicht aus dem Fenster schauen. Was in verträumter Landschaft noch schwerer ist als anderswo.

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