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Wulf Segebrecht Nach Atlantis: „Der goldene Topf“ von E.T.A. Hoffmann

06.02.2006 ·  E.T.A. Hoffmanns „Der Goldene Topf“ ist Märchen und Antimärchen zugleich: Es reicht in die „uralte Zeit“ der Feuer-, Wasser- und Erdgeister zurück. Es weist ins Land der Poesie und spielt zugleich in der aktuellen Gegenwart.

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„Am Himmelfahrtstage, nachmittags um drei Uhr rannte ein junger Mensch in Dresden durchs Schwarze Tor und geradezu in einen Korb mit Äpfeln und Kuchen hinein, die ein altes häßliches Weib feilbot.“ Es ist der Student Anselmus. Er war mir gleich sympathisch, und ich gönnte ihm von Herzen die „höchste Seligkeit“, die der Tolpatsch empfand, als er am Elbufer unter einem Holunderbaum sehnsuchtsvoll in die dunkelblauen Augen der goldgrünen Schlange Serpentina blickte. Ich glaube, ein wenig identifizierte ich mich damals als Schüler mit diesem weltfremden Anselmus.

Jedenfalls stand für mich fest, daß sein „poetisches Gemüt“ für die Welt der Spießer viel zu schade war und daß er den Gebilden seiner Phantasie treu bleiben und sich zum Dichter entwickeln mußte. Das tut er denn ja auch unter der Anleitung des Archivarius Lindhorst, so daß er sich am Ende, selig vereint mit Serpentina, nach Atlantis, in das Land der Poesie, versetzt sieht.

Alle Zwistigkeiten und Zerrissenheiten aufgehoben

Später, nun selber Student, las ich den „Goldenen Topf“ erneut und mit veränderten Augen: Das „Märchen aus der neuen Zeit“ (so Hoffmanns eigene Bezeichnung) schien mir nun Märchen und Antimärchen zugleich zu sein. Ein Märchen: denn es reicht in die „uralte Zeit“ der Feuer-, Wasser- und Erdgeister zurück, die unerlöst die Erde bevölkern, einander befehden und die Welt bis auf den heutigen Tag entzweien. Aber auch ein Antimärchen: denn es spielt zugleich - im Gegensatz zu den herkömmlichen Volksmärchen - an einem konkreten Ort der bürgerlichen Gesellschaft und in der aktuellen Gegenwart, in der „die Sprache der Natur dem entarteten Geschlecht der Menschen nicht mehr verständlich“ ist.

Erst aus der Verbindung des Märchens mit dem Antimärchen, der alten mit der aktuellen Zeit, kann das „Märchen aus der neuen Zeit“ entstehen, in dem alle Zwistigkeiten und Zerrissenheiten aufgehoben sind und eine Rückkehr in das verlorene Paradies, in das goldene Zeitalter möglich wird. Der goldene Topf, den Serpentina als Mitgift in die Ehe mit dem Anselmus einbringt, ist das Symbol dieses goldenen Zeitalters.

„Der goldene Topf“ ist in Band 2/1 der Werkausgabe des Deutschen Klassiker Verlages sowie in zahlreichen Taschenbuchausgaben erhältlich, etwa beim Deutschen Taschenbuch Verlag für 5 Euro.

Quelle: F.A.Z., 06.02.2006, Nr. 31 / Seite 35
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