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Wolfgang Schneider Trostlosigkeit zum Genießen: „Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern“

23.01.2006 ·  Andere Märchen erfreuen durch Verwicklungen, die zum guten Ende führen. Dieses hat weder ein gutes Ende noch Verwicklungen. Und doch brennt sich Andersens „Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern“ jedem Leser ins Gedächtnis.

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Ich war krank, und zwischen zwei Fieberschüben wurde mir „Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern“ vorgelesen. Kein Text zum Gesundwerden, auch wenn er eine starke Vorstellung von der Kostbarkeit des Lebensfunkens vermittelt. Durch seine doch auch wieder genießbare Trostlosigkeit hat er einen stärkeren Eindruck hinterlassen als jedes andere Märchen. Die allertraurigste Geschichte vom erfrierenden Kind ging mir näher als Rotkäppchens unfreiwilliger Ausflug in den Wolfsmagen, der schon genug zu denken gab.

Andere Märchen erfreuen durch Verwicklungen, die zum guten Ende führen. Dieses hat weder ein gutes Ende noch Verwicklungen. Es ist beinahe statisch, man merkt ihm an, wie es entstanden ist: als Bildbeschreibung. Andersen war aufgefordert worden, für einen Almanach ein Märchen zu liefern. Die Zeichnung war bereits vorhanden - und hatte zündende Wirkung auf den Autor. Er setzte das Bild in Szenen von derart intensiver Anschaulichkeit um, daß sie sich jedem Leser ins Gedächtnis brennen. Besonders eindrucksvoll die Visionen der kleinen Sterbenden im überirdisch hellen Licht der Schwefelhölzchen. Am Ende erscheint, strahlend wie nie zu Lebzeiten, die geliebte Großmutter. Mit ihr fliegt das Mädchen in den Himmel, hinauf zu Gott, wo weder Kälte noch Hunger, noch Angst sind. Ein frommes Ende.

Auch Andersen war ein Barfußläufer

Aber dann wechselt die Perspektive, und wir sehen die ungeschönte Wahrheit: ein erfrorenes Kind am Neujahrsmorgen, daneben die abgebrannten Streichhölzer. „,Es hat sich wärmen wollen', sagte man.“ Da macht sich endlich Mitleid geltend. Aber wer verbirgt sich hinter dem „man“? Wohl dieselben Passanten, denen das Kind mit seiner armseligen Ware zuvor gleichgültig war. Um denen nicht das letzte Wort zu überlassen, versichert der Erzähler am Ende, niemand wisse, was das Mädchen noch „Schönes“ gesehen habe. Das klingt wie Hohn auf das herkömmliche gute Ende und ist doch sehr rührend.

Selbst in diesem düsteren Märchen schimmert Andersens skurriler Humor durch, beim Phantasma der gebratenen Silvestergans: „Die Gans sprang von der Schüssel herunter und wackelte über den Fußboden, Messer und Gabel im Rücken, gerade auf das Mädchen zu.“ Der unerträglich verlockende Gänsebratenduft, wie er kontraststark durch das Märchen weht, war Andersens Madeleine. Er erinnerte sich dabei an die eigene Kindheit, an jene Zeiten des Odenser Elends, in denen der Sohn eines phantasiebegabten und unzufriedenen Schusters selbst ein Barfußläufer war wie das Mädchen mit den Schwefelhölzern im kältesten Winter. Der Dichter vergaß seine Herkunft nicht, auch wenn er dieses Märchen in königlichem Ambiente verfaßte, als prominenter Gast auf Schloß Gravenstein, wo er allabendlich Prinzessinnen zu Tisch führte.

Hans Christian Andersens „Märchen“ sind in einer illustrierten dreibändigen Ausgabe im Insel Verlag für 20 Euro erschienen.

Quelle: F.A.Z., 24.01.2006, Nr. 20 / Seite 35
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