16.02.2006 · Ein Märchen für emanzipierte Frauen als notwendiges Pendant zum Chauvi-Märchen, das nur die Hexe oder die schöne Prinzessin kennt: Svende Merians Umdichtung der „Zauberflasche“.
Es gibt eine Spezies von Märchen, die man als „Geschieht-ihm-recht-Märchen“ bezeichnen könnte. Emanzipierte Frauen mögen sie vermutlich deshalb, weil sie das notwendige Pendant zum Chauvi-Märchen bilden, zu Geschichten für Kinder, bei denen Mütter beim Vorlesen gelegentlich ins Stocken geraten, weil Frauen nicht gut dabei wegkommen: Entweder sie sind Hexen oder böse Stiefmütter. Oder sie sind schön und gut, müssen aber von einem Mann erlöst werden.
Naturgemäß ist dann ihr Lebensziel die Hochzeit und ein Dasein an der Seite dieses klugen, tapferen und auch noch schönen Mannes. So hat sich Svende Merian auf die Suche nach Märchen begeben, die ihrer Meinung nach anders aussahen, bevor Männer sie gesammelt und veröffentlicht haben. Es wird eine frustrierende Suche gewesen sein, denn sie mußte Märchen umschreiben, neu erzählen oder gar erfinden. Aus dieser Sammlung umgedeuteter Märchen gefällt mir eines gut, eines, das man Kindern erzählen kann, aber das sich eigentlich an Erwachsene richtet.
Die Geschichte von der Zauberflasche geht so: Ein Mann, wohl ein sehr durchschnittlicher, heiratet eine junge, schöne Frau. Und weil er über die Maßen eifersüchtig ist, geht er zunächst nicht mehr zur Arbeit, um auf sie zu Hause aufpassen zu können. Als das Geld knapp wird, gibt ihm ein des Wegs kommendes Männlein ein kleines Fläschchen und einen guten Rat. Wenn man seine Frau ansieht und sachte in das Fläschchen pustet, schrumpft sie, so daß man sie in die Flasche sperren und mit sich in der Jackentasche herumtragen kann.
Fröhlich nach dem Waschtag
Am Abend erweckt ein erneutes Pusten sie wieder zu voller Größe. Und zur notwendigen Funktionstüchtigkeit: Irgend jemand muß ja schließlich den tagsüber vernachlässigten Haushalt machen. Gesagt, getan und erfolgreich praktiziert. Aber dann kommt der Tag der großen Wäsche, und die kann die gutwilligste Frau nicht auch noch nachts am dunklen Teich erledigen. Also bekommt sie dafür einen Tag frei. Wie sie so am Teich steht und in die Jackentasche ihres Mannes greift, weil sie nicht deren Inhalt mitwaschen möchte, entdeckt sie das Fläschchen.
Der Zufall will es, daß just in diesem Augenblick ein schöner Jüngling daherkommt. Ein Blick und eine Idee sind eins. Sie pustet, und der Jüngling verschwindet in der Flasche. Natürlich wird am Abend die nicht gewaschene Jacke so hingehängt, daß der Ehemann nichts merkt. Am nächsten Tag pustet er, die Frau verschwindet in der Flasche, wo der Jüngling schon auf sie wartet. Und so leben sie - alle drei - glücklich bis ans Ende ihrer Tage. Nur über eines wundert sich der Ehemann gelegentlich: warum seine Frau seit dem Waschtag abends immer so fröhlich aus dem Fläschchen steigt.