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Sonntag, 19. Februar 2012
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Wolf Wondratschek Heute muß ein Mann einer Frau etwas bieten können

14.08.2003 ·  Nämlich „etwas in der Art eines Ozeans, ein paar zersprungene Sterne, und manchmal, zum Weiterleben, einen Mörder“. Das wußte Wolf Wondratschek schon früh. An diesem Donnerstag wurde der Dichter sechzig.

Von Rose-Maria Gropp
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"Ich lese es heraus aus deinem Wort, / aus der Geschichte der Gebärden, / mit welchen deine Hände um das Werden / sich ründeten, begrenzend, warm und weise. / Du sagtest leben laut und sterben leise / und wiederholtest immer wieder: Sein. / Doch vor dem ersten Tode kam der Mord." Nein, nicht der Dichter Wolf Wondratschek hat hier vor gut einer Generation, sondern der Dichter Rainer Maria Rilke hat vor gut einem Jahrhundert in kühner Form seinen Tag mit einer Schußwunde beginnen lassen. Im "Buch vom mönchischen Leben", ausgerechnet.

Wolf Wondratschek jedenfalls, in den Dingen des Lebens, der Geschlechter und der Liebe ähnlich hochsprachbegabt und ganz eigentlich ein Dichter wie Rainer Maria Rilke, beherrscht die alte immerneue Weise von Liebe und Tod atemberaubend knapp, wie in einem seiner Gloria-Gedichte: "Poesie ist die Erinnerung / an all die Liebenden, die sich / nach dem Tode sehnten und weiterlebten. / Und wenn sie endlich sterben, / wird es zu spät sein / für jeden von uns." Und er weiß die ganz große Corrida, um die es doch immer geht, auch als Sonett zu besingen - die hohe Schule, in der sich die Gefühle an die Kandare der Disziplin legen lassen müssen.

Schätzenswerte Eigenschaften

Dabei verfügt, im vierten Jahrzehnt seines Lebens als ein Autor, Wondratschek über die charmante Impertinenz der Selbstrevision. 1982, in seinem neununddreißigsten Jahr, hat er den Fragebogen des Magazins dieser Zeitung zum Thema, welche Eigenschaften er an einem Mann besonders schätze, beschieden: "Daß er eine Frau befriedigen kann". Und auf die gleiche, den Frauen gewidmete Frage geantwortet: "Melancholie".

Nun soll auf dem Felde des Begehrens schon manches Mal die gemeinsame Lektüre schöne Erfolge gezeitigt haben; der Dichter muß es wissen. Die Melancholie der Frauen indessen - nein, da trumpft es auf, das Größen-Ich des Verführers - vulgo: der Machismo. Bemerkenswert eigentlich, daß bis heute seine Leserinnen - vulgo: die Frauen - niemals diese kleine Schwäche Wondratscheks zuvörderst identifiziert haben, sondern viel eher seine Gabe der Einfühlung, der Introspektion gar ins weibliche Rollenfach. In seinen besten, lyrischen wie prosaischen, Momenten gelingen Wondratschek Sprachbilder in so lapidarer Verdichtung, daß sie wie eine dauernde Reizung im Gehirn nisten.

Gut jedenfalls, daß er ein Dichter ist

Auf die Melancholie der Frauen also, transformiert freilich in schwarze Galligkeit seiner Protagonistin, kommt er 1993 zurück in der Erzählung "Auf dem Graben". Und die hochfahrenden Spätjugendlichen werden in dem jüngsten Roman "Mozarts Friseur" zurechtgestutzt: "Vierzig, das heißt Krise. Vierzigjährige haben entweder den Tod des Unvollendeten verpaßt oder keine Ahnung, was ihnen alles noch blüht." Na also. Liegt doch die große Beleidigung, die Wondratscheks Personage widerfährt, in der unausgelebten Existenz, der immer aufgeschobenen Erfüllung, der unwiederbringlich verlorenen Chance.

Bezaubernd sind Wondratscheks Texte, wenn man seinen Satzmelodien folgt - allenfalls anfallende Füllwörter, seltsame Verschränkungen, maulig monierte Längen: Dies alles geht auf das Konto seiner Musikalität, die in ständigen Schwingungen durch die Verszeilen und Sätze vibriert. Man muß Wondratschek schon dafür danken, daß er ein Dichter ist; das kann halt nicht immer gut ausgehen. Außerdem hat die Welt das Hörbuch erfunden: Wenn zum Beispiel Kirsten Dene oder Wondratschek selbst vorlesen, dann enthüllt sich dieser tragende Rhythmus, die Jamben heben gewissermaßen ihre Füße.

Seinem Hausgott zu Ehren hat der Zweitausendeins-Versand die schönen wilden Gedichte der frühen Jahre noch einmal in einem Band vereinigt. Schon damals schrieb Wondratschek, was bis heute gilt, exklusiv auf eine Plastiktüte: "Es ist vorbei mit der Liebe. / Heute muß ein Mann einer Frau / etwas bieten können. / Etwas in der Art eines Ozeans, / ein paar zersprungene Sterne / und manchmal, / zum Weiterleben, / einen Mörder." Bloß keine Schußwunden mehr, Herr Wondratschek. Wir wünschen uns lieber noch ein paar von den sehr komischen Briefen an diese Kelly, die nie nach New York kommen darf, und gratulieren dem Dichter, der an diesem Donnerstag sechzig Jahre alt geworden ist.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.08.2003, Nr. 187 / Seite 31
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