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Wolf Haas: „Brennerova“ : Die Russinnen sind muskulös wie Hammerwerfer

Bild: Verlag

Eine Krimiserie, die mit Recht Kult genannt werden kann, wird endlich fortgesetzt: Wolf Haas schickt seinen Ermittler Simon Brenner wieder in ein neues Gefecht. Es heißt „Brennerova“.

          Die allergrößte Gefahr ist direkt zu vermeiden. Sie besteht darin, nach der Lektüre eines Buchs von Wolf Haas, in Sonderheit eines seiner „Brenner“-Romane, mindestens drei Tage lang so zu reden, wie der Autor schreibt, oder schlimmer noch: so zu denken wie sein extravagant beschränkter Erzähler. Dieses Prinzip wird gleich auf der zweiten Seite des jüngsten Werks erörtert: „Und das ist eben das Verhexte am Menschen. Da ist er nicht gescheiter als die Maus, die glaubt, dass sie gescheiter als die Falle ist.“ Gemeint ist damit natürlich nicht die Verführung durch den Text, sondern die Verlockung, die von schönen Russinnen im Internet auf einen Mann wie Simon Brenner ausgeht: „Früher hat man gesagt, die Russinnen.“ Das ist nicht wirklich ein vollständiger Satz, aber der Auftakt zum aktuellen Brenner, mit dem Titel „Brennerova“.

          Rose-Maria Gropp

          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

          Und es geht weiter: „Die sind groß und muskulös wie Hammerwerfer, die arbeiten beim Straßenbau, und unter den Achseln haben sie so viele Haare, dass sich noch ein Toupet für ihren Mann ausgehen würde und ein zweites für den ersten Parteisekretär.“ Wer jetzt nicht indigniert aussteigt, der sitzt schon in der Haas-Falle. Samt ihrem gewandelten Russinnen-Bild, denn „da musst du als Mann schon ein Hochhaus haben, damit sich so eine überhaupt von dir scheiden lässt, am besten mit einem Privatzoo, weil Beine wie eine Giraffe, Taille wie eine Wespe, Augen wie die Biene Maja“. Und als Brenner-Gattin hieße so eine dann eben Brennerova.

          Schon ein bisschen ein Frauentränenumfaller

          Mit dem inzwischen klassisch gewordenen „Jetzt ist schon wieder was passiert“, das am Beginn der früheren Brenner-Romane stand, beginnt also „Brennerova“ nicht. Aber das tat auch schon 2009 „Der Brenner und der liebe Gott“ nicht mehr. Denn vor inzwischen gut einem Jahrzehnt war am Ende von „Das ewige Leben“ zwar nicht der Polizist Simon Brenner buchstäblich durchlöchert worden, aber das geschwätzige Ich, das seine Aktivitäten begleitete. Allerdings hatten Brenner-Kenner schon damals nicht so recht an den Tod des Erzählers geglaubt; denn das dauerräsonierende Ich an sich kann schließlich nicht leiblich mundtot gemacht werden. Entsprechend konnten an seiner Wiederkehr nur Humorfreie oder Nichtstrukturalisten Anstoß nehmen, eben Spielverderber.

          Illustration auf der Vorderseite des Buchdeckels
          Illustration auf der Vorderseite des Buchdeckels : Bild: Verlag

          Dem Wiederholungszwang des Wiener Arztes Sigmund Freud wissen sich der Autor Haas und seine Off-Stimme, die inzwischen Kultcharakter - ausnahmsweise sei diese Formel einmal mit Fug und Recht benutzt - hat, zu entziehen. Der Lust, die von der Wiederholung ausgehen kann, frönen beide allerdings ausgiebig, und mit ihnen der geneigte Leser. Zu dessen Spaß sind die schönsten Versatzstücke dieses Idiolekts geblieben, „Hilfsausdruck“ als Verstärkungsvokabel zum Beispiel oder „aber interessant“: „Aber interessant, was so ein Hirn oft zusammendenkt.“ Ja, dem lieben Gott sei Dank für das Hirn von Herrn Haas, dem zudem phänomenale Wortneuschöpfungen entspringen: „Sicher, früher, in seiner Jugend, ist der Brenner schon ein bisschen ein Frauentränenumfaller gewesen, das will ich gar nicht beschönigen, weil die Frauenträne natürlich die Achillesferse des Mannes an und für sich ist da gibt es gar nichts.“ Dennoch, als direkt frauenfreundlich sind die philosophischen Erwägungen des allwissenden und ungeniert kommentierenden Ich nicht zu bezeichnen. Wolf Haas flirtet mit den Niederungen des gesunden Menschenverstands auf höchstem Niveau, und das bleibt einfach höchstes Vergnügen.

          Lebendfallen für Sprachversessene

          Eine Handlung gibt es auch, die Brenner als „Polizist im Ruhestand“ zu detektivischen Aktivitäten ins Rotlichtmilieu von Wien führt, auch ein bisschen nach Russland und in die Mongolei. Alles beginnt, weil die eigentlich abhandengekommene Partnerin Herta wieder in sein Leben tritt, außerdem qua Internet die Russin Nadeshda, die ihre verschwundene Schwester Serafima sucht. Aufgestockt wird das Personal durch einen Rotlichtphilosophen, einen Zuhälterkönig, den gebildeten spirituellen Tätowierer Infra und diverse Komparsen, darunter einige affige Chirurgen, denen mehrere abgehackte Hände Kopfzerbrechen bereiten. Das alles bündelt sich zu einer sehr wenig wahrscheinlichen, dafür in Sachen menschlicher Kondition zutiefst wahren Geschichte, in deren Verlauf der eine oder andere durch Tod ausscheidet - und der Brenner, obwohl inzwischen bald Mitte sechzig, nicht wirklich an Reife gewinnt.

          Illustration auf dem Buchrücken
          Illustration auf dem Buchrücken : Bild: Verlag

          Im Innersten ist Wolf Haas ein unglaublich sorgfältiger Sprachpfleger, ihm unterläuft nicht der kleinste Lapsus Linguae, während er doch ständig diese Entgleisungen seinen Figuren in den Mund legt. Deshalb lässt sich beim Lesen gewissermaßen auf mehreren Ebenen lachen: über die hanebüchenen Geschehnisse, deren unverblümte Gewalt sich mit tränentreibender Komik mischt; oder über den entwaffnenden Sprachwitz, dessen Verfertigung nur Bewunderung erzeugen kann. Staunen wecken obendrein die Abgründe, die sich unter den Taten und den Reden und der Schrift auftun, sie funktionieren gleichsam als Lebendfallen für Sprachversessene und andere Liebhaber.

          Am Ende, genauer: beinahe zum Schluss gönnt Haas sich und seinen Lesern noch einen dieser unglaublichen Momente, wenn er Herta im geistigen Einklang mit dem - inzwischen aus sehr naheliegenden Gründen ehemaligen - Tätowierer Infra den Begriff „Oxymoron“ aussprechen lässt. Herta nimmt dabei nicht die geringste Rücksicht auf ihren, im Altgriechischen kenntnisfreien Gefährten Brenner. Bleibt nur, mit Wolf Haas hinzuzufügen, was überhaupt im ganzen Leben gilt: „Aber interessant. Das war wahr und falsch zugleich.“

          Wolf Haas: „Brennerova“. Roman. Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 2014. 240 S., geb., 20 Euro.

          Quelle: F.A.Z.

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