http://www.faz.net/-gr0-7b26v
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 06.07.2013, 16:35 Uhr

Klagenfurt-Kolumne „Wörtersee“ Höhere Mächte, beglückende Momente

Man muss nicht im Hawaiihemd lesen, um aufzufallen - manchmal gelingt das mit einer ganz leicht erzählten Geschichte. Bei allen Tiefpunkten scheint doch eine höhere Macht dem „Bewerb“ gnädig zu sein.

von

Der Bachmannwettbewerb hat die Literatur dieses Jahr an ihre Grenzen geführt, räumlich, thematisch aber auch literarisch. Da werden wir mitgenommen auf eine Busreise nach Brasilien, betreten das von den Deutschen besetzte Kiew, finden uns wieder in der apokalyptischen Szenerie einer näheren Zukunft oder beugen uns mit einem Insektenforscher hinab auf den Boden. So sehr Zé do Rocks Vortrag „Gott ist Brasilianer, Jesus anscheinend auch“ das Klagenfurter Publikum zum Lachen brachte, das auch am zweiten und dritten Tag erbittert um die Sitzplätze kämpfte, kam das Stück über eine touristische Anekdotenrevue doch nicht hinaus. Es lebt von seiner aus deutschen und portugiesischen Worttrümmern gebauten Kunstsprache und gewann vor allem durch den ulkigen Auftritt des Brasilianers im Hawaiihemd.

Sandra  Kegel Folgen:

Während der Fluchtversuch eines osteuropäischen Mädchens aus ihrem Leben, den die Österreicherin Cordula Simon vortrug, nichtssagend blieb, löste die aus Russland stammende Katja Petrowskaja einen dieser beglückenden Momente aus, die nicht vorhersehbar sind und doch allen im Saal augenblicklich bewusst war: Da erlebt man mit, wie ein Autor vor Publikum identisch wird mit der eigenen Stimme. Katja Petrowskaja , die in Berlin lebt und als Kolumnistin für die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ schreibt, gelang dies mit einer bei aller Verstörung wunderbar leicht erzählten Geschichte. Sie handelt von ihrer jüdischen Großmutter, die 1941 von den Nationalsozialisten verschleppt und ermordet wurde. Wie sich die Literaturwissenschaftlerin, deren Debüt im nächsten Jahr bei Suhrkamp herauskommt, dem Grauen mit den Mitteln der Erinnerung und der Imagination, der Befragung und der Zweifel nähert, ist vielversprechend und rief beim Publikum zunächst Ergriffenheit, dann stürmische Begeisterungsrufe hervor.

Der große Regen kam erst hinterher

Während Katja Petrowskaja  sicherlich zu den Preisträgern des Bachmannwettbewerbes zählen wird, die am Sonntag um elf bekannt gegeben werden, trug die Hamburger Musikerin Nikola Anne Mehlhorn einen Text vor, der in Klagenfurt nichts verloren hat. Ihre mit „Requiem der Vierzigjährigen“ betitelten Szenen einer Ehe stellten den diesjährigen Tiefpunkt einer überraschend anspruchsvollen, vielseitigen und thematisch offenen Auslese dar.

Dass die Tage der deutschsprachigen Literatur unverzichtbar sind, das haben die  bemerkenswerten Texte ebenso vor Augen geführt wie die klug argumentierende, auf die Sache konzentrierte Jury, die durch den Schweizer Kurator Juri Steiner eine neue, ausgefallene Stimme hinzugewonnen hat. Auch wenn der liebe Gott in unserem posttheistischen Zeitalter vor allem durch Abwesenheit glänzt, was in Debatten gleich mehrfach zur Sprache kam, so schien es doch, als habe eine höhere Macht Klagenfurt im Blick behalten. Der große Regen kam jedenfalls erst, als alle Lesungen beendet waren. Autoren, Kritiker, Verleger und Agenten hatten also genug Zeit, sich vorher in den Fluten des Wörthersees abzukühlen. Jetzt heißt es nur noch, den Regen und die Preise abzuwarten.

Mehr zum Thema

Quelle: F.A.Z.

 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Tod einer Musiklegende Wenn Tauben lila Tränen weinen

Er hat die Black Music in eine andere Umlaufbahn gespielt – und dabei alles selbst gemacht. Zum Tod des amerikanischen Pop-Genies Prince. Mehr Von Edo Reents

22.04.2016, 17:47 Uhr | Feuilleton
Moskau Pony bricht vor Bolschoi-Theater aus

Eigentlich herrschte vor dem Bolschoi-Theater in Moskau himmlische Idylle. Die Attraktion: Biblische Figuren aus Styropor und ein Pony als Esel getarnt. Sinnbild für Gewaltlosigkeit und Bescheidenheit. Bis das Pony durchdreht und flieht. Ein Balletttänzer des Bolschoi-Theaters filmt die Szenerie. Mehr

01.05.2016, 14:12 Uhr | Gesellschaft
Bukarester Nationaloper Der Vorhang geht auf, und das Orchester spielt nicht

Zu viele Ausländer im Ballett, die auch noch viel zu viel verdienten, so der Vorwurf in Rumänien. Übersteigerter Nationalismus und giftiger Neid zerstören den guten Ruf der Bukarester Nationaloper. Mehr Von Karl-Peter Schwarz, BUKAREST

27.04.2016, 22:30 Uhr | Gesellschaft
Video Stimmen zum abgelehnten Handelsabkommen in den Niederlanden

Nach der Ablehnung des Handelsabkommens mit der Ukraine haben Bürger in Amsterdam gespalten reagiert. In der ukrainischen Hauptstadt Kiew zeigten sich die Menschen enttäuscht. Die übrigen 27 EU-Staaten haben den Vertrag bereits ratifiziert. Mehr

07.04.2016, 19:14 Uhr | Politik
Tschernobyl Eine Reise in die Zone

Dreißig Jahre nach der Katastrophe ist Tschernobyl immer noch verseucht. Doch Tiere leben und Menschen arbeiten hier – und es kommen Touristen. Wer die Zone noch besichtigen möchte, sollte nicht mehr allzu lange überlegen. Mehr Von Sabine Sasse

26.04.2016, 09:29 Uhr | Gesellschaft
Glosse

Haben Sie auch schon einen Anteilsschein?

Von Michael Hanfeld

Nach der Geburt seiner Tochter schien es, als gebe Mark Zuckerberg seine Facebook-Anteile ab. Doch jetzt wird klar, dass er es nicht so meint. Dieser Konzernchef hat besondere Vorstellungen von Selbstlosigkeit. Mehr 12 51

Abonnieren Sie den Newsletter „Literatur“