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Klagenfurt-Kolumne „Wörtersee“ Höhere Mächte, beglückende Momente

 ·  Man muss nicht im Hawaiihemd lesen, um aufzufallen - manchmal gelingt das mit einer ganz leicht erzählten Geschichte. Bei allen Tiefpunkten scheint doch eine höhere Macht dem „Bewerb“ gnädig zu sein.

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Der Bachmannwettbewerb hat die Literatur dieses Jahr an ihre Grenzen geführt, räumlich, thematisch aber auch literarisch. Da werden wir mitgenommen auf eine Busreise nach Brasilien, betreten das von den Deutschen besetzte Kiew, finden uns wieder in der apokalyptischen Szenerie einer näheren Zukunft oder beugen uns mit einem Insektenforscher hinab auf den Boden. So sehr Zé do Rocks Vortrag „Gott ist Brasilianer, Jesus anscheinend auch“ das Klagenfurter Publikum zum Lachen brachte, das auch am zweiten und dritten Tag erbittert um die Sitzplätze kämpfte, kam das Stück über eine touristische Anekdotenrevue doch nicht hinaus. Es lebt von seiner aus deutschen und portugiesischen Worttrümmern gebauten Kunstsprache und gewann vor allem durch den ulkigen Auftritt des Brasilianers im Hawaiihemd.

Während der Fluchtversuch eines osteuropäischen Mädchens aus ihrem Leben, den die Österreicherin Cordula Simon vortrug, nichtssagend blieb, löste die aus Russland stammende Katja Petrowskaja einen dieser beglückenden Momente aus, die nicht vorhersehbar sind und doch allen im Saal augenblicklich bewusst war: Da erlebt man mit, wie ein Autor vor Publikum identisch wird mit der eigenen Stimme. Katja Petrowskaja , die in Berlin lebt und als Kolumnistin für die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ schreibt, gelang dies mit einer bei aller Verstörung wunderbar leicht erzählten Geschichte. Sie handelt von ihrer jüdischen Großmutter, die 1941 von den Nationalsozialisten verschleppt und ermordet wurde. Wie sich die Literaturwissenschaftlerin, deren Debüt im nächsten Jahr bei Suhrkamp herauskommt, dem Grauen mit den Mitteln der Erinnerung und der Imagination, der Befragung und der Zweifel nähert, ist vielversprechend und rief beim Publikum zunächst Ergriffenheit, dann stürmische Begeisterungsrufe hervor.

Der große Regen kam erst hinterher

Während Katja Petrowskaja  sicherlich zu den Preisträgern des Bachmannwettbewerbes zählen wird, die am Sonntag um elf bekannt gegeben werden, trug die Hamburger Musikerin Nikola Anne Mehlhorn einen Text vor, der in Klagenfurt nichts verloren hat. Ihre mit „Requiem der Vierzigjährigen“ betitelten Szenen einer Ehe stellten den diesjährigen Tiefpunkt einer überraschend anspruchsvollen, vielseitigen und thematisch offenen Auslese dar.

Dass die Tage der deutschsprachigen Literatur unverzichtbar sind, das haben die  bemerkenswerten Texte ebenso vor Augen geführt wie die klug argumentierende, auf die Sache konzentrierte Jury, die durch den Schweizer Kurator Juri Steiner eine neue, ausgefallene Stimme hinzugewonnen hat. Auch wenn der liebe Gott in unserem posttheistischen Zeitalter vor allem durch Abwesenheit glänzt, was in Debatten gleich mehrfach zur Sprache kam, so schien es doch, als habe eine höhere Macht Klagenfurt im Blick behalten. Der große Regen kam jedenfalls erst, als alle Lesungen beendet waren. Autoren, Kritiker, Verleger und Agenten hatten also genug Zeit, sich vorher in den Fluten des Wörthersees abzukühlen. Jetzt heißt es nur noch, den Regen und die Preise abzuwarten.

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