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Bachmann-Wettbewerb Klagenfurt darf nicht sterben

Am 3. Juli beginnt der Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt. Es könnte der letzte sein, denn der ORF will das Wettlesen nicht mehr ausrichten. Aber es darf nicht abgeschafft werden.

© dapd Vergrößern Wo trifft der Autor im Fernsehen sonst so direkt auf seine Kritiker? Blick ins Studio des Bachmann-Wettbewerbs

Alle Jahre wieder, wenn es Sommer wird, bricht über Klagenfurt die Klageflut herein. Das ist so verlässlich wie das Amen in der Kirche. Dann wird in deutschen Feuilletons und österreichischen Kaffeehäusern über Sinn und Unsinn dieses berühmtesten Wettlesens der deutschsprachigen Literatur diskutiert. Freilich stets aus der sicheren Position, dass der Wettbewerb um den Ingeborg-Bachmann-Preis auch nächstes Jahr ganz bestimmt wieder stattfindet.

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 Nun aber könnten die Tage gezählt sein, die Autoren, Kritiker, Verleger, Lektoren und Journalisten seit 1977 Jahr für Jahr an den Wörthersee locken. Der Österreichische Rundfunk hat das Ende des Preises angekündigt. Wie der ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz gestern der österreichischen „Kleinen Zeitung“ sagte, werde das Landesstudio Kärnten den Wettbewerb im nächsten Jahr nicht mehr austragen.

Woher soll das Geld jetzt kommen?

Zwar zeigte sich die Chefin von ORF-Kärnten, Karin Bernhard, von der Nachricht überrascht. Sie hofft, dass der Generaldirektor seine Meinung noch ändern werde, schließlich sei der Bachmann-Preis ein „öffentlich-rechtliches Aushängeschild des ORF“. Aber die 350 000 Euro, die der Wettbewerb alles in allem kostet, müssten für den Fall, dass der ORF abspringt, zu einem großen Teil anderswo aufgetrieben werden. In Zeiten wie diesen ist das keine leichte Aufgabe.

Auch wenn man einwenden mag, dass die junge deutsche Gegenwartsliteratur in Klagenfurt nicht immer hält, was die Ankündigungen versprechen, so ist die Veranstaltung selbst in ihrem ganz eigenen, hochgradig neurotischen Ablauf derart einzigartig, dass man keinesfalls darauf verzichten möchte.

Wo gibt es das noch, dass ein Autor in einer halbstündigen Lesung einen Text vor Publikum und Jury vorträgt, ihn interpretiert wie ein Komponist sein Musikstück? Gefolgt von der anschließenden Debatte der Juroren, die einerseits öffentlich urteilen, sich andererseits selbst wiederum der Beurteilung aussetzen. Die Kritiker müssen ihre Instrumente herzeigen und sich beim allmählichen Verfertigen der Gedanken beim Reden zuhören lassen. Übertragen wird die Show drei Tage lang aus dem stets überhitzten ORF-Theater live von 3sat. Herrlich.

Momente, die mehr Ruhm schaffen als Modelshow

Denn auch wenn die Klage über die schreckenverbreitende Klagenfurter Jury so alt ist wie der Wettbewerb selbst, macht gerade der öffentliche Disput den Reiz dieser ältesten Castingshow des Fernsehens aus. Und trägt zum Erfolg nicht unwesentlich bei. Dass die von Marcel Reich-Ranicki mitbegründeten Tage der deutschsprachigen Literatur mehr Ruhm schaffen als jede Modelshow, sollte dem ORF jedenfalls zu denken geben.

Aller normativen Kraft des Medialen zum Trotz dreht sich in Klagenfurt am Ende doch alles um Literatur. Ein kleines Stück Literatur, nicht länger als sechzehn Seiten darf es sein, das aber im Glücksfall ganze Welten und Seelenlandschaften eröffnet. Die Erwartung, dass dabei immer auch ein Autor aus dem Hut zu zaubern wäre, den gestern noch kein Mensch kannte, ist ein bisschen viel verlangt. Und doch: Es hat solche Momente in Klagenfurt immer wieder gegeben.

Man muss nur einen Blick auf die Liste der Preisträger und Teilnehmer werfen, um sich zu erinnern. Die gerade mit dem Büchnerpreis geehrte Sibylle Lewitscharoff war 1998, als sie nach Kärnten reiste, völlig unbekannt. Und Uwe Tellkamp, Preisträger des Jahres 2004, entlockte der Jurorin Iris Radisch damals die Worte: „Ich glaube, wir haben soeben einen großen Autor entdeckt.“

Der Autor greift in die Aktentasche

Auch Ingo Schulze und Jenny Erpenbeck, Thomas Hettche und Antje Rávic Strubel haben hier die literarische Bühne betreten. Der Hanser-Lektor Wolfgang Matz kann sich noch gut daran erinnern, wie er Arno Geiger in Klagenfurt entdeckte. Der Autor („Der alte König in seinem Exil“) war Mitte zwanzig und hatte noch nichts veröffentlicht. Nach der Lesung ging Matz auf ihn zu und fragte, ob er neben dem vorgetragenen Stück noch andere Texte habe. Da griff Arno Geiger in seine Aktentasche und zog zwei Stapel Papier hervor: der eine ein Roman, der andere ein Erzählband. Im Jahr darauf veröffentlichte Hanser sein Debüt.

Auf die Ankündigung des ORF reagierte der Klagenfurter Kulturstadtrat Albert Gunzer entsetzt: „So geht man nicht mit langjährigen Partnern um.“ Mit ihm habe noch niemand gesprochen. Die Stadt Klagenfurt stiftet das Preisgeld für den Hauptpreis in Höhe von 25.000 Euro und investiert etwa 60.000 Euro in die Veranstaltung.

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Der Bachmann-Wettbewerb ist der erfrischendste Betriebsausflug der deutschsprachigen Literatur. Nicht nur wegen des nahe gelegenen Sees, der am Abend die Hierarchien des Tages sprengt, wenn der Juror, vor dem der Autor eben noch zitterte, in der Wasserschlacht besiegt wird. Sondern vor allem wegen der jungen Autoren, die hier, noch fern der Kanonisierung, ihre Arbeiten präsentieren. In Klagenfurt über Literatur zu reden heißt, Pionierarbeit zu leisten. Das sollte nicht einfach so aufgegeben werden. Nur wer im See war, gehört dazu.

Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 23.06.2013, 09:00 Uhr