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Veröffentlicht: 17.03.2016, 08:14 Uhr

Büchermarkt Wie schreibt man Bestseller?

Selbst wenn Autoren und Verleger wüssten, wie es funktioniert, würden sie es kaum verraten. Zur Leipziger Buchmesse haben wir ein paar Rezepte zusammengestellt – ohne Gewähr.

© dpa Es muss doch ein Geheimrezept für den Bestsellererfolg geben, oder?

Titelwahl

Wir stehen vor einem Wunder“, sagt Wolfgang Ferchl, Verleger bei Knaus, „nämlich dem ganz großen Erfolg, und versuchen ihn zu erklären. Von einem Bestseller können wir aber nichts lernen - außer, dass wir nichts falsch gemacht haben.“ Also auch nicht bei der Titelwahl im Falle von Dörte Hansens „Altes Land“, dem meistverkauften gebundenen Roman der letzten zwölf Monate. Schon das über eine Literaturagentur angebotene Manuskript trug diesen Namen, doch im Münchener Verlag wurde lange debattiert, ob es nicht von Nachteil sein könne, dass der Roman auf diese Weise einen regionalen Anstrich bekomme.

Heute weiß Ferchl, dass man sich die Frage unnütz gestellt hat: „Die meisten Leute wissen gar nicht, dass das Alte Land ein Obstanbaugebiet an der Elbe ist. Und die, die es wissen, wohnen meist dort oben und haben eh kein Problem damit, ihre Heimat als Schauplatz eines Romans wiederzufinden. Wir wurden sogar schon für den Titel gelobt, weil der ein so geschickter Verweis auf die in der Vergangenheit angesiedelten Passagen des Romans wäre.“

Als ich Dörte Hansen genau vor einem Jahr bei der Leipziger Buchmesse traf, staunte sie noch über den Anfangserfolg ihres damals erst seit ein paar Wochen erhältlichen Debütromans, der jedoch bereits in die vierte Auflage ging. Heute, etliche Monate auf Platz eins der „Spiegel“-

Bestsellerliste später und derzeit dort immer noch an vierter Stelle, hat sich „Altes Land“ etwa 400 000 Mal verkauft. Vor allem der unabhängige Buchhandel, so Ferchl, habe das Buch sehr empfohlen - prompt gewann es denn auch den im letzten Jahr erstmals verliehenen Titel „Lieblingsbuch des Jahres“, der durch eine Umfrage in den noch inhabergeführten Buchhandlungen ermittelt wird. Aber jeder Bestseller habe seine eigene DNA, sagt Ferchl, und hier habe sich auch die Bereitschaft der Autorin, sich aufs Publikum einzulassen, ausgezahlt.

Talkshowauftritte von Dörte Hansen habe es dagegen erst ganz spät gegeben, als das Buch längst schon ein Renner war. Das Interesse hält ungebrochen an, und so wird die Taschenbuchausgabe nicht vor 2017 erscheinen. Und es sind ein Dutzend Übersetzungen in Arbeit. Ob auch die „Altes Land“ heißen werden? „Warum nicht?“, sagt Ferchl, von den niederländischen und Luxemburger Übersetzern habe er jeweils schon gehört, das im Buch sei ja alles wie bei ihnen.

Andreas Platthaus

Frankfurter Buchmesse 2008 - Dieter Bohlen präsentiert sein Buch "Der Bohlenweg" auf dem  Stand des Wilhelm Heyne Verlag © Daniel Pilar Vergrößern Dieter Bohlen präsentierte sein Buch „Der Bohlenweg: Planieren statt sanieren“ 2008 auf der Frankfurter Buchmesse. Liegt der Schlüssel zum Erfolg vielleicht im ersten Satz?

Erster Satz

Oft ist die Rede von der „Magie des ersten Satzes“. Bei den wirklich großen Bucherfolgen hat man allerdings eher das Gefühl, erste Sätze funktionierten nach der Regel „Je blöder, desto Bestseller“.

Nehmen wir zum Beispiel Rowohlts Millionengarantin Jojo Moyes: „Ich träumte von Essen.“ So beginnt ihr Roman „Ein Bild von Dir“ (2015). Oder den Weltbestseller „Fifty Shades of Grey“: „Frustiert betrachte ich mich im Spiegel.“Oder den meistverkauften BelletristikTitel des Jahres 2014 in Deutschland, „Morgen kommt ein neuer Himmel“ von Lori Nelson Spielman: „Das Ganze dauerte einhundertdreiundsechzig Tage.“

Geht es noch uninteressanter? Dagegen klingen sogar Einstiege von Dieter Bohlen geradezu poetisch: „Selbst der härteste Winter hat Angst vor dem Frühling“, heißt es in „Der Bohlenweg: Planieren statt sanieren“ (2008). Aber auch scheinbar seriöse Belletristik ist nicht gefeit vor zweifelhaften ersten Sätzen. Stichprobe bei zwei Gewinnern des Deutschen Buchpreises: „Zwei Tage lang hatte er wie tot auf seinem Büffelledersofa gelegen.“ (Eugen Ruge, „In Zeiten des abnehmenden Lichts“, 2011); „Sie beugte sich über ihn, ihre Brüste schwangen nach vorn, ein Duft stieg ihren Bauch entlang hoch, er hob den Kopf ein wenig“ - wir brechen das Zitat aus Terézia Moras „Das Ungeheuer“ (2013) hier anstandshalber ab.

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