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Werner Spies Mein Lieblingsbuch: „Der Hagestolz“

11.08.2004 ·  Das ist das Faszinierende bei Adalbert Stifter: Seine scheinbare Weltfremdheit zieht wie ein Schwamm all das an, was wir von Welt wissen können und wissen wollen.

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Die Beschreibungen der heute durch Geschichte verwirkten Stifterschen Landschaft lassen einen nicht mehr los. Um mich einmal auf den "großen achteckigen Stein von der Gestalt eines sehr in die Länge gezogenen Würfels" setzen zu können, der in den "Bunten Steinen" in der Skizze "Granit" vor dem väterlichen Geburtshaus liegt, pilgerte ich vor Jahren nach Oberplan, südlich vom böhmischen Krumau.

Einzelne Formeln, die gewissermaßen die Darstellung suspendieren, bringen mich zu diesen Büchern zurück. Lese ich Stellen wie "An der Mitternachtsseite", setzt immer erneut die Verzauberung durch die Langsamkeit ein, die bei Adalbert Stifter Dinge und Leben gleichsetzen.

Das Tor zum Unheimlichen aufgestoßen

Unter den Texten, die mich geradezu süchtig machen - süchtig wie sonst nur noch die ersten hundert Seiten von Gontscharows "Oblomow" -, ziehe ich einen heraus: "Der Hagestolz". Das hat seinen Grund darin, daß diese Novelle, deren überarbeitete Fassung 1850 im fünften Band der "Studien" erschien, wie kein anderer Text das Tor zum Unheimlichen aufstößt. Der Gang Viktors auf die Insel, zum Oheim, zu dem Ort, an dem sich "Unglück und Verschulden" eingeschlossen haben, hat etwas Initiatorisches. Man denkt nicht nur an die Toteninsel Böcklins, sondern - und dahinter steckt die fortwirkende Aktualität Stifters - an Stummfilm, an langsame Fahrten mit der Kamera.

Ich kann die abendliche Ankunft am Eisengitter, hinter dem sich der mißtrauische alte Mann gefangengesetzt hat, nie lesen, ohne an die Erregung zu denken, die in Murnaus "Nosferatu" ein unvergeßlicher Zwischentitel hervorbringt: "Als er die andere Seite der Brücke erreichte, kamen ihm die Phantome entgegen." Die Fahrt Hutters durch die Karpaten zum Schloß Nosferatus, der Wegzug Viktors aus der heimatlichen Welt: die zwei Reisen schieben sich übereinander.

Das Faszinierende bei Stifter

Das ist das Faszinierende bei Stifter: seine scheinbare Weltfremdheit zieht wie ein Schwamm all das an, was wir von Welt wissen können und wissen wollen. Im übrigen sorgt der ständige Umgang mit einem Text, ständiger Umgang, der zum "Lieblingsbuch" gehört, dafür, daß sich das Gelesene nach und nach vom Leser fortbewegt. Und allein die vermeintliche Vertrautheit bringt die Distanz zustande, von der unser vergebliches Werben um das Lieblingsbuch abhängig ist.

Das Wiederlesen will die Texte abrichten, so wie Viktor den kleinen Hund abzurichten sucht, den er auf die Insel mitbringt und den der misanthropische Oheim zunächst am liebsten ertränken möchte. Bei der schrittweisen Annäherung an Stifter erscheint dabei auf unerbittliche Weise das mit allen Fasern erlebte inexistente Glück. Kafka wird dies später bereits der ersten Lektüre anbieten.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.08.2004, Nr. 186 / Seite 35
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