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Wenn Frauen morden : Serien sind eigentlich selten ihr Fall

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Fünfundzwanzig Serienmörderinnen hat es in Deutschland seit 1945 gegeben. Der Kriminalhauptkommissar Stephan Harbort hat ein Buch über mordende Frauen geschrieben. Seine gewagte These: Frauen töten zum Selbstschutz.

          In manchen Buchhandlungen gibt es neben den Regalen mit Bestsellern das Mörder-Regal, in denen Kriminalisten, Rechtsmediziner und Gerichtsreporter ihre Erfahrungen dem breiten Publikum zu Belehrung und Erschauern unterbreiten: „Spektakuläre Fälle - vom Gattenmord bis zur Serientötung“ gehört in diese Literaturgattung mit langer Geschichte. Es gibt offenbar viele Menschen, die detailliert und in Ruhe über Verbrechen nachlesen möchten, die in nachmittäglichen Fernsehmagazinen und der Zeitung behandelt werden.

          Stephan Harbort ist dafür ein ausgewiesener Experte. Er ist Kriminalhauptkommissar, also vom Fach, und zudem ein Kenner der einschlägigen kriminologischen und kriminalpsychologischen Literatur. Drei Bücher hat er bereits über Serienmörder geschrieben, die sich auf die Auswertung aller bundesdeutschen Fälle nach dem Krieg stützten. Das Thema war nahezu ausgeschöpft, es fehlten noch die Frauen. Auch bei ihnen gibt es Serienmörderinnen. Allerdings sind mordende Frauen so selten, dass Harbort sich zu Recht auch jener Frauen annimmt, die es nur einmal tun; seine Präferenz gilt allerdings den fünfundzwanzig Serienmörderinnen in Deutschland seit 1945.

          Auf dem Boden soliden Fachwissens

          Das Buch schildert jeweils ausgiebig im Stil der psychologisch verstehenden Gerichtsreportage einen bestimmten Fall, eine bestimmte Täterin, um sodann das Typische der Fallgeschichte zu erläutern und kriminologische Erkenntnisse darzustellen. Das ist eine legitime und unterhaltsame Vorgehensweise, und Harbort bewegt sich stets auf dem Boden soliden Fachwissens. Der Leser erfährt die wesentlichen Unterschiede zwischen männlichen und weiblichen Serienmörder(inne)n: männliche Serientäter töteten überwiegend fremde Opfer, Frauen hingegen Kinder sowie Frauen und Männer, die ihnen nahestanden, die sie kannten, für die sie sorgen sollten.

          Serienmörderinnen waren seltener vorbestraft, kamen häufiger aus intakten Familien, waren sozial besser integriert, öfter verheiratet - oder dann verwitwet - und bei der ersten Tat im Durchschnitt zweiunddreißig Jahre alt. Sie konnten sich dem Zugriff der Ermittler im Schnitt sechseinhalb Jahre entziehen, männliche Serienmörder hingegen nur zweieinhalb Jahre. Während männliche Serientäter erwürgt, erdrosselt, erschossen oder erschlagen haben, haben Frauen ihre Opfer überwiegend vergiftet (oft mit Medikamenten) oder erstickt, was dazu beitrug, dass ihre Tat oft lange unbemerkt blieb.

          Selbstschutz, Selbstachtung, Selbsterhaltung

          Die bedeutendsten Unterschiede findet Harbort in der Motivlage: „Während Männer größtenteils morden, um ihre Opfer auf unterschiedlichste Weise zu beherrschen und zu vernichten, töten Frauen, um sich nicht beherrschen und vernichten zu lassen. Während der männliche Serientäter Grenzen überschreitet, versucht sein weibliches Pendant, Grenzen zu ziehen und zu erhalten.“ Es gehe bei den Frauen vornehmlich um „Selbstschutz, Selbstachtung, Selbsterhaltung“. Korrekt gegendert: Die weibliche Serienmörderin hat edlere Motive als ihr männliches Pendant.

          Allerdings mag nun der Serienmörder (männlich) erklären, es gehe ihm auch nur um Selbstachtung und Selbsterhaltung, vulgo: um Respekt. So ganz griffig ist die Interpretation nicht, denkt man an die auch von Harbort eingehend geschilderten Krankenhausmörderinnen aus Wien, Wuppertal oder Berlin. Ist es ein Akt der Grenzziehung, hilflose Patienten umzubringen? Harbort argumentiert nachdrücklich, die Krankenschwestern seien überlastet, emotional überfordert und ausgebrannt gewesen; „letale Spritzen als radikale Form der Abwehr tiefsitzender Angst und fortwährender Überforderung“. Gleichwohl, ist unbedrängtes Morden wirklich Angstabwehr, waren die Taten wirklich ein Akt des Selbstschutzes, der Selbstachtung und der Selbsterhaltung?

          Ausgesprochen gefühlskalt

          Man stößt darauf, dass es auch sehr schlimme Weisen geben kann, die Selbstachtung zu stabilisieren: das Ausleben von Macht, das Gefühl, Herrin über Leben und Tod zu sein - und Rache zu üben. So sind die Mörderinnen laut Harbort auch nicht besonders sympathisch, sondern oft egoistisch-rücksichtslos, latent aggressiv, unnachgiebig, rechthaberisch und ausgesprochen gefühlskalt. „Nicht selten sind es Frauen, die glauben, im Leben zu kurz gekommen zu sein, oder fürchten, es könne so kommen.“ Das allerdings ist stets eine gefährliche Mischung: Aggressivität, Rechthaberei und das Selbstkonzept, ein Opfer zu sein - das sich deshalb nicht an die Regeln halten muss.

          Harbort beschreibt sechs Täter-Typen. Da ist die Frau, die ihren Intimpartner tötet, weil er sie betrügt oder misshandelt oder weil sie ihn forciert beerben möchte - und nach ihm weitere Männer. Manche Frauen lassen auch töten. Was aber unterscheidet diese Frauen von Millionen anderen, die misshandelt oder betrogen werden, ohne zu töten?

          Auch ein Aufklärungsbuch

          Dann ist da die Frau, die in der eigenen Familie Serienmorde begeht, was unterschiedliche emotionale und finanzielle Vorteile haben kann und oft erstaunlich lange nicht bemerkt wird. Die Fallzahlen sind allerdings extrem klein. Weiter gibt es - auch bei Frauen - die Morde aus Habgier; Opfer sind dabei häufig ältere oder kranke Menschen. Geschildert werden Krankenschwestern-Morde und schließlich auch Taten, bei denen die Initiative zum Verbrechen von Männern ausging, Frauen aber Beihilfe leisteten. Man findet auch ein Kapitel über den bekannten Fall neunfacher Kindstötung in Brieskow-Finkenheerd. Harbort erläutert die besondere Problematik des einst im Strafrecht privilegierten Tatbestandes der Kindstötung unter der Geburt, die ja nicht als „Mord“ zu fassen ist. Es fehlt hingegen ein Kapitel über die eigentümlichen Motivlagen bei Misshandlung und Tötung älterer Kinder durch die Mutter.

          Es ist dies natürlich auch ein Aufklärungsbuch über Frauen. Angefangen hatte die „Wenn Frauen. . .-Serie“ übrigens 1986 mit dem Titel „Wenn Frauen zu sehr lieben“. Dies nun dürfte das logische Ende sein. Fazit: Frauen lieben oft zu sehr und morden doch recht selten. Warum eigentlich?

          Stephan Harbort: „Wenn Frauen morden“. Spektakuläre Fälle - vom Gattenmord bis zur Serientötung. Eichborn Verlag, Frankfurt am Main 2008. 208 S., geb., 16,95 Euro.

          Quelle: F.A.Z.

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