05.11.2004 · Was Andreas Maier derzeit widerfährt, der für ein Stipendium in die Potsdamer Platte einziehen soll, ist eine Provinzposse und ein besonderer Fall medialer Verzerrung. Er könnte direkt aus einem Roman des Autors stammen.
Andreas Maier ist ein feinsinniger Schriftsteller. Ein Skeptiker. Ein Beobachter der Kleinlichkeit. Sein Debüt, erschienen vor vier Jahren, ist ein Roman über die Macht des Hörensagens am Beispiel einiger Provinzler seiner Heimat, der Wetterau, die in Streit geraten und sich heillos in ein Netz aus Mißverständnissen, Intrigen und Eifersüchteleien verstricken.
„Wäldchestag“ wurde hochgelobt, mehrfach ausgezeichnet, und auch „Klausen“, der zweite Roman des jungen Autors, ist sehr gut aufgenommen worden. Hierin erzählt der Schriftsteller eine Geschichte eskalierender Verdächtigungen und Unterstellungen, geboren aus einem Gerücht und übler Nachrede, diesmal in Maiers Wahlheimat Südtirol.
Wie eine Idee des Autors
Als wollte Potsdam den thematischen Vorlieben des Autors entgegenkommen, hat diese Stadt, die Andreas Maier eigentlich Anfang November als ersten Literaturstipendiaten am Ort hatte begrüßen wollen, jetzt eine Situation erzeugt und eine mediale Reaktion begünstigt, wie sie sich der Autor kaum besser hätte ausdenken können.
Ursprünglich hatte Andreas Maier das Stipendium gern angenommen, plant er doch, einen Teil seines vierten Romans - der dritte wird im Frühjahr im Göttinger Wallstein-Verlag erscheinen - in Potsdam spielen zu lassen. Auch jetzt plant Maier seinen Aufenthalt in Potsdam, den er zwar erst mit drei Wochen Verzögerung antreten wird, aber auch dann nie grundsätzlich in frage stellte, als klar wurde, daß im die Landeshauptstadt Brandenburgs nur eine Unterkunft in einem der örtlichen Plattenbausiedlungen anbieten konnte.
Mediale Mutation zum arroganten Schnösel
Der Autor wunderte sich, zurückhaltend, auch ein gewisses Amüsement wird man ihm unterstellen können. Die Jury, die ihn im Auftrag der Stadt auserkoren hatte, äußerte sich besorgt. Die „Potsdamer Neuesten Nachrichten“ sprachen mit dem Autor, der Bürgermeister erhielt einen Brief, die Nachrichtenagentur dpa wurde auf den Fall aufmerksam, die „Westdeutsche Allgemeine“ stieß auf das Thema. Und es wuchs und mutierte.
Und schon ist aus einem Autor, der seine Verwunderung über die angebotene Unterkunft mit dem Hinweis verknüpft hatte, bislang sei er als Stipendiat eben anders untergebracht worden, in einem Schloß beispielsweise, einer Villa oder einem ausgebauten Bauernhaus, ein arroganter Schnösel geworden: „Hessischer Stipendiat will Schloß statt 'Platte'“, titelte die dpa ihre Sicht der Dinge reißerisch, und die „Waz“ setzt noch einen drauf.
Unverdaulicher Brei
„Anspruchsdenken ist eine Eigenschaft, von der wohl kaum ein Mensch wirklich frei ist. Selbst Schriftsteller sind es nicht. Wie das Beispiel von Andreas Maier zeigt. Jetzt ist er wohnungslos“, faßt die Zeitung aus dem Ruhrgebiet zusammen. Das klingt, als sei ein überheblicher Schriftsteller zum Obdachlosen geworden. So schnell kann das gehen. „Die Wohnungsunternehmen fühlten sich von den Ansprüchen des Autors geradezu überfordert“, hat das Blatt erfahren. Der Kommentar der „Waz“ kommt dann aber doch nicht ganz um das Zugeständnis herum, daß Andreas Maier nicht grundsätzlich ablehnend auf das Angebot reagiert hatte.
Die „Potsdamer Neuesten Nachrichten“ sprechen inzwischen von einem „kulturellen, teilweise unverdaulichen Brei der letzten Tage“, zu dem ein Mißverständnis, eine Fehlentscheidung oder ein unüberlegtes Angebot in der medialen Gerüchteküche eingekocht wurden. Jetzt laste der Schatten der Provinzialität auf Potsdam, einer Stadt, die sich immerhin um den Titel Kulturhauptstadt 2010 bewirbt. „Eine Wohnung in der Innenstadt oder in Babelsberg, in der die kulturellen Herzen Potsdams schlagen, wäre angemessen gewesen. Nun kommt Maier nach Potsdam mit dem vorauseilenden Ruf, er habe etwas gegen die Platte - und womöglich gegen die Menschen, die darin leben.“
Diesen Vorwurf wird der Schriftsteller schnell zu entkräften wissen. Und eines wird die besorgten Potsdamer beruhigen: Es steht kaum zu befürchten, daß Andreas Maier die absurde Geschichte, die ihm gerade widerfährt, in seinem neuen Roman verarbeiten wird. So sehr sie sich auch wie ein Stoff des Autors ausnimmt. Das wäre ihm aber wohl doch etwas zu einfach.