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Weibliche Rollenmuster Freiheit für die Rabenmütter!

17.07.2010 ·  Die Französinnen drohen in längst überholte Rollenmuster zurückzufallen: Elisabeth Badinter ist empört - als Philosophin, Ehefrau und Mutter. Ihre Streitschrift wird auch Deutschland spalten.

Von Lena Bopp
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Wann immer es in der Regierung kriselt oder die Wirtschaft wackelt, betritt in Frankreich ein Intellektueller die Bühne, der etwas zum Thema zu sagen hat. Meist handelt es sich um einen aus dem Kreise der üblichen Verdächtigen, um Bernard- Henri Lévy, Alain Finkielkraut, Claude Lanzmann, André Glucksmann oder Régis Debray. Fast nie aber meldet sich eine Frau zu Wort – und dass, obwohl das Denken im Lande der Simone de Beauvoir ja noch nie reine Männersache gewesen ist. Vielleicht aber war es kein Zufall, dass sich die große französische Philosophin auch und vor allem über die Situation der Frauen Gedanken gemacht hat. Und vielleicht ist es auch kein Zufall, dass nun nach langem Schweigen eine weitere Intellektuelle Frankreichs von sich reden macht, deren Namen ebenfalls über die Landesgrenzen hinweg bekannt ist: Elisabeth Badinter.

Sie hat ein Buch geschrieben, das auf die Frage, warum man in Frankreich oder hierzulande nicht mehr Frauen ihres Schlages kennt, eine Antwort gibt. Denn dort wie hier gilt: Die Frau ist dem Mann zwar ebenbürtig. Aber für den Mann ändert sich dadurch nichts. Elisabeth Badinter ist Feministin, ebenso wie sie Historikerin und Expertin für das achtzehnte Jahrhundert ist. Ihr erstes, 1980 erschienenes Buch „L’amour en plus“ war eine Streitschrift der Frauenbewegung, in dem sie dem Mutterinstinkt das Existenzrecht absprach und damit für heftige Debatten sorgte. Jetzt, dreißig Jahre später, tritt sie wieder mit einem Werk an, das die gesellschaftliche Stellung der Frauen schonungslos analysiert.

Sie fürchtet um die Errungenschaften ihres Landes

In wirtschaftlich unsicheren Zeiten wie diesen, in denen starke Beharrungskräfte regieren, wächst Elisabeth Badinter zufolge der Druck auf die Frauen, sich zwischen Kindern und Karriere entscheiden zu müssen. Das ist nicht neu. Ebenso wenig wie die Klage, der von ihr so genannte „Eroberungsfeminismus“, der in erster Linie wirtschaftliche Unabhängigkeit für Frauen fordert, existiere nicht mehr.

Erstaunlich ist aber, dass sich die profilierte Autorin dieses Anliegens ausgerechnet jetzt wieder annimmt – schließlich gilt Frankreich in Sachen Gleichstellungspolitik als vorbildlich. Badinter aber fürchtet um die Errungenschaften ihres Landes. Die kämpferische Verve, mit der sie ihrer Sorge Ausdruck verleiht, hat man lange nicht mehr erlebt – weder bei ihr noch bei anderen Autorinnen. Ende August wird „Le conflit. La femme et la mère“ (Der Konflikt. Die Frau und die Mutter) im C. H. Beck Verlag auf Deutsch erscheinen. Das Werk wird, so viel ist sicher, auch hierzulande für Diskussionen sorgen.

Das Ende der weiblichen Wahlfreiheit?

Um was geht es? Elisabeth Badinter zufolge breitet sich in den westlichen Industrienationen ein bereits überkommen geglaubtes Rollenverständnis abermals aus, welches die Mutterschaft zum Dreh- und Angelpunkt weiblicher Identität erhebt. Seit Jahren entwerfe eine unheilvolle Allianz aus Ökologen und Verhaltensforschern das Bild der „perfekten Mutter“, zu deren Aufgaben es etwa gehört, das Kind so lange wie möglich zu stillen, auf künstliche Nahrung und Wegwerfwindeln zu verzichten und es außerdem bis zum dritten Lebensjahr ganztägig selbst zu betreuen.

Badinter kritisiert die vielfach von Psychologen, Ärzten und Soziologen vertretene These, der zufolge die enge Bindung zwischen Mutter und Kind für die Entwicklung des Nachwuchses entscheidend ist, und spricht von einem um sich greifenden „Naturalismus“, der die Emanzipation gefährde. Dort, wo man sich auf die Natur beruft, um bestimmte, dem Kind angeblich förderliche Verhaltensweisen – also die intensive und ständige Nähe von Mutter und Kind in den ersten Jahren – zu rechtfertigen, sieht Badinter einen Determinismus in Gang gesetzt, der keine Widerrede dulde. Denn wenn nur noch diejenige als gute Mutter gilt, die sich ausschließlich ihren Kindern widmet, ist das Ende der weiblichen Wahlfreiheit erreicht.

Das Kind als bester Verbündeter des Mannes

Dieses Bild von der perfekten Mutter erzeugt Badinter zufolge enormen moralischen Druck. All jene, die diesem Ideal nicht gerecht werden können oder wollen, lässt es mit Schuldgefühlen zurück. Ganz zu schweigen davon, dass es Frauen, die kinderlos sind – sei es, weil sie keine wollen oder haben können – unter Rechtfertigungszwang stellt. Vor allem aber, und darin gipfeln ihre Ausführungen, entbindet ein derartiges Frauenbild die Männer von praktisch aller Verantwortung: Wenn das Wohl des Kindes so essentiell von den Müttern abhängt, müssen sich die Väter zu nichts mehr verpflichtet fühlen. Das Kind werde auf diese Weise, so Badinter, „zum besten Verbündeten des Mannes“.

Das Argument ist natürlich ein bekanntes. Aber dass es nun wieder so scharf formuliert wird, ist sowohl für Frauen wie für Männer eine Provokation. In Frankreich hat man der Autorin entgegnet, dass es viele Männer gebe, die gerne Väter sind und die damit verbundenen Aufgaben rückhaltlos auf sich nehmen. In Badinters Buch ist tatsächlich an so gut wie keiner Stelle die Rede davon, dass Kinder eine Freude und eine Bereicherung sind.

Nirgends haben Frauen soviel zu verlieren wie in Frankreich

Man staunt, dass ausgerechnet eine Französin, noch dazu eine anerkannte Intellektuelle und Mutter von drei Kindern, einen solchen Alarmruf in die Welt sendet. Elisabeth Badinter verweist selbst darauf, dass keine andere Industrienation es den Frauen derart leicht macht, Kinder zu haben und gleichzeitig einem Beruf nachzugehen. Zwar bemängelt sie, dass auch in Frankreich längst nicht ausreichend Krippenplätze zur Verfügung stehen, aber eine Debatte wie bei uns darüber, ob Kleinkinder unter „Fremdbetreuung“ leiden oder nicht, wird dort bisher kaum geführt. Badinter nennt dafür historische Gründe: Zu früheren Zeiten hätten zunächst die adeligen Frauen begonnen, ihre Kinder nach der Geburt Ammen anzuvertrauen, um selbst wieder ihren sozialen Verpflichtungen nachzukommen. Sich derartiges leisten zu können wurde bald zu einem Zeichen sozialer Distinktion, weshalb auch die Vertreterinnen des Bürgertums es ihren bessergestellten Schwestern nachmachten. Und auch wenn Rousseau Ende des achtzehnten Jahrhunderts die Frauen für einige Zeit wieder zurück an den Herd verbannte, hatte die zuvor gepflegte Praxis doch tiefe Spuren im kollektiven Gedächtnis der Nation hinterlassen.

Frankreich kennt keine „Rabenmütter“. Die Geburtenrate von mehr als zwei Kindern pro Frau lässt andere Länder vor Neid erblassen. Vermutlich ist genau das aber auch der Grund dafür, dass man in Frankreich viel sensibler auf Strömungen reagiert, die den Status der Frauen gefährden: Schließlich haben sie nirgendwo so viel zu verlieren wie dort.

Männer, die gerne für ihre Kinder kochen

Der entscheidende Punkt, auf den Badinters Streitschrift hinausläuft, ist allerdings einer, bei dem Frankreich genauso wenig vorangekommen zu sein scheint wie andere Nationen. Zwar ist die Zahl der Frauen, die Kinder haben und arbeiten gehen, dort höher als andernorts. Aber das heißt nicht, dass sich die Arbeit, die zu Hause anfällt, ebenfalls gleichmäßig auf Frau und Mann verteilt. Im Gegenteil: Elisabeth Badinter verweist auf eine Studie des „Institut nationale d’études démographiques“ (INED) von 2009, der zufolge nach wie vor achtzig bis neunzig Prozent der Haushaltsarbeiten von den Frauen erledigt werden. Und sobald Kinder da sind, verstärkt sich diese Tendenz.

Deswegen hat Elisabeth Badinter auch all jene der Naivität bezichtigt, die, wie etwa die Grünen-Politikerin Cécile Duflot, entgegneten, es gebe schließlich auch Männer, die gerne für ihre Kinder kochten. Das mag zwar sein. Und doch sieht es so aus, als würden sie es trotzdem seltener tun. Auf dieses Missverhältnis aber noch einmal hinzuweisen, obwohl viele es nicht mehr hören können und die Autorin in Frankreich schon als „Archofeministin“ bezeichnet wird, darin liegt das Verdienst von Elisabeth Badinters Buch.

Problemlösung durch Rückgriff auf ein überkommenes Rollenmodell?

Wer hätte gedacht, dass es im Jahr 2010 wieder notwendig sein würde, auf Forderungen der Frauenbewegung der siebziger und achtziger Jahre zu pochen, die längst Konsens sein sollten? Doch offenbar ist das Recht auf Wahlfreiheit, ob eine Frau Mutter sein möchte oder nicht, und wenn ja, wie sie die Mutterschaft beruflich und privat gestaltet, ebenso wenig eine Selbstverständlichkeit wie die auch praktische Gleichberechtigung der Geschlechter.

Es reicht womöglich nicht, immer nur zu beklagen, dass wenige Frauen Spitzenpositionen besetzen; dass sie noch immer weniger verdienen als Männer; dass in Frankreich nur wenige von ihnen Zutritt zum Kreis der maßgeblichen Intellektuellen finden. Oder darauf hinzuweisen, dass viel zu wenige Kinder geboren werden – vor allem in Deutschland. Und es genügt erst recht nicht, diese Probleme durch den Rückgriff auf ein überkommenes Rollenmodell lösen zu wollen. Man sollte sich Elisabeth Badinters zentralen Satz noch mal vergegenwärtigen: „Das Kind ist der beste Verbündete des Mannes.“ Was wäre, wenn sie recht hat?

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