09.11.2006 · Kaum hat Jonathan Littell für seinen Roman über einen kultivierten SS-Offizier den renommierten Prix Goncourt erhalten, beginnen in Frankreich die Debatten. Ist diese Themenwahl zulässig? Warum gibt es so wenig neue Literatur aus Opfersicht?
Von Jürg Altwegg, Paris„Die Menschen interessieren sich gar nicht für die Opfer“, stellte Christine Angot vor zwei Monaten fest: „Die wahre Leidenschaft der Leser sind die Henker. Das Geld, die Macht, die Gewalt.“ Ihr Roman „Rendez-vous“ wurde in Frankreich seinerzeit zum Buch des Jahres hochgejubelt. „In zwei Monaten wird sie den Prix Goncourt bekommen“, prophezeite die Tageszeitung „Libération“.
Damals hatte noch keiner von dem 39 Jahre alten amerikanischen, auf französisch schreibenden Autor Jonathan Littell gesprochen, und Angots intuitive Vorahnung von Paradigmenwechsel und Rollentausch in der Literatur war ein Kommentar zur Grass-Affäre: „Sie hatten einen Nobelpreisträger, und dieser Nobelpreisträger war ein Nazi! Zu Günter Grass habe ich nichts zu sagen. Aber einiges über dieses Deutschland, das nicht über seine Vergangenheit reden will.“ Doch die triumphale Rückkehr der Henker in die Literatur fand tatsächlich statt - im eigenen Lande. Und gekrönt wurde sie nun durch die Verleihung des Prix Goncourt an Littells Roman „Les Bienveillantes“.
Jetzt beginnen die Debatten
Vier renommierte französische Verlage hatten diese fiktiven Memoiren eines SS-Offiziers abgelehnt - und nicht etwa wegen der finanziellen Forderung von Littells Agent. Gallimard brachte das Buch schließlich in der für einen Erstling beachtlichen Startauflage von 12.000 Exemplaren auf den Markt. Ein paar Tage lang stand Littell Rede und Antwort. Dann zog er sich nach Barcelona zurück, wo er wohnt, und war nicht mehr zu erreichen.
Zuvor hatte er von seiner Tätigkeit für humanitäre Organisationen erzählt, von den Kriegsschauplätzen, wo er manchmal die Lebenden von den Toten aussortieren mußte. Die menschliche Fähigkeit, das Unsagbare zu tun, wollte er begreifen. Dazu versetzte Littell sich in die Haut eines kultivierten SS-Offiziers. Und schrieb sein Buch. Auf der Frankfurter Buchmesse war es das Thema Nummer eins. Für fast eine halbe Million Euro erwarb der Berlin Verlag die deutschsprachigen Rechte.
In Paris werden nach der Preisvergabe die Debatten erst richtig losgehen. In „Le Monde“ hat der Historiker Peter Schöttler sein Befremden zum Ausdruck gebracht: Die Nazis seien 1945 nach Lateinamerika gegangen, nicht - wie Littells Held - nach Frankreich. Schöttler korrigiert auch Littells deutschen Sprachgebrauch: Er sei falsch, verfälscht, erfunden oder anachronistisch. „Les Bienveillantes“ lieferten nicht mehr als eine „gewisse Bahnhofs- und Kriegsliteratur“. Jorge Semprun hat das Buch dagegen als „den Roman des beginnenden Jahrhunderts“ begrüßt.
Das Ende der Nabelschauen
Claude Lanzmann, der Regisseur des berühmten Dokumentarfilms „Shoah“, vertritt eine radikale Position: Diese Themenwahl sei nicht zulässig. Aber der Holocaustforscher Raul Hillberg hat mit Littell im Radio diskutiert. Der konservative Kulturkritiker Marc Fumaroli gestand, daß er „ausgehungert“ gewesen sei angesichts der üblichen Gegenwartsliteratur. Deshalb habe er die „Bienveillantes“ mit Heißhunger verschlungen. Die „Académie Française“, deren Mitglied Fumaroli ist, verlieh Littell ihren Romanpreis - was üblicherweise die spätere Auszeichnung mit dem „Prix Goncourt“ unmöglich gemacht hätte.
Es gab durchaus Konkurrenz: ein gelungener Hooligan-Roman oder Stéphane Audegys Erkundungen über Rousseaus älteren Bruder. Man hat dem „Phänomen Littell“ in Frankreich vorgeworfen, es habe die ganze Produktion kannibalisiert. Dabei herrscht derzeit eine Vielfalt, wie es sie seit vielen Jahren nicht gegeben hat. Das Ende der Nabelschauen wurde ausgerufen und die Rückkehr der Geschichte im Roman gefeiert - nicht nur im Fall von Littell, dessen Rezeption auch außerliterarische Gründe hat. Möglicherweise setzt der Amerikaner mit seinen SS-Mann-Memoiren einen Schlußpunkt zum Vichy-Taumel des vergangenen Jahrzehnts.
Entscheidung vor der Ente
Kaviar, gestopfte Gänseleber und „Hummer Thermidor“ standen auf dem Menü der Jurysitzung. Schon vor der Hauptspeise - gebratene Ente - war es klar: Littell bekommt den Preis. Er gewann mit sieben zu drei Stimmen, die sich zudem auf drei Autoren, nämlich Audeguy, Elie Wiesel - aus Protest gegen Littell - und Michel Schneider, verteilten. Schneider war neben Angot mit seiner Biographie von Marilyn Monroe der Favorit für alle Preise und ist zum zweiten großen Verlierer der Saison geworden.
Nun sind die Weihen vergeben, die Weichen für die Ewigkeit und das Weihnachtsgeschäft gestellt. Bis zu den „Bienveillantes“ war „Der Erlkönig“ von Michel Tournier der beste französische Roman über die Faszination des Faschismus. „Der Winter kommt“, begrüßt uns Tournier, der Mitglied der Goncourt-Jury ist, am Tag nach der Preisverleihung. Nicht nur das Essen liegt ihm auf dem Magen: „Kein Humor, kein Licht - alles schwarz. Bekanntlich hat ja vor vier Jahrzehnten schon ein Schriftsteller namens Michel Tournier das Thema behandelt.“ Tournier empfindet „Ekel“ angesichts eines Romans, der mehr als ein Kilo wiegt. Ja, er sei es gewesen, der sich für den Rousseau-Roman eingesetzt habe, räumt er freimütig ein: „Ein Buch, das längst zum Selbstläufer geworden ist, braucht den Goncourt nicht.“ Aber was hält er wirklich von Jonathan Littell, über den er sich in all den Debatten noch nicht öffentlich geäußert hat? Ist es ein guter Roman, ist es ein schlechter Roman? Hoch und heilig verspricht uns Michel Tournier, dereinst die deutsche Übersetzung der „Bienveillantes“ in dieser Zeitung zu rezensieren.