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Ein runder Mann mit Kanten : Sigmar Gabriels verschwundenes Buch

Der Mann, der lieber verbirgt, wie interessant er ist: Sigmar Gabriel, Ende Mai bei der Kabinettsklausur in Meseberg Bild: AFP

Seit drei Jahren wird ein Buch angekündigt, in dem Sigmar Gabriel über seine Herkunft sprechen will. Es wird wohl nie erscheinen. Kein Wunder: Der Politikbetrieb fürchtet nichts so sehr wie Kontur, Charakter und Ambivalenzen.

          Dies ist eine Vermisstenmeldung. Vermisst wird ein Buch, das schon vor drei Jahren erscheinen sollte, dann aber doch nicht erschien, obwohl das Manuskript so gut wie fertig war. Ein Politiker-Buch, das, wie der Verlag damals mitteilte, nur aufgeschoben werden sollte („auf unbestimmte Zeit zurückgestellt“, lautete die offizielle Formulierung), weil der Politiker, der daran beteiligt war, „viele Termine und eine große Arbeitsbelastung“ habe, was man nicht richtig verstand, jedenfalls nicht, was die vielen Termine mit einem fast fertigen Manuskript zu tun haben sollten. War doch so gut wie fertig!

          Julia  Encke

          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Jetzt verschicken die Verlage ihre Kataloge für die Herbst-Programme, und es ist wieder nicht dabei. „Wir halten an dem Projekt fest“, heißt es bei Kiepenheuer & Witsch. Aber vielleicht ist das nur die Version, auf die man sich geeinigt hat, um die wahren Gründe für das Nicht-Erscheinen nicht benennen zu müssen. Vor der Bundestagswahl wird es jetzt langsam eng, und nur vor der Wahl würde das Buch einen Sinn ergeben. Vermutlich werden wir es niemals lesen können, was mehr ist als einfach nur schade. Denn dass es nicht erscheint, sagt uns etwas sehr Grundsätzliches über das Missverständnis zwischen Politik und Öffentlichkeit.

          Auf der Stelle wollte man ihn treffen

          „Zweieinhalb Leben“ sollte es heißen. Auf dem Cover: das Gesicht des SPD-Vorsitzenden, Wirtschaftsministers und Vizekanzlers Sigmar Gabriel, beinahe lächelnd aus dem Dunkeln hervortretend, in Schwarz-Weiß. Drinnen: ein Gespräch zwischen Gabriel und dem „Zeit“-Journalisten Bernd Ulrich, was erst mal nicht so besonders klingt, es gibt ziemlich viele solcher Gesprächsbücher. Nur hat Bernd Ulrich im Januar 2013 in der „Zeit“ einen Artikel veröffentlicht, der umriss, worum es, viel ausführlicher, auch im Buch gehen sollte: nämlich um einen uns völlig unbekannten Sigmar Gabriel. War der SPD-Vorsitzende jemand, der einen bis dahin nicht besonders interessierte, weil er, selbst wo er wütend oder jähzornig wurde, merkwürdig floskelhaft erschien, also immer unklar blieb, was genau ihn an- und umtrieb, so hielt man ihn nach der Lektüre des Artikels von einer Sekunde auf die andere für einen der interessantesten Politiker der Bundesregierung. Auf der Stelle hätte man sich gern mit ihm verabredet und unterhalten.

          Grund dafür war die Geschichte seiner Herkunft, das Drama seiner Kindheit, über die Gabriel lange geschwiegen hatte. Hier erzählte er von der Trennung seiner Eltern, als er drei Jahre alt war. Vom Vater, der in einem Sorgerechtsstreit erwirkte, dass der Junge zu ihm kam, der ihn schlug, ihm das Taschengeld kürzte, wenn er dessen neue Frau nicht „Mutti“ nannte, der all sein Spielzeug an einen Kindergarten verschenkte, als er mit einer schlechten Schulnote nach Hause kam. Der Junge wollte immer nur zu seiner leiblichen Mutter und war, ohne es zu wissen, bei einem Nazi zu Hause, seinem Vater. Als er von dessen Gesinnung erfuhr – er war 18 und schon bei den Falken, einer Jugendorganisation der Sozialdemokraten, engagiert –, erschütterte ihn das vollkommen. Bis zuletzt blieb Gabriels Vater ein Nazi. Als er 2012 starb, hinterließ er dem Sohn einen Keller voll mit Akten, Karteikästen, rechtsextremen Zeitschriften, Büchern von Holocaust-Leugnern – eine Hinterlassenschaft, mit der der Sohn sich monatelang befasste.

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