25.05.2005 · Dorota Maslowska und die Folgen: Auf der Warschauer Buchmesse ist die junge polnische Literaturszene zu entdecken.
Von Richard Kämmerlings, WarschauDas polnische Fräuleinwunder ist schon Mutter geworden. Vor drei Jahren wirbelte die damals neunzehnjährige Dorota Maslowska die polnische Literaturszene mit einem Bestseller auf, den sie während ihrer Abiturvorbereitungen geschrieben hatte.
„Polnisch-russischer Krieg unter weiß-roter Fahne“ (unter dem etwas unglücklichen Titel "Schneeweiß und Russenrot" 2004 auf deutsch erschienen) war ein kalter Blick auf die orientierungslose Vorstadtjugend zwischen Party, Drogen, Sex und weltanschaulichem Nonsens, ein sprachgewaltiger "Fänger im Roggen" aus der polnischen Provinz, und avancierte über Nacht zum Skandal- und Kultbuch mit über 140.000 verkauften Exemplaren und zahlreichen Übersetzungen. Die Geschichte der jüngsten polnischen Gegenwartsliteratur läßt sich seitdem einteilen in eine Zeit vor und eine nach Maslowska.
Verschiebung literarischer Kraftfelder
Die Vorstellung ihres neuen Buchs war naturgemäß einer der Höhepunkte der gerade zu Ende gegangenen Buchmesse im Warschauer Kulturpalast. Vom verzierten Parkettboden der neoklassizistischen Prunksäle unter gewaltigen Kronleuchtern begab man sich dafür in die engen Räume der alternativen Kunstgalerie, wo Maslowskas Kleinverlag "Lampa" untergebracht ist - ein Ortswechsel, der durchaus symptomatische Aussagekraft hat für die Verschiebung der literarischen Kraftfelder. Die polnische Öffentlichkeit hat den Underground entdeckt - und der traditionelle Literaturbetrieb muß sich damit auseinandersetzen.
Man hätte etwa gern gewußt, was wohl der ältere Herr im Anzug und mit Aktentasche gedacht hat, als er sich bei Dub-Musik zwischen den Bierflaschen schwenkenden Jugendlichen auf einem alten Sofa neben dem Chiapas-Kaffee-Verkauf wiederfand, vielleicht zwischen Kommilitonen von Maslowska, auf deren Auftritt man bei lauter Dub-Musik gespannt wartete. Nach dem Debüt-Hype hat die Autorin in Warschau ein geisteswissenschaftliches Studium begonnen und ein Kind bekommen.
In der Babypause ist ihr zweites Buch entstanden, eine hundertfünfzigseitige, komplett in HipHop-Versen verfaßte Abrechnung mit den am eigenen Leib erlebten Mechanismen des Medienbetriebs, der geistigen Verödung und dem allgegenwärtigen Konsumterror: "Das Evangelium nach MC Doris" überschrieb die polnische Ausgabe von "Newsweek" ihre Titelgeschichte, Kritiker überschlugen sich im Lob der sprachschöpferischen Kraft dieser bitteren und selbstironischen Demaskierung der polnischen Gegenwart.
Der Gegenwart ausgewichen
Dorota Maslowska ist die bekannteste und wohl auch schillerndste Vertreterin einer breiten Strömung der jungen polnischen Literatur, die gesellschaftliche Probleme als Thema entdeckt. Piotr Marecki, Herausgeber der für die junge Szene wichtigen Literaturzeitschrift "Ha!art", beobachtet seit etwa fünf Jahren eine Abkehr von der weltabgewandten Innerlichkeit der neunziger Jahre, für die etwa auch in Deutschland bekannte Autoren wie Olga Tokarczuk oder, mit Einschränkungen, auch Andrzej Stasiuk stehen. Auch die Danziger Schule um Stefan Chwin und Pawel Huelle richtet den Blick eher melancholisch oder ironisch-nostalgisch auf eine für immer verschwundene Vorkriegswelt.
Polens Literatur ging so zuletzt in mancher Hinsicht einen Sonderweg. Während in anderen postkommunistischen Ländern die Umbruchszeit und die Absurditäten des ungebremsten Kapitalismus sogleich Thema wurden (man denke etwa an Wiktor Pelewin in Rußland oder den Tschechen Jachym Topol), wichen hier die Jüngeren der Gegenwart auffällig aus. Beata Sasinska vom renommierten Literaturverlag "W.A.B." sieht die Gründe dafür im Fehlern einer realistischen Erzähltradition in Polen, wo die Schriftsteller die Wirklichkeit stets entweder romantisch verklärt oder grotesk verzerrt hätten. Vielleicht hat aber auch die übermächtige Präsenz der Älteren - wie Wajda, Szymborska oder Milosz -, die den Typ des Künstlers als moralische Instanz exemplarisch verkörperten, die nachwachsende Generation stärker auf das eigene Ich zurückgeworfen.
Nur ironische Provokation?
Die Themen vieler jüngerer Autoren - die leider größtenteils noch nicht ins Deutsche übersetzt sind - liegen dagegen buchstäblich auf der Straße: Alkoholismus, Drogenkonsum und die soziale Verwahrlosung ganzer Regionen oder Stadtteile, Gewalt in der Familie, Arbeitslosigkeit, die Diskriminierung von Homosexuellen - aus der Sicht der eskapistischen neunziger Jahre wirkt das wie ein jäher Einbruch der Wirklichkeit in den Elfenbeinturm.
Typisch für den neuen Autorentyp mag etwa Slawomir Shuty (Jahrgang 1973) sein, ein ehemaliger Bankangestellter, der ein antikapitalistisches Romanpamphlet à la Frederic Beigbeder geschrieben hat und auf dem Cover seines satirischen Krakau-Touristenführers dem Leser einen Hunderter als Beilage zwischen den Buchseiten verspricht. Auf der Messe sitzt er am Stand wie ein Parteifunktionär und verkauft signierte rot-weiße Krawatten der nationalpopulistischen Partei "Selbstverteidigung". Nur ironische Provokation? Fest steht, daß auch die kapitalismuskritischen Autoren von jenem Unbehagen profitieren, dessen Ausdruck die extremen Parteien sind.
Eine Kapelle Raum für den Papst
Auch auf dem polnischen Buchmarkt hat sich in den letzten Jahren viel verändert, allerdings überwiegend zum Positiven. Nach einigen Krisenjahren boomt die Branche wieder und verzeichnet Umsatzzuwächse, von denen der stagnierende deutsche Markt nur träumen kann - die polnische Literatur ist ebenso gefragt wie Übersetzungen, wo sich etwa der Czarne Verlag, den Stasiuks Frau Monika Sznajderman leitet, zu einer Drehscheibe für anspruchsvolle Autoren speziell aus Osteuropa, aber auch aus Deutschland entwickelt hat. So hat der Ukrainer Juri Andruchowytch, der in Warschau seinen Roman "Zwölf Ringe" vorstellte, in Polen ein großes Publikum.
Gastland der Messe war die Schweiz, die sich mit zahlreichen Autoren präsentierte. Die Verkaufsschlager aber sind erst recht in diesem Jahr wieder Papstbücher, die Millionenauflagen erreichen. Auf der Buchmesse ist Johannes Paul II. ein eigener, kapellenartiger Raum gewidmet, der sämtliche Titel von ihm, durch ihn, mit und in ihm ausstellt und dessen Highlight wohl eine Anthologie sämtlicher Sonderbriefmarken von Papstreisen sein dürfte: die ganze Welt in einem Band, das Wesen des Katholizismus als Buchhandelsstrategie. Die Marktführerschaft auf diesem Sektor hat der Krakauer Verlag "Znak".
Illiterate Zonen in „Polen B“
Die Probleme und die Klagen der kleineren Literaturverlage kommen einem durchaus vertraut vor: Die Konzentration im Buchhandel nimmt zu, Bertelsmann, das hier "Swiat Ksiazki", also "Welt des Buchs" heißt, gewinnt immer mehr Marktanteile, bindet vielversprechende Autoren an sich und untergräbt in seinen Buchclubs die Preisbindung; auch die "Weltbild"-Kette drängt in den Markt. Zugleich wird der Vertrieb zur Achillesferse; die Zahl der Buchhandlungen sinkt vor allem in den zurückfallenden und armen ländlichen Gebieten, wo auch das Internet wenig verbreitet ist. Das "Polen B" oder gar "Polen C", von dem in der neuen gesellschaftskritischen Literatur die Rede ist, droht im gleichen Moment zur illiteraten Zone zu werden.
Tomasz Lubienski, Chefredakteur der ehrwürdigen Literaturzeitschrift "Nowe Ksiazki", die vom Kulturministerium getragen und der Nationalbibliothek herausgegeben wird, beklagt dagegen schon wieder die Fixierung der jüngeren Autorengeneration auf die Gegenwart und das wachsende Desinteresse an Geschichte. Gleichwohl hält auch er die neuen Stimmen und Stoffe für wichtig. Auch er bewundert an Maslowska das stupende Sprachvermögen. Das neue Buch habe man nur deshalb noch nicht besprochen, weil sein Sohn ihn beschworen habe, das HipHop-Epos nicht von einem älteren Kritiker rezensieren zu lassen. Ihr radikaler Formanspruch sagt Lubienski dann auch stärker zu als die eher stoffbezogenen Werke der engagierten Autoren um die Dreißig: Großeltern verstünden sich oft besser mit den Enkeln als mit den Kindern. Auch die jüngeren Autoren sprechen nicht von einem Generationenkonflikt.
Wie eine Schülerin, die holprig Mickiewicz rezitiert
Viel gravierender ist offenbar der Riß, der quer durch die polnische Gesellschaft geht: zwischen Stadt und Land, boomenden Ballungszentren und rückständiger Provinz, aufgeklärter, urbaner Moderne und rückwärtsgewandtem, frömmelnden Hinterwäldlertum - aber auch der zwischen Gewinnern und Verlierern der Wirtschaftsentwicklung, den ehrgeizigen, westlich orientieren Yuppies und einer perspektivlosen "Generation Nichts". Zu einem wichtigen Sprachrohr dieser Gegenkultur hat sich das alternative Kulturmagazin "Lampa" entwickelt, das Maslowskas Verleger Pawel Dunin-Wasowicz mit dem Geldsegen des Debüterfolgs ins Leben rufen konnte und das vielen der Jüngeren ein Forum gibt. Jahrelang hat der Mittvierziger Fanzines oder Unterground-Anthologien herausgegeben; nun muß er sich plötzlich mit Marketing und Vertrieb eines Bestsellers herumschlagen.
In der Galerie soll die Lesung endlich beginnen. Dunin-Wasowicz wendet sich, schon leicht angetrunken, das irgendwie unpassend wirkende Sakko über dem Bierbauch, an das Publikum im überfüllten Raum und übergibt das Mikrophon an seinen Jungstar, dem mehrere Fotografen regelrecht zu Füßen liegen. Dorota Maslowska nimmt im Sessel Platz, schüchtern, nervös kichernd, ein kleingewachsenes Girlie im tarnfarbenen Pullover mit pinkem Rock und Strumpfhose, stylish, grell, und doch einfach ein Mädchen, dem die Aufmerksamkeit irgendwie schrecklich unangenehm zu sein scheint. Vom Verleger läßt sie sich eine Buchseite hinhalten, dann liest sie ihre rhythmische Prosa, nicht wie ein Rapper, sondern mehr wie eine Schülerin holprig Mickiewicz rezitieren würde.
Noch lange nicht fertig
"Paw krolowej" ist der Titel des (abermals von Maciej Sienczyk kongenial illustrierten) Werks, ein Wortspiel, das "Pfau", aber auch "Kotze der Königin" bedeutet. Passend zu einzelnen Textstellen verteilt der Verleger Brotstücke, Kirschwein und Kartoffelchips wie bei einer blasphemischen Kommunion.
Die spätere Diskussion dreht sich um die Fragen, warum die Autorin im übel beleumundeten Stadtteil Praga lebt ("Weil es da billig ist") oder warum sie keine simple Prosa schreibt, die jeder verstehen könne (ihr hervorragender deutscher Übersetzer Olaf Kühl kann davon bald sicherlich ein Lied singen, oder besser: rappen). Schließlich sagt sie, fast flehentlich: "Können wir jetzt bitte aufhören?" Die Party fängt da freilich erst richtig an. Nicht nur die Polen werden mit dieser neuen Literatur noch lange nicht fertig werden.
Junge polnische Autoren sind demnächst beim Berliner "Polococktail Festival" zu erleben, das vom 14. bis zum 17. Juni im Rahmen des Deutsch-Polnischen Jahres stattfindet.