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Walser-Verfilmung : Wie er das fliehende Pferd fing

Gesundheitsfanatiker mit Versagensängsten: Klaus Buch (Ulrich Tukur) mit Helene (Petra Schmidt-Schaller) Bild: Concorde

Martin Walsers Romane sind bislang eher enttäuschend verfilmt worden. „Ein fliehendes Pferd“, das nächste Woche in die Kinos kommt, könnte daher Walsers Leinwand-Durchbruch werden. Jochen Hieber hat die Premierenfeier besucht, auf der es einige Überraschungen gab.

          Sonderlich viel Glück hat Martin Walser mit der Verfilmung seiner Romane bisher nicht gehabt. „Das Einhorn“, 1977 von Peter Patzak in Szene gesetzt, hat ebenso wenig Filmgeschichte geschrieben wie „Der Sturz“ (Alf Brustellin, 1978) oder jüngst „Ohne einander“ (Diethard Klante, 2007). Auch die erste filmische Annäherung an die Novelle „Ein fliehendes Pferd“, Walsers Erfolgsbuch schlechthin, erbrachte vor nunmehr zwanzig Jahren und unter der Regie von Peter Beauvais zwar ein paar freundliche Kritiken, bleibenden Ruhm allerdings nicht.

          Jochen Hieber

          Redakteur im Feuilleton.

          Just die so symbolträchtige wie dramatische Geschichte zweier Urlauberpaare am Bodensee aber scheint für Produzenten und Regisseure nach wie vor großen Reiz zu besitzen - mehrere Angebote, den Stoff noch einmal zu verfilmen, gingen in den vergangenen Jahren bei Walser ein. Und in einer Woche kommt „Ein fliehendes Pferd“ nun in der Regie von Rainer Kaufmann auch neu ins Kino.

          Arbeitsproduktive Gelassenheit

          Beim Münchner Filmfest gab es Anfang Juli bereits eine „Welturaufführung“, die beiden Vorpremieren vor geladenem Publikum fanden in den vergangenen Tagen statt - naturgemäß in den Zentren von Walsers Erzählkosmos: in München wiederum und in Überlingen, also am Bodensee. Stets war der Autor selbst zugegen, sparte nicht mit Lob an Drehbuch, Regie und Schauspielern, vermied es aber bewusst, mit dem Filmteam über den roten Teppich zu schreiten. Vor wenigen Wochen hat Martin Walser seinen achtzigsten Geburtstag gefeiert, indem er das Feiern vermied. In den vielen Interviews, die er vor und nach dem Geburtstag gab, wirkte er bei aller verhaltenen Klage über die Malaisen des Alters auf eine ziemlich ungewohnte Weise gelassen, entspannt, ja heiter.

          Unerwartet entspannt: Martin Walser

          Dieser Eindruck bestätigt sich auch, wenn man ihm begegnet. Müde ist er kein bisschen. Aber er scheint einfach keine Lust mehr zu haben, seine Energie in publizistische Fehden zu investieren, zu aktuellen Problemen Stellung zu nehmen, sich gar in erbitterten polemischen Kämpfen aufzureiben. Er rundet sein Werk, etwa indem er seinen Nachlass dem Marbacher Literaturarchiv anvertraute, und er mehrt es, indem er fürs kommende Frühjahr einen neuen Roman annonciert: „Ein liebender Mann“, seine Erzählwahrheit über Goethe und Ulrike von Levetzow. Mag sein, dass solch arbeitsproduktive Gelassenheit vorübergehend ist - jetzt jedenfalls ist sie da.

          Literarische Verteidigung

          Und sie erinnert durchaus an die Zeit, in der er „Ein fliehendes Pferd“ schrieb. Das waren gut drei Wochen im Spätsommer 1977, als sich jenseits des Nußdorfer Arbeitszimmers der Deutsche Herbst mehr als nur ankündigte. Am 8. September 1977, drei Tage nach der Entführung Hanns Martin Schleyers, schickte Walser das fertige Manuskript der Novelle an den Suhrkamp Verlag. „Ich musste damals“, sagt er heute, „meine Position verteidigen - und zwar nicht politisch, sondern eben literarisch.“ So ist Helmut Halm entstanden, der melancholische Stuttgarter Gymnasiallehrer, der sich nur zu gerne allen gesellschaftlichen Aufgaben und Pflichten entzöge, der mit seiner Frau Sabine lieber „im Falschen“ verweilen möchte, als sich „das richtige Leben“ von außen vorschreiben zu lassen - sei es von den Ansprüchen des emanzipatorischen Zeitgeistes, sei es von den „Minima moralia“ des Philosophen Theodor W. Adorno.

          Er habe jedoch, so Walser weiter, „ein paar Tage nach dem ersten Abschluss des Manuskripts“ bemerkt, dass die „Lebensverteidigung des Helmut Halm“ zur eher klischeehaften Abwertung der Gegenfigur, des dynamischen und auf enervierende Weise stets gutgelaunten Klaus Buch, geführt habe. Eingefügt also wurde in einer letzten Überarbeitung jene Passage, in der Helene, dessen erheblich jüngere Geliebte, den Halms auch die Lebenslügen und die sehr realen Versagensängste des Klaus Buch schildert - und auf diese Weise einen bis dato etwas papierernen Pappkameraden des Positiven zu einer glaubhaften Figur und damit zu einem wirklichen Gegner macht.

          Lethargisch und rotweinliebend

          Kathrin Richter und Ralf Hertwig haben das Drehbuch zur neuen Verfilmung verfasst. Sie haben dabei auf eine naheliegende, weil beim herrschenden Fitnesswahn höchst aktuell gebliebene Marotte des Paares Helene und Klaus verzichtet. In Walsers Novelle trinken die beiden ausschließlich Mineralwasser, essen stets nur einen Salat und dann ein blutiges Steak. Selbstverständlich rauchen sie nicht und verabscheuen jedweden Alkohol. Und selbstverständlich sind Helmut und Sabine Halm in allem das Gegenteil, mithin eher übergewichtig, zu lethargisch und zu rotweinliebend. Die Entscheidung der Drehbuchautoren, beide Paare von vornherein gleichrangig zu behandeln, also Laster und Liebenswürdigkeiten in etwa gerecht zu verteilen, nützt der Filmhandlung bis zum Ende und beschert ihr zudem einige Szenen von trefflicher Komik.

          Unter Walsers Büchern ist „Ein fliehendes Pferd“ das wohl zeitloseste: Zwei Paare in wahlverwandter Anziehung und Abstoßung. Das macht den Stoff auch heute reizvoll, wobei, wie der Produzent der neuen Verfilmung, Rikolt von Gagern, auch gerne einräumt, die Konzentration der Handlung auf vier Figuren zudem erhebliche Kosten spart - Komparsen werden nur in höchst bescheidener Anzahl benötigt, aufwendige Kulissen oder Nachbauten für Massenszenen entfallen. „Ein fliehendes Pferd“: Das ist, im Buch wie Film, ein Kammerspiel vor Seelandschaft. Ulrich Noethen ist Helmut, Katja Riemann spielt Sabine, Ulrich Tukur gibt Klaus - und Petra Schmidt-Schaller hat als Helene ihre erste größere Rolle.

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