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Walser, Lenz und Hildebrandt : All diese Karteikarten der NSDAP

„Kein Mensch will mit sechszehn in die Partei”: Martin Walser Bild: AFP

Die Schriftsteller Martin Walser und Siegfried Lenz sowie der Kabarettist Dieter Hildebrandt sollen Mitglieder der NSDAP gewesen sein. Jedenfalls sind ihre Namen auf einer Mitgliedskarte der NSDAP-Zentralkartei im Bundesarchiv vermerkt. An der Echtheit des Dokuments besteht kein Zweifel. Doch was beweisen diese Schriftstücke?

          Am 30. Januar 1944 soll Martin Walser die Aufnahme in die NSDAP beantragt haben. So ist es auf einer Mitgliedskarte der NSDAP-Zentralkartei im Bundesarchiv vermerkt. Die Angaben auf der Karteikarte, die dieser Zeitung vorliegt, sind recht spärlich. Verzeichnet sind Name und Vorname, Geburtsdatum und Geburtsort, Datum der Antragstellung, Datum der Aufnahme in die Partei, Bezeichnung von Ortsgruppe und Gau. Demzufolge hätte Walser, Martin, geboren am 24. März 1927 in Wasserburg, am 30. Januar 1944 einen Antrag auf Aufnahme in die NSDAP gestellt. Die Aufnahme in die Ortsgruppe Wasserburg im Gau Schwaben wäre am 20. April 1944 erfolgt. Die Walser zugedachte Mitgliedsnummer lautet 9742136.

          Hubert Spiegel

          Redakteur im Feuilleton.

          Man kann das schwarz auf weiß nachlesen. An der Echtheit des Dokuments besteht kein Zweifel. Liegt also der Beweis vor, dass Martin Walser NSDAP-Mitglied war, ebenso wie Siegfried Lenz, der Autor der „Deutschstunde“, und der Kabarettist Dieter Hildebrandt, deren Karteikarten jetzt ebenfalls im Bundesarchiv entdeckt wurden? Für alle drei ist der 20. April 1944 als Aufnahmedatum vermerkt, der 55. Geburtstag Adolf Hitlers. Alle drei erklären, nie die Aufnahme in die Partei beantragt und von dem Vorgang nichts gewusst zu haben. Offenbar wiederholt sich jetzt, was bereits vor vier Jahren geschah, als ein Forschungsteam um den Germanisten Christoph König bei der Arbeit am „Internationalen Germanistenlexikon“ ebensolche Einträge in der Mitgliedskartei der NSDAP für namhafte Gelehrte wie etwa Peter Wapnewski und Walter Jens entdeckte.

          Gab es „kollektive“ Aufnahmeverfahren?

          Die Frage, die damals aufkam und zum Teil erbittert diskutiert wurde, scheint bis heute nicht schlüssig beantwortet. Setzte jede Mitgliedschaft einen persönlich ausgefüllten und unterschriebenen Aufnahmeantrag voraus oder hat es auch „kollektive“ Aufnahmeverfahren gegeben? Berichte von Zeitzeugen, denen zufolge Standortführer Namenslisten ohne Wissen der Betroffenen erstellt und an die Partei weitergeleitet hätten oder ganze Schulklassen mit sanfter Gewalt zum gleichzeitigen Parteieintritt bewegt worden seien, hat der Zeithistoriker Michael Buddrus als „Entlastungsstrategien“ ins Reich der Fabel verwiesen. Andere Historiker wie Götz Aly sind da nicht so sicher. Man wisse einfach nicht genug über die genaue Aufnahmepraxis in den Ortsgruppen, hat etwa Norbert Frei zu bedenken gegeben.

          Wussten sie nichts von ihrer Mitgliedschaft?

          Man muss kein Zeithistoriker sein, um bei der Betrachtung der Karteikarte Martin Walsers ins Grübeln zu kommen. Warum fehlt die Angabe der Adresse des damals Sechzehnjährigen? Das dafür vorgesehene Feld ist unausgefüllt geblieben, ebenso fehlt der Vermerk, wann das obligatorische Mitgliedsbuch ausgestellt wurde, und es fehlt auch die Laufschein-Nummer. Kein Eintrag findet sich unter der Rubrik „Registratur-Vorgang“. Und es fehlt außerdem jeder Hinweis auf den Bearbeiter des Vorgangs: keine Unterschrift, kein Namenskürzel des Sachbearbeiters, nichts. Die Mitgliedskarte, die Martin Walsers Namen trägt, ist eine Quelle, die auf den ersten Blick erhebliche Lücken offenbart. Aber selbst die vollständig ausgefüllte Karte hätte nur begrenzte Beweiskraft. Juristisch gesehen liegt eine Parteimitgliedschaft nur dann vor, wenn der Aufnahmeantrag unterschrieben und das Parteibuch ausgehändigt wurde.

          Nie einen Aufnahmeantrag gestellt

          Er habe, sagt Martin Walser im Gespräch mit dieser Zeitung, nie einen Aufnahmeantrag gestellt, nie ein Mitgliedsbuch erhalten und auch nie an einer Aufnahmefeier der NSDAP teilgenommen. „Am 30. Januar 1944 soll ich die Aufnahme beantragt haben. Ich weiß nicht, wo ich am 30. Januar 1944 war, ich war sechzehn. Kein Mensch will mit sechzehn in eine Partei.“

          „Ich war im Februar 1944 als Luftwaffenhelfer in Oberschlesien. Ich habe nie einen Aufnahmeantrag gekriegt“, erklärt der Kabarettist Dieter Hildebrandt, wie Walser Jahrgang 1927, in der aktuellen Ausgabe des „Focus“. Siegfried Lenz, so sagt sein Verleger Günter Berg vom Verlag Hoffmann & Campe gegenüber dieser Zeitung, sei am Tag der angeblichen Aufnahme in die NSDAP auf See gewesen. „Siegfried Lenz hat sich Ende 1943 freiwillig zur Kriegsmarine gemeldet. Nach der Grundausbildung in Stralsund ist er am 2. März 1944 in Swinemünde an Bord des Kriegsschiffes ,Admiral Scheer' gegangen. Kurz vor Kriegsende, am 20. April 1945, wurde er im Rahmen einer Massenbeförderung zum Fähnrich zur See befördert.“ Lenz, Jahrgang 1926, habe nie einen Antrag gestellt und sei „nie wissentlich Mitglied der NSDAP gewesen“. Marcel Reich-Ranicki, seit Jahrzehnten eng mit Lenz befreundet, zeigt sich wenig beeindruckt: „Man sollte die Sache nicht zu ernst nehmen, aber jedenfalls ist sicher, dass mein Verhältnis zu meinem Freund Siegfried Lenz sich durch diese neue Information nicht im geringsten verändert hat.“

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