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Mittwoch, 19. Juni 2013
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W.G. Sebalds Nachruhm Der gute Deutsche

 ·  Er wollte nicht wissen, wie es geschah, sondern warum: Die Briten sehen in dem 2001 verstorbenen W.G. Sebald eine moralische Instanz - und sie verehren den 1966 nach England emigrierten deutschen Schriftsteller als einen der ganz Großen der Zunft.

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Der britische Autor Will Self hat aufgrund seiner eigenen Versuche, die Umwelt psychogeographisch zu kartographieren, eine besondere Affinität zu dem 2001 gestorbenen Schriftsteller W.G. Sebald und dessen spurensuchenden Wanderungen. Will Self hielt schon den Eröffnungsvortrag einer internationalen Tagung, die Sebald-Deuter 2008 an dessen Wirkungsstätte in Norwich zusammenführte. Nun hat er seine Gedankengänge als Redner des alle Jahre stattfindenden, dem Gedenken an Sebald gewidmeten Vortrags im Konzertsaal des neuen Londoner Kulturzentrums King's Place weitergesponnen. Er hat sich viel vorgenommen mit dem Thema „Abwesende Juden und unsichtbare Scharfrichter: W.G. Sebald und der Holocaust“.

Will Self begann seine dichten, weitschweifenden und mitunter umständlichen Ausführungen mit Albert Speer, dessen Lebenslüge der Nichtmitwisserschaft an den Judenmorden er Sebalds Bemühungen entgegensetzte, „die vielen kleineren Lügen der elterlichen Generation“ aufzudecken. Zur Veranschaulichung schwebte eine Abbildung der unscharfen Gestalt von Gerhard Richters „Onkel Rudi“ auf einer Leinwand über dem Kopf des Redners. Der in seinem Wehrmachtsmantel lächelnd vor einem Kasernengebäude posierende Prototyp des Mitläufers verkörperte hier freilich auch den Vater Sebald, von dem der Sohn als Kind beim Blättern durch Familienalben ähnliche Aufnahmen entdeckt hatte, ohne zunächst einen Zusammenhang zwischen dem Soldaten und dessen möglicher Mittäterschaft an den Schrecken des Krieges herzustellen.

Was wäre aus ihm in Deutschland geworden?

Will Self erinnerte daran, dass die Erkenntnis, unter stillschweigenden Komplizen groß geworden zu sein, und das Gefühl, selbst Komplize zu werden, Sebalds Beschäftigung mit dem Holocaust zugrunde lagen. Erst das selbstgewählte Exil und die Begegnung mit jüdischen Gemeinden in England hätten es ihm ermöglicht, das „aufkeimende Misstrauen der ,passiv-kollaborierenden' Herkunft in eine aktive Literatur der Schuld und Sühne" zu verwandeln, so Self. Dabei sei es Sebald nicht um das Wissen gegangen, wie es geschah, sondern, warum. Mit sarkastischem Unterton verglich Self Sebalds akribische Porträtierung von Juden mit der einzigen jüdischen Figur in Bernhard Schlinks „Der Vorleser“, die einige Kritiker als „empfindsame Allegorie - ein Individuum statt der ausgerotteten sechs Millionen“ - interpretiert hätten. Schlinks Roman zehre von jener Handlungsbezogenheit, die Sebald abgelehnt habe, so wie er auch vermied, eine KZ-Gedenkstätte aufzusuchen.

Was aus Sebald geworden wäre, wenn er in Deutschland geblieben wäre, darüber spekulierte Self: eine deutsche Variante Thomas Bernhards etwa, ein Verweigerer, ein Flüchtiger ins innere Exil, dessen „Solipsismus nicht durch Melancholie moduliert worden wäre, sondern sich zu schallendem Zynismus gesteigert hätte“? Hätte er sich, wie andere seiner Generation, von der marxistischen Idee mitreißen lassen samt ihrer Gleichsetzung der Bundesrepublik mit dem Dritten Reich? Oder wäre er der Opferforschung so vieler deutscher Schriftsteller verfallen, „deren qualvolle Untersuchungen ödipalen Hasses bloß offenbarten, dass sich alles nur um sie drehte“? Im „zu deutschen“ Deutschland sei Sebald nicht deutsch genug gewesen, meinte Self. Hingegen werde er in der englischsprachigen Welt als der vorrangige deutschsprachige Schriftsteller verehrt.

Wer war moralisch überlegen?

Diesen „seltsamen“ Umstand führte Self auch auf die Bereitschaft der Engländer zurück, Sebald eine gewisse moralische Überlegenheit zuzuschreiben. Man sehe in ihm den ersehnten „guten Deutschen“ - er sei alles, „was Speer werden wollte, aber nicht werden konnte“. Zudem bestätige Sebalds Entschluss, in England zu leben, die Genugtuung der Briten, den Krieg wegen ihrer Rechtschaffenheit, Liberalität und Toleranz gewonnen zu haben. Bei aller Ironie über die britische Selbstgerechtigkeit bekannte Self, Sebalds „Weg ins Leichenhaus des zwanzigsten Jahrhunderts recht beruhigend“ zu finden, vor allem, wie er hinzufügte, wenn der wie ein gesunder englischer Spaziergang sei.

Will Self argumentierte jedoch, dass die britische Süffisanz unangebracht sei, denn aus Sebalds Schriften gehe hervor, dass er die Goldhagen-These, die den Deutschen einen einzigartigen „ausrottenden Impuls“ zuschrieb, stets abgelehnt habe. Indirekt bringe er zum Ausdruck, dass die deutschen Verbrechen "bloß eine selbstmörderische Form des Holocaust sind, den wir gegen die natürliche Welt begehen". Dafür spreche unter anderem die Nebeneinanderstellung eines doppelseitigen Bildes mit den nackten Opfern der nationalsozialistischen Morde mit der Beschreibung von der Zerstörung der Fischerei in „Die Ringe des Saturn“.

Jetzt bricht die Natur zusammen

Höhnisch prangerte Self den 2001 eingeführten Holocaust-Gedenktag an. In Deutschland sei ein Tag der Erinnerung an die NS-Opfer angebracht, in England hingegen wäre ein „Die Verweigerung des Asyls für zufluchtsuchende Juden“-Gedenktag oder ein „Die Verweigerung des Asyls für zufluchtsuchende irakische Zivilisten durch kleinmütige atlantische Außenpolitik“-Gedenktag angemessener. Für diejenigen, die der Sebaldschen Metaphysik lauschten, sei das Erinnern nicht nötig. Der Holocaust setze sich fort, das bezeugten die vergifteten Meere und glühenden Haufen. Die Natur breche, wie es bei Sebald in „Die Ausgewanderten“ heißt, unter der Last zusammen, die der Mensch ihr aufbürde. Ein Deutscher hätte sich die Gleichung in dieser Grobheit wohl nicht erlauben können. In King's Place aber ging das Publikum auch in der Fragerunde nicht darauf ein. Stattdessen applaudierte es ehrfürchtig.

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Jahrgang 1957, Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

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