Home
http://www.faz.net/-gr0-10fot
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

W.G. Sebald Magisch zieht des Dichters Grab Gedenkartikel an

26.09.2008 ·  Ein Akt der Pietät: Sieben Jahre nach seinem Tod findet eine Tagung über W.G. Sebald an seiner Universität in Norwich statt. Doch bei all der Anteilnahme bleiben dennoch viele Fragen zu Leben und Werk des Autors offen.

Von Patrick Bahners, Norwich
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (1)

Am Grabstein lehnt eine kleine braune Flasche. Gordon Turner nimmt sie in die Hand und entziffert das Etikett: „Gebirgsenzian“ aus dem Alpenland, der Heimat von W. G. Sebald. Turner und Sebald waren jahrzehntelang Kollegen in der Germanistik an der University of East Anglia in Norwich. Ihre Vorstellungsgespräche fielen 1970 auf denselben Tag. Turner kümmert sich heute um das Sebald-Tonarchiv und steht Sebald-Forschern für biographische Auskünfte zur Verfügung. Wie er deutlich macht, sieht er seine Aufgabe darin, irreführende Tatsachenbehauptungen zu korrigieren. Er will nicht die boomende Sebald-Deutungsindustrie füttern, obwohl er deren jüngste Leistungsschau mitorganisiert hat, eine dreitägige Konferenz an Sebalds akademischer Wirkungsstätte.

Für Sebalds Kollegen ist die Tagung sieben Jahre nach Sebalds Tod ein Akt der Pietät; sie nennen ihn Max. Turner spricht wie andere Mitveranstalter aus, dass diese Form der Pietät nicht im Sinne Sebalds gewesen wäre: Plenardebatten, parallele Sektionssitzungen und eine Exkursion zu den Stationen der „Ringe des Saturn“ an der Küste von Suffolk mit abschließendem Besuch am Grab. Sebald hat das Gedenken und das Hadern mit dem Gedenken zur literarischen Form gemacht; es ist nicht auszuschließen, dass man einmal die Ausdifferenzierung einer Gattung der Gedenkliteratur auf sein Oeuvre zurückführen wird. Die Organisatoren der Tagung, mit allen methodologischen Wassern gewaschene Literaturwissenschaftler, waren also in einer seltsamen Lage, als sie Sebalds Werk zum Gegenstand einer Beschäftigung machten, die das Problem dieses Werkes bildet. Man muss ihnen bescheinigen, dass die Sache ohne Peinlichkeit über die Bühne geht. Gordon Turner bringt am Busmikrofon sein Unbehagen zur Sprache - damit soll es auch gut sein.

Spuren der praktischen Konsequenz der Legende

Vom Flaschenfund ist Turner sichtlich irritiert. Aber er überwindet seine Verwunderung und rügt es nicht als Geschmacklosigkeit, dass jemand Abfall auf der Grabstätte deponiert hat. Ein anderer Kollege, der Romanist Clive Scott, deutet im Abschlussvortrag Sebalds Werk vom Stilleben her. Das Stilleben vernichte das Menschliche, setze es aber voraus. Die einmontierten Fotografien seien Stilleben, die sich die Macht von Porträts angeeignet hätten. Sie zeigten die Verschlossenheit der Dinge, seien selbst wie jene verschlossenen Türen, die an prägnanten Stellen auf ihnen zu sehen sind - in „Austerlitz“ beim Besuch in Theresienstadt.

An diese verschlossenen Türen kann der Grabstein aus dem von Sebald selbst für diesen Zweck bestimmten Schiefer aus Cornwall erinnern. Aber ist es schicklich, dass ein Pilger das Grab durch Beifügung eines mitgebrachten Requisits zum Stilleben arrangiert? Es ist wohl der Respekt vor der Bedeutung des objet trouvé für Sebalds Arbeit und vor Sebalds Neugier auf das Kuriose, das rührend und manchmal auch jämmerlich Disparate menschlicher Gedenkanstrengungen, der Turner davon absehen lässt, die unerbetene Grabbeigabe zu entfernen. Diskret, mit trockenstem Humor, macht Turner auf die Inkongruenz der Collage des Anonymus aufmerksam: Sebald hat in den letzten zehn Jahren seines Lebens keinen Alkohol mehr getrunken.

Die Flasche ist nicht der einzige von Besuchern des Grabes hinterlassene Gegenstand. Auf der Oberkante des Grabsteins liegt eine Reihe von Kieselsteinen. Diese Gaben spricht niemand an. Ist es denn nicht kommentierenswert, dass hier, womöglich mehrfach, ein jüdisches Trauerritual vollzogen wurde? Wollten die Steinspender Sebald danken für das, was er für die Erinnerung an Opfer des Holocaust getan hat? Oder haben wir schon die Spuren der praktischen Konsequenz aus der Legende vor uns, von der einige Teilnehmer wissen: dass Sebald selbst jüdischer Herkunft gewesen sei?

Das Unrealistische in der misanthropischen Weltsicht

Kein literarischer Ruhm ohne Anlagerungen. Sebalds Thema und seine Methoden, das Sammeln, das Verfremden und das autobiographische Fingieren, setzen sein Werk in besonderem Maße dem Risiko aus, unter legendären Ergänzungen unkenntlich werden. Da Sebald selbst sich zum Forscher stilisierte, können sich seine Ausleger verleitet sehen, das Werk fortzuschreiben - zumal sein Unfalltod zum Spekulieren über ungeschriebene, ja unkonzipierte Werkteile einlädt.

In dieser Lage ist die Sicherung lebensgeschichtlicher Tatsachen äußerst wichtig. Die Reminiszenzen, für die abendliche Konferenzzeit reserviert ist, gehören zur Sache. Dass die zahlreich erschienenen Absolventen von Sebalds Seminaren in kreativem Schreiben sich übereinstimmend an einen Dozenten erinnern, der zum Scherzen aufgelegt war, ist vor dem Hintergrund des überwältigend finsteren Motivhimmels der Bücher nicht belanglos, und sei es nur zum Zweck der Erinnerung an die unaufgebbare Unterscheidung zwischen Leben und Werk.

Der Psychoanalytiker Adam Phillips benötigt keine biographische Beglaubigung für seine brillante These, dass es bei Sebald ein verborgenes Grundmotiv der Feier gebe: An den guten Dingen messen wir die bösen. Phillips geht aus von der Tatsache, dass kaum ein Schriftsteller unserer Zeit so ausdrücklich gefeiert wird wie Sebald. Das Feierliche des Sebald-Lobes kommt ihm wohl nicht direkt unheimlich, aber erklärungsbedürftig vor: Welche Lust verschafft die Teilhabe an überfließender Trauer?

Zur reflektierten Rezeption Sebalds gehört ein Moment der Abwehr: So darf man den Schriftsteller Will Self verstehen, der in seinem Eröffnungsvortrag das Unrealistische der misanthropischen Weltsicht exponiert, die den wandernden Erzähler durch menschenleere Großstädte ziehen lässt. Self zerlegt Sebalds Verfahren in seine Bestandteile, das solipsistische Ich und das synoptische Auge (mit dem Wortspiel „I“-“Eye“), um beim Wiederzusammensetzen unmerklich die Stimmigkeit des Vorgehens zu demonstrieren: „Ich bin nicht sicher, dass richtig ist, was er schreibt, sondern dass sein Schreiben wahr ist.“

Wenn er das Zeug zum Klassiker hat

Die Orte, von denen aus die Teilnehmer angereist sind, scheinen Susan Sontag recht zu geben, die Sebald der Weltliteratur zuschlug. Er gilt heute als moderner Klassiker der englischsprachigen Lesewelt - so selbstverständlich, dass mehrfach die Frage aufgeworfen wird, warum er überhaupt auf Deutsch geschrieben hat. Deane Blackler, die gerade die Monographie „Reading W. G. Sebald“ vorgelegt hat, ist in Australien in der Lehrerbildung tätig. In ihrem Vortrag über das Turner-Aquarell in „Austerlitz“ würdigt sie Sebald als Autor, der dem ethischen Anspruch der hohen Literatur in der Tradition Miltons gerecht werde.

Mindestens drei Doktorandinnen sind anwesend, die an Arbeiten über Sebald und die Fotografie sitzen. Eine dauerhaft produktive Sebald-Forschung wird Gesichtspunkte ausdifferenzieren müssen. Die Aufteilung der Sektionen leistet das noch nicht. Der Sortierung nach den Werken stand wohl die von vielen geteilte Meinung entgegen, dass Sebald viermal dasselbe Buch oder doch vier Bücher über dasselbe geschrieben habe (wenn nicht gar, nach Ton Naaijkens, fünfmal, mit dem Gedicht „Nach der Natur“). Was die Philologie zur Forschung beitragen kann, davon wird von morgen an eine Ausstellung des Nachlasses in Marbach einen ersten Eindruck geben.

Handelt es sich bei Sebald um einen Autor mit einem unnachahmlichen Sound, einer hochvirtuosen, aber einfachen Masche, dessen Wirkung bei analytischer Lektüre abnimmt? Oder belohnen seine Werke das von professionellen Lesern begleitete Wieder- und Wiederlesen? Wenn er das Zeug zum Klassiker hat, dann werden Interpretationen Motive entdecken, die das Ganze zu erklären scheinen und doch nicht erschöpfen, die das Werk aufschließen und sozusagen wieder verschließen. Am frühen Morgen, lesen wir in „Austerlitz“, wurden die zur Deportation vorgesehenen Juden zusammengetrieben, als die Stadt menschenleer war.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Jahrgang 1967, Redakteur im Feuilleton.

Jüngste Beiträge