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Vorentscheid des Prix Goncourt : Heimvorteile

Der Präsident der Académie Goncourt Bernard Pivot und die tunesische Kulturministerin Latifa Lakhdhar bei der Ernennung der Nominierten. Bild: AFP

Der bekannteste französische Literaturpreis wird wieder verliehen: der Prix Goncourt. Die Mitglieder der Académie Goncourt reisten nun nach Tunis, um die Nominierten zu verkünden.

          Der Pariser Literaturpapst Bernard Pivot besuchte eine Schulklasse und signierte in der einzigen Buchhandlung im Stadtzentrum seine Bücher. Zuvor war er im Rundfunk. Seine legendäre Literatursendung „Apostrophes“ im französischen Fernsehen wurde auch in Tunesien gesehen, wo Pivot jetzt zusammen mit seinen Kollegen von der Académie Goncourt wie ein Star empfangen wurde. Die Académie vergibt den begehrtesten Literaturpreis Frankreichs. Zur letzten Vorentscheidung waren ihre Mitglieder nach Tunis gereist.

          Régis Debray diskutierte im Institut Français mit Youssef Seddik, dem Autor des Essays „Wir haben den Koran nicht gelesen“. Er ist billiger zu haben als die Neuerscheinungen aus Paris, die rund fünfzehn Prozent eines Monatsgehalts kosten. Einzig der Verlag Actes-Sud gewährt den tunesischen Käufern einen Rabatt. Mehr als achtzig Prozent der Bevölkerung haben im Laufe eines Jahres kein Buch gelesen.

          Auch um kulturpolitische Themen ging es beim Besuch der Goncourts, die von Staatspräsident Béji Caïd Essebsi empfangen wurden. Der Abstecher war lange vor dem Friedensnobelpreis für die tunesische Zivilgesellschaft beschlossen worden. Im Bardo-Museum, das im März Schauplatz eines Attentats mit neunzehn Todesopfern war, bestimmten die Juroren die vier Finalisten, aus denen am kommenden Dienstag ihr Preisträger gekürt wird. Es kam dabei zu einer geradezu sensationellen Überraschung. Beim Gastspiel spielte der Heimvorteil eine entscheidende Rolle. Die Gäste wollten die Begeisterung der Gastgeber ganz offensichtlich nicht enttäuschen: Der einheimische Schriftsteller Hedi Kaddour verblieb im Rennen. Ihm wurde der im Nachbarland Algerien lebende Boualem Sansal geopfert, dessen großartiges Werk „2084“ bislang als Favorit galt (F.A.Z. vom 8.Oktober).

          Sansal beschreibt den sanften Totalitarismus einer islamischen Diktatur, sein Roman ist in Frankreich das zweite Buch des Jahres nach Michel Houellebecqs „Unterwerfung“. Niemand wird die Entscheidung als Kniefall vor den Islamisten deuten. Bedauern darf man sie gleichwohl. Immerhin steht Sansal noch bei vielen anderen Preisen zur Diskussion. Und auch eine Übersetzung – die für Goncourt-Sieger längst keine Selbstverständlichkeit mehr ist – ist bereits in Arbeit. Sie wird in seinem deutschen Hausverlag Merlin erscheinen. Ihretwegen hat der Sartre-Experte Vincent von Wroblewsky das Schreiben seiner deutsch-französischen Autobiographie, auf die wir auch gespannt warten, unterbrechen müssen. Die Übersetzung von „2084“ empfindet Vincent von Wroblewsky weniger als Ablenkung denn Anregung: Sie erinnere ihn an seine eigene Vergangenheit in der DDR.

          Jürg     Altwegg

          Kulturkorrespondent mit Sitz in Genf.

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