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Mittwoch, 19. Juni 2013
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Von Machiavelli lernen Entnetzt euch!

 ·  Schwarmintelligenz statt Machtcliquen: Niccolò Machiavelli empfiehlt sich als Denker der Krise. Volker Reinhardt erteilt dem Philosophen in einer Biographie erneut das Wort.

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Niccolò Machiavelli war ein Denker der Krise. Das Florenz um 1500, wo Machiavelli am 3. Mai 1469 als Sohn eines erfolglosen Rechtsanwalts geboren wurde, gehörte zu den Städten, in denen sich die Möglichkeiten und die Gefahren der republikanischen, städtischen Freiheitserfahrung besonders deutlich zeigten. Seit die Medici die Macht in der Stadt übernommen hatten, regierten sie mit einem handverlesenen, ihnen devot ergebenen Personenkreis, der sich aus den Netzwerken von ein paar Patrizierfamilien rekrutierte. Das offizielle Recht, nach dem jeder der theoretisch wählbaren Florentiner sich auch um ein öffentliches Amt bewerben konnte, war damit faktisch außer Kraft gesetzt.

Für einen ehrgeizigen, jungen Bürger, der wie Machiavelli aus kümmerlichen sozialen Verhältnissen kam, war dadurch die Chance auf eine Karriere im öffentlichen, politischen oder diplomatischen Dienst gleich null. Inwieweit diese Erfahrung der Chancenlosigkeit gegenüber eingespielten opportunistischen Cliquen im Florenz der Renaissance Machiavellis ganzes späteres Leben als Politiker, Diplomat und Schriftsteller prägte, kann man jetzt in einer gerade erschienenen Biographie des Historikers Volker Reinhardt nachlesen. Es gehört zu den Stärken von Reinhardts Lebensbeschreibung, dass er Machiavellis Erfahrungen immer im Florenz seiner Zeit belässt, ohne sich dabei in ermüdenden Details zu verlieren. Machiavelli könne man nur gerecht werden, wenn man ihn aus einer eigenen Gegenwart heraus verstehe: als einen brillanten intellektuellen Außenseiter, der Hilfsmittel gegen die Krisen seiner Zeit erfand, die zum Stein des Anstoßes für alle Zeiten geworden seien, schreibt Reinhardt im letzten Satz seiner Biographie.

Wer ein neues Fürstentum will, braucht einen neuen Fürsten

Und einen dieser Steine des Anstoßes bringt Reinhardt durch eine simple Wortwahl in die Gegenwart. Indem er die Kumpanei der ausgewählten Freunde und Familien als Netzwerke bezeichnet und beschreibt, lässt Reinhardt Machiavelli als Kritiker ebendieser Netzwerke aufscheinen. Auf eine Formel gebracht, könnte man Machiavellis Ratschlag an das Volk oder die Bürger, denen die Freiheit am Herzen liegt, kurz so fassen: Entnetzt euch! Denn Netzwerke bleiben immer Herrschaftsinstrumentarien. Ganz gleich, wie verästelt, wie groß oder wie klein sie sich organisieren. Netzwerke dienen immer der Verteilung von Einflusssphären und damit dem Zugang zur Macht, unabhängig von allgemeinen Verdiensten, die sich jeder erwerben kann.

Machiavellis Ausfälle gegen die „gelehrten Phrasendrescher und Opportunisten“ (Reinhardt), die sich in leeren Humanismen verlieren und „die Alten“ lesen, ohne auch nur einen Satz zum konkreten Problem etwa der Verteidigungsfähigkeit der Florentiner Republik zu verfassen, sind Legion. Sie sind die Waffe des Autors Machiavelli, der seine großen Werke erst zu schreiben beginnt, als ihn die nach Florenz zurückgekehrten Medici 1512 aus seinem Amt verjagten. Nachdem die Medici ihre Macht in Florenz verloren hatten und der dominikanische Prediger Girolamo Savonarola hingerichtet worden war, wurde Machiavelli zum Chef der zweiten Staatskanzlei gewählt. Für ihn sprach unter anderem die Tatsache, dass er weder mit den Medici noch mit Savonarola verbandelt war. Auch aus dieser Erfahrung zieht Machiavelli in seinen politischen Schriften eine durchgängige These: Wer einen neuen Staat oder ein neues Fürstentum gründen will, braucht auch einen neuen Fürsten. Und der neue Fürst darf auf keinen Fall aus den alten Eliten kommen. Er muss, könnte man modern sagen, so radikal entwurzelt sein, dass er mit den existierenden Formen der Macht nichts zu tun hat, die sämtlich alt und feudal sind - und von denen nichts zu erhoffen ist.

Gute Gesetze als Ausdruck von Parteikämpfen

Für den Philosophen und Mittelalterspezialisten Kurt Flasch wird Machiavelli deshalb zu dem Denker, der die Desillusionierung aussprach, die nahelag, wenn man sah, wie korrupt das Papsttum war, wie Italien durch die Schuld der Kirche zum Schlachtfeld der aufstrebenden Nationalstaaten wurde und wie die Idee der Stadtfreiheit durch innere Korruption obsolet geworden war. Theologie und Philosophie wurden Machiavelli in dieser geschichtlichen Konstellation zur reinen Ideologie. Beide fabrizierten nichts anderes als eine Apologie der bestehenden Mächte und scherten sich nicht um die tatsächlichen Übel der Zeit. Machiavelli wollte aber nicht nur Philosophie und Theologie von der Politik trennen, sondern auch die Wirtschaft. Als er 1513 bereits entlassen und auf seinen kleinen Landsitz San Casciano verbannt war, äußerte er sich in einem Brief zu seinen Qualifikationen. Weil er weder von den Geschäften der Seidenzunft noch von denen der Wollzunft noch von Gewinnen oder Verlusten, sondern nur vom Staat etwas verstehe, wolle er seinen „Fürsten“ schreiben.

In den beiden Zünften waren die Großhändler und Bankiers eingeschrieben, die die Politik in Florenz dominierten. Machiavelli hielt diese Händler für politikuntauglich. Die Chefs der großen Firmen bestimmten die Politik in Florenz, obwohl sie von Politik keine Ahnung hatten. Deshalb mischt er sich ab 1513 als Schriftsteller und Theoretiker in die Angelegenheiten von Florenz ein. Dass Machiavelli zu der Zeit ein abgehalfterter ehemaliger Staatsdiener ist, der auf auf seinem Landsitz mit den Waldarbeitern Bäume fällt und sich im Schlamm wälzt, wie er schreibt, scheint dabei eine Voraussetzung für seine politische Klarsicht zu sein. Auch wenn er den „Fürsten“ erst noch an die Medici adressiert, um sich wieder bei ihnen als Politiker ins Gespräch zu bringen, ist eine zunehmende Radikalisierung seiner Positionen dabei nicht zu übersehen.

Schon in den „Discorsi“, seinem umfänglichsten Werk zu Politik und Staatsführung, entwirft Machiavelli eine Theorie der Volksintelligenz. Wenn man das Streben des Adels und des Volkes untersucht, heißt es darin, so zeigt sich beim Adel ein starkes Verlangen, zu herrschen, beim Volk aber nur, nicht beherrscht zu werden, folglich ein stärkerer Wille, in Freiheit zu leben, da es weniger hoffen kann, die Freiheit zu missbrauchen, als der Adel. Das Volk ist aber nicht nur, wenn es um die Freiheit geht, kompetenter als der Adel oder der Fürst. Alle Angelegenheiten, in denen es um konkrete Dinge des Alltags geht, wie etwa einen gerechten Lohn oder den Brotpreis, beurteilt das Volk besser und sicherer als der Fürst. Und nur wenn die Parteikämpfe zwischen Volk und Adel oder Volk und Regierung auch geführt werden, kommt es zu guten Gesetzen. Gute Gesetze kommen in Machiavellis Kalkül nur zustande, wenn sie auch ein Ausdruck der Parteikämpfe zwischen Volk und Adel sind. Ein gutes Gesetz beinhaltet beide Elemente: die der Großen wie die des Volkes. Wer also die Parteikämpfe wegen ihres Lärms und Geschreis verurteilt, missachtete die Tatsache, dass die Interessen der Großen und des Volkes verschieden sind und nicht synthetisiert werden können.

Nicht auf halbem Wege stehen bleiben

Das Volk wird sich immer, weil es ja nur nicht beherrscht werden will, der Freiheit auf eine andere Weise nähern als die Großen. Auf einen modernen Begriff gebracht, bedient sich das Volk der Schwarmintelligenz, die Herrschenden dagegen der Netzwerke. Auch wenn Reinhardt den Begriff der Schwarmintelligenz nicht gebraucht, legt seine Biographie Machiavellis diesen Terminus nahe. Schwarmintelligenz zeichnet sich in allen bisher untersuchten tierischen Verbänden wie Fischen, Vögeln, aber auch bei Bienen dadurch aus, dass in den Schwärmen eine übergeordnete Entscheidungs- und Koordinationsinstanz fehlt. Im Unterschied zu Netzwerken geht es im Schwarm nicht um Hierachisierungen und Positionierungen im Machtgefüge, sondern um schnell vermittelte Informationen, die immer in der Ebene des Schwarms bleiben, um zum Beispiel eine effektivere Abwehr größerer Feinde zu gewährleisten. Bei Machiavelli bleibt aber - und das ist seine Pointe - der Parteienkampf zwischen oben und unten bestehen. Daran lässt sich nichts ändern, weil es in der Natur der Sache liegt.

Wo aber seine Sympathien liegen, daran bleibt vor allem in der „Geschichte von Florenz“ kein Zweifel. Darin entwickelt er am Beispiel des Aufstands der Ciompi, der rechtlosen Wollarbeiter, von 1381 eine regelrechte Theorie des Klassenkampfes. Die Wollarbeiter drängten nach wirtschaftlicher und politischer Gleichheit. Sie forderten eine eigene Zunft, um sich in Lohnverhandlungen gegenüber ihren Arbeitgebern besser behaupten zu können. Für Machiavelli waren das keine falschen Forderungen, sie gingen aber nicht weit genug. Wer einen Aufstand wagt, darf nicht auf halbem Wege stehenbleiben. Um das zu verdeutlichen, legt Machiavelli dem Anführer der Ciompi einen Aufruf gegen die alte Moral in den Mund: „Die kleinen Vergehen werden bestraft, die großen Verbrechen werden belohnt . . . Nur durch die Armut und durch den Reichtum sind wir ungleich.“

Wer bisher reich und mächtig geworden sei, sei es durch Gewalt und Betrug geworden. Die Aufständischen müssten diese Mittel ebenfalls anwenden, um die Geschichte zu verändern. Reinhardt dokumentiert und kommentiert diese Rede ausführlich. Sehr deutlich wird dabei Machiavellis Verhältnis zur Moral der Zeit. Die Moral, die den Wollarbeitern den Gebrauch der Gewalt verbieten will, stabilisiert nur die Herrschaft: Die guten Menschen bleiben, wenn sie dieser Moral folgen, arm und ohnmächtig. Für Kurt Flasch liegt die Essenz von Machiavellis Aufstandsrede in der schlichten Wahrheit, dass die Situation der Ungerechtigkeit nicht mit den Mitteln der bisherigen Moral beseitigt werden kann. Der Immoralist, als den seine Gegner Machiavelli gern sehen, war also auf der Suche nach einer neuen Moral.

Volker Reinhardt: „Machiavelli oder Die Kunst der Macht“. C. H. Beck, 400 Seiten, 24,95 Euro

Quelle: F.A.S.
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