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Von Machiavelli lernen : Entnetzt euch!

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Empfielt sich als Denker der Krise: Niccolò Machiavelli (1469-1527) Bild: picture-alliance / maxppp

Schwarmintelligenz statt Machtcliquen: Niccolò Machiavelli empfiehlt sich als Denker der Krise. Volker Reinhardt erteilt dem Philosophen in einer Biographie erneut das Wort.

          Niccolò Machiavelli war ein Denker der Krise. Das Florenz um 1500, wo Machiavelli am 3. Mai 1469 als Sohn eines erfolglosen Rechtsanwalts geboren wurde, gehörte zu den Städten, in denen sich die Möglichkeiten und die Gefahren der republikanischen, städtischen Freiheitserfahrung besonders deutlich zeigten. Seit die Medici die Macht in der Stadt übernommen hatten, regierten sie mit einem handverlesenen, ihnen devot ergebenen Personenkreis, der sich aus den Netzwerken von ein paar Patrizierfamilien rekrutierte. Das offizielle Recht, nach dem jeder der theoretisch wählbaren Florentiner sich auch um ein öffentliches Amt bewerben konnte, war damit faktisch außer Kraft gesetzt.

          Für einen ehrgeizigen, jungen Bürger, der wie Machiavelli aus kümmerlichen sozialen Verhältnissen kam, war dadurch die Chance auf eine Karriere im öffentlichen, politischen oder diplomatischen Dienst gleich null. Inwieweit diese Erfahrung der Chancenlosigkeit gegenüber eingespielten opportunistischen Cliquen im Florenz der Renaissance Machiavellis ganzes späteres Leben als Politiker, Diplomat und Schriftsteller prägte, kann man jetzt in einer gerade erschienenen Biographie des Historikers Volker Reinhardt nachlesen. Es gehört zu den Stärken von Reinhardts Lebensbeschreibung, dass er Machiavellis Erfahrungen immer im Florenz seiner Zeit belässt, ohne sich dabei in ermüdenden Details zu verlieren. Machiavelli könne man nur gerecht werden, wenn man ihn aus einer eigenen Gegenwart heraus verstehe: als einen brillanten intellektuellen Außenseiter, der Hilfsmittel gegen die Krisen seiner Zeit erfand, die zum Stein des Anstoßes für alle Zeiten geworden seien, schreibt Reinhardt im letzten Satz seiner Biographie.

          Wer ein neues Fürstentum will, braucht einen neuen Fürsten

          Und einen dieser Steine des Anstoßes bringt Reinhardt durch eine simple Wortwahl in die Gegenwart. Indem er die Kumpanei der ausgewählten Freunde und Familien als Netzwerke bezeichnet und beschreibt, lässt Reinhardt Machiavelli als Kritiker ebendieser Netzwerke aufscheinen. Auf eine Formel gebracht, könnte man Machiavellis Ratschlag an das Volk oder die Bürger, denen die Freiheit am Herzen liegt, kurz so fassen: Entnetzt euch! Denn Netzwerke bleiben immer Herrschaftsinstrumentarien. Ganz gleich, wie verästelt, wie groß oder wie klein sie sich organisieren. Netzwerke dienen immer der Verteilung von Einflusssphären und damit dem Zugang zur Macht, unabhängig von allgemeinen Verdiensten, die sich jeder erwerben kann.

          Machiavellis Ausfälle gegen die „gelehrten Phrasendrescher und Opportunisten“ (Reinhardt), die sich in leeren Humanismen verlieren und „die Alten“ lesen, ohne auch nur einen Satz zum konkreten Problem etwa der Verteidigungsfähigkeit der Florentiner Republik zu verfassen, sind Legion. Sie sind die Waffe des Autors Machiavelli, der seine großen Werke erst zu schreiben beginnt, als ihn die nach Florenz zurückgekehrten Medici 1512 aus seinem Amt verjagten. Nachdem die Medici ihre Macht in Florenz verloren hatten und der dominikanische Prediger Girolamo Savonarola hingerichtet worden war, wurde Machiavelli zum Chef der zweiten Staatskanzlei gewählt. Für ihn sprach unter anderem die Tatsache, dass er weder mit den Medici noch mit Savonarola verbandelt war. Auch aus dieser Erfahrung zieht Machiavelli in seinen politischen Schriften eine durchgängige These: Wer einen neuen Staat oder ein neues Fürstentum gründen will, braucht auch einen neuen Fürsten. Und der neue Fürst darf auf keinen Fall aus den alten Eliten kommen. Er muss, könnte man modern sagen, so radikal entwurzelt sein, dass er mit den existierenden Formen der Macht nichts zu tun hat, die sämtlich alt und feudal sind - und von denen nichts zu erhoffen ist.

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