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Von deutschem Genius : Der Fleiß ist heiß

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Deutsches Genie mit Lorbeerkranz: das Goethe-Schiller-Denkmal in Weimar Bild: AP

Die Deutschen, sagt der englische Autor Peter Watson, haben die moderne Welt erfunden und den modernen Menschen erdacht - und er füllt 900 Seiten mit Belegen. Ein Gespräch über Glanz und Elend des deutschen Genius.

          Der erstaunlichste Satz Ihres Buches heißt: Wir sprechen englisch, aber wir denken deutsch. Und wir dachten, die Welt spreche englisch und denke amerikanisch.

          Die Amerikaner denken deutsch. Die Vereinigten Staaten haben mit Deutschland wesentlich mehr geistige Gemeinsamkeiten als mit England. Der große Ernst der Amerikaner, ihre Aufmerksamkeit für jedes Detail, ihr Arbeitsethos: das ist alles sehr deutsch. Ein Kollege hat mal gesagt: Das Schlimmste, was man einem britischen Journalisten nachsagen könne, das ist, dass er langweilig sei. Das Schlimmste über einen amerikanischen Journalisten: dass er unrecht habe.

          Recht haben zu wollen ist sehr deutsch. Sie meinen, die Amerikanisierung der Welt bedeute eine Germanisierung des Denkens?

          Das könnte man so sagen. Engländer und Amerikaner dagegen sind getrennt durch die gemeinsame Sprache.

          Wie Österreicher und Deutsche, Bayern und Preußen. Ihr Buch über den deutschen Genius fängt um die Mitte des 18. Jahrhunderts an. Was war damals so besonders?

          Ich würde sagen, da beginnt das Zeitalter der Moderne. Es beginnt mit dem Zweifel an der Religion, mit einer generellen Skepsis, es ist eine Zeit, die auch in England und Frankreich große Philosophen hervorbringt. Aber es ist Deutschland, wo das Zeitalter der Biologie und der Geologie beginnt, es ist Deutschland, wo die Geschichtswissenschaft begründet wird – und wo man beginnt, alles, die Natur wie die Kultur, als historisch zu begreifen und damit als veränderbar. In Deutschland wurden damals die philosophischen und naturwissenschaftlichen Grundlagen fürs moderne Weltbild gelegt.

          Wenn ich Ihr Buch richtig verstanden habe, sehen Sie im Pietismus eine der Ursachen für den Wandel.

          Der Pietismus lieferte nicht nur den religiösen Ansporn, hart zu arbeiten und gründlich zu sein: Er war in Deutschland an der Macht. Im Königreich Preußen herrschte der Staatspietismus, und da zählten Fleiß und Arbeit mehr als alles andere. Und diese Entwicklung wurde verstärkt durch den Umstand, dass es in Deutschland, wegen der politischen Zersplitterung, bald fünfzig Universitäten gab. In England gab es zwei. Manche der deutschen Universitäten waren klein, aber der pietistische Geist sorgte dafür, dass auch die Söhne armer Familien eine Chance bekamen, wenn sie klug und fleißig waren.

          Kann es sein, dass Sie Deutschland mit Preußen verwechseln? Bayern, Österreich, das Rheinland waren katholisch.

          Universitäten gab es auch dort – und ich glaube, dass die Haltungen, die ihren Ursprung im Pietismus haben, sich in ganz Deutschland ausgebreitet haben: schon weil deren Erfolg sichtbar war. Es ging darum, was im diesseitigen Leben zu tun war, statt nur auf ein ewiges Leben im Jenseits zu hoffen.

          Die Freiheit war für die Deutschen bloß ein Gedanke. Engländer, Franzosen, Amerikaner haben sich die Freiheit erkämpft.

          Die Frage, die mir noch keiner beantwortet hat, heißt: Wie verhalten sich in Deutschland die Politik und die Kultur zueinander? Musik, Philosophie, Literatur und natürlich die Wissenschaften: Überall führten die Deutschen. Aber wie sich das alles, dieses wundervolle Geistesleben, zur gescheiterten Revolution von 1848 verhält, zur preußischen Reichsgründung von 1871, zur Katastrophe der beiden Weltkriege, das weiß ich nicht.

          Die Deutschen flüchteten vor der Politik in die Kultur.

          Das ist eine geläufige Sicht, aber ich glaube, dass sie nur zur Hälfte stimmt. Sicher, die ganze Kultur des Biedermeiers war auch ein Reflex auf den Wiener Kongress und die Restauration. Die Künste reagieren darauf. Aber der naturwissenschaftliche Fortschritt verdankt sich vor allem der Neugier und dem Zufall. Und wie sich das zueinander verhält, wie die avancierten Naturwissenschaften und die reaktionäre Politik in Deutschland einander beeinflussen: Das hat mir noch keiner erklärt.

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