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Volker Weidermann Mein Lieblingsbuch: „Radetzkymarsch“

12.07.2004 ·  "Radetzkymarsch" ist ein Wunder. Joseph Roth hat die letzten Kapitel geschrieben, als der Vorabdruck in der "Frankfurter Zeitung" 1932 längst begonnen hatte. Immer betrunken. Immer mit klarstem Geist.

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Joseph Roths "Radetzkymarsch" ist natürlich nicht einfach nur mein Lieblingsbuch. Es ist das schönste Buch der Welt. Das traurigste. Sentimentalste. Wundersamste. Es ist ein Wunder.

Joseph Roth hat die letzten Kapitel geschrieben, als der Vorabdruck in der "Frankfurter Zeitung" 1932 längst begonnen hatte. Wie immer von tausend Verpflichtungen und größter Geldnot gehetzt. Immer betrunken. Immer mit klarstem Geist. Klarstem Verstand. Er mußte schreiben, umarbeiten, weiterschreiben, während die ersten Kapitel schon in der Zeitung standen.

"Lassen S' die Geschicht!"

Die ersten Kapitel, in denen der Leutnant Trotta aus Sipolje in der Schlacht von Solferino dem jungen Kaiser das Leben rettet und zum Helden wird. Und dann, kurz darauf, in einem Schulbuch lesen muß, wie seine Geschichte zu einer vaterländischen Kitschgeschichte umgelogen wurde. Sogleich den Kaiser aufsucht, an den er glaubt, wie man nur an den größten Kaiser der Welt glauben kann und diesem Kaiser sagt: "Es ist eine Lüge", und Franz Joseph erwidert: "Lassen S' die Geschicht!", und dann der große Untergang beginnt. Der Untergang des Kaisers. Der Untergang der Trottas und der Untergang Österreichs.

So unausweichlich, schmerzhaft, leise, stark und klar. Ein letztes Rufen, letztes Schreiben. Und der Kaiser am Ende im Sterbebett liegt und den Regen hört und dieses letzte Geräusch ein "Säuseln" nennt und nur noch "Säuseln" denken kann und seine Sünden bereut und redet, und niemand hört ihn mehr, und es heißt: "Und wieder ergab er sich dem sanften ,Säuseln' der Welt, die rings um ihn lebte, indes er starb - und er glich einem Kinde, das jeden Widerstand gegen den Schlaf aufgibt, bezwungen vom Schlaflied und in diesem eingebettet." Dann stirbt der Kaiser. Dann stirbt Trotta. Dann stirbt die ganze Welt. So schön wie nie.

Volker Weidermann ist Feuilletonredakteur der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.07.2004, Nr. 159 / Seite 31
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