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Vernunft und Religion Tiefe Wasser

25.11.2005 ·  Ein Schiffsunglück bestätigt die schlimmsten Vermutungen über den Menschen, Jürgen Habermas weist der Religion einen festen Ort zu, und Königsberg ist ein Ort der Vernunft.

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Vor zweihundert Jahren sank die Fregatte Medusa, der Kapitän machte sich in einem Boot davon, und die Mannschaft konnte sehen, wie sie sich auf einem Floß rettete.

Was auf dem Floß geschah, bestätigte die schlimmsten Vermutungen über den Menschen als Mitmenschen. Dieser Vorfall ist gleichsam ein symbolischer Vorgriff auf die kommenden Jahrhunderte des Fortschritts und seiner schwarzen Seiten gewesen. Zwei Ärzte, die auf dem Rettungsfloß waren, haben aufgeschrieben, was damals passierte.

Der Philosoph Jürgen Habermas sieht für die Vernunft keine Gefahr, daß sie sich in die Hoffnung auf Transzendenz verstrickt und untergeht. Er weist in seinem zeitdiagnostischen Aufsatzband der Religion einen festen Ort in der säkularisierten Moderne zu. Dort reagiert die Vernunft einfühlsam auf die Zeichen der Gegenwart, die sich in einer neuen Religiosität ergeht, und bescheidet sich darin, nicht über alles das letzte Wort zu haben.

Als der Ort der Vernunft taucht am Horiziont Königsberg auf. Jürgen Manthey hat diese These seiner materialreichen und elegant erzählten Geschichte der Stadt zu Grunde gelegt, in der Kant sein ganzes Leben verbrachte und dabei die weiten Grenzen der Vernunft beschrieb.

Jürgen Habermas: „Zwischen Naturalismus und Religion“. Philosophische Aufsätze. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2005. 372 S., br., 16,80 Euro.

Jürgen Manthey: „Königsberg“. Geschichte einer Weltbürgerrepublik. Hanser Verlag, München 2005. 736 S., Abb., geb., 29,90 Euro.

J.-B. Henri Savigny, Alexandre Corréard: „Der Schiffbruch der Fregatte Medusa“. Texte von Johannes Zeilinger und Jörg Trempler. Verlag Matthes & Seitz, Berlin 2005. 256 S., Abb., geb., 22,80 Euro.

Quelle: 25-11-2005, F.A.Z., Neue Sachbücher (Literaturbeilage), Seite L18
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