Es gibt wohl keine andere Großstadt in Deutschland, die so monolithisch mit einer Unternehmerfamilie identifiziert wird wie Essen: Krupp, Friedrich, hat hier 1811 eine Gussstahlfabrik aufgemacht, Krupp, Alfred, daraus einen Weltkonzern geschmiedet und Essen, das 852 als sein Geburtsjahr angibt, als Industriemetropole groß gemacht.
Handbücher für Schnellreisende
Bis heute und nicht nur, weil in diesem Jahr, nach dem Firmenjubiläum 2011, der zweihundertste Geburtstag von Alfred begangen wird, ist der Name omnipräsent: Krupp-Allee, Krupp-Park, Krupp-Krankenhaus, ohne die Krupp-Stiftung keine Philharmonie und keinen Neubau für das Museum Folkwang. So lange schon geht die Gleichung Krupp und (Kanonen-)Stadt auf, dass andere, ältere, bürgerliche Traditionen dahinter verschwunden sind. Baedeker zum Beispiel.
Wer würde Baedeker, mit dessen bilderlosen Reiseführern sich so ganz andere Vorstellungen - Rheinromantik, Alpenpanorama, Stadtansichten - verbinden als mit Krupp, schon mit Essen assoziieren? In der Stadt ist das anders: Karl Baedeker, der Erfinder der rot eingebundenen „Handbücher für Schnellreisende“, wurde 1801 in Essen geboren, wo sein Großvater Zacharias, der 1775 die Witwe von Johann Christoph Theodor Wohlleben geehelicht und dessen Verlag, Druckerei und Zeitung übernommen hatte, eine Buchhandlung eröffnete. Die hat sein Sohn Gottschalk Diederich 1817, indem er von einer ehemaligen Stiftsdame die Harrachsche Kurie erwarb, auf jenem Grundstück am Burgplatz etabliert, wo sie noch heute steht: seit 1926 in einem auffallenden, mit bossierten Muschelkalkquadern verkleideten und seit einem Vierteljahrhundert denkmalgeschützten Stadtpalast, an dessen Fassade vier Figuren des Bildhauers Joseph Enseling Wissenschaft und Handel, Arbeit und Kunst personifizieren.
Zwar wurde aus der Buchhandlung Baedeker, die bis 1958 von einem Mitglied der Familie geführt wurde, 2008 nach mehreren Besitzerwechseln Thalia, doch die Essener sagten weiter nur „Wir gehen nach Baedeker“. Damit wird es am 15. Oktober vorbei sein, denn nur fünf Jahre vor dem zweihundertsten Jubiläum teilt der Handelskonzern Douglas mit, dass er die zweitausend Quadratmeter große Filiale - wie zuvor schon die Standorte am Neumarkt in Köln, am Westenhellweg in Dortmund und in der Bielefelder Bahnhofstraße - schließen wird.
Wieder ein Verlust für Essen, wo doch Karstadt gerade gefährlich wackelt; wieder ein Rückschlag für das Ruhrgebiet, das verbrauchte Image von Kohl und Stahl loszuwerden.
Die Frage nach der Ursache ...
Marc-Oliver Dohrenbusch (oli_doh)
- 19.07.2012, 10:43 Uhr