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Verlegerinnen : Eine mußte es ja machen

  • -Aktualisiert am

Daniela Seel Bild: F.A.Z. - Christian Thiel

Literatur zwischen Provinz und Metropole: Kookbooks-Verlegerin und Autorin Daniela Seel macht mit ihrem Verlag seit zwei Jahren wunderschöne Bücher.

          Daniela Seel ist eine Ich-AG. Mancher mag das immer noch für eine zynische Generalmetapher unserer neoliberalen Epoche halten, dabei ist es ein ganz konkretes Geschäftsmodell. Vor zwei Jahren gründete die 1974 in Frankfurt geborene und in Idstein/Taunus aufgewachsene Literaturwissenschaftlerin und ausgebildete Verlagskauffrau ihren Kleinverlag "Kookbooks", mit einem kleinen, ererbten Startkapital.

          Mit diesem Geld, sagt sie, hätte sie auch anderes tun können - Angenehmeres vielleicht, doch zugleich "nicht Lebenswichtiges". Daniela Seels wichtigstes Kapital, das merkt man nach wenigen Augenblicken, ist ihre Überzeugung von der absoluten Notwendigkeit ihrer Arbeit.

          Produktives Grundprinzip

          Ende der neunziger Jahre, während ihres Studiums in Berlin, traf Daniela Seel im Osten der Stadt auf Gleichgesinnte, auf junge Literaten, Lyriker zumeist, Musiker, Künstler, die sich bald unter dem Label "Kook" zu verschiedenen Projekten zusammenschlossen.

          Dazu zählten etwa Jan Böttcher, Sänger und Texter der Band "Herr Nilsson" (und später Autor des ersten Kookbooks-Titels), Jakob Dobers von der Band "Zimtfisch" oder der aus New York stammende Performer Howard Katz. Dazu Lyriker wie Jan Wagner, Daniel Falb, Ron Winkler oder Monika Rinck. Man traf sich regelmäßig zu Workshops, las, diskutierte, poetisierte und polemisierte - mit dem produktiven Grundprinzip, daß kein Redebeitrag vor seinem Ende unterbrochen werden durfte.

          Die Idee gärte seit langem

          Im Musikbereich institutionalisierte sich die kleine Szene als erstes. "Kook" - ein englischer Slangausdruck für "Spinner", den Howard Katz einbrachte - wurde zunächst der Name eines Plattenlabels, mit nur mäßigem kommerziellen Erfolg. Die Idee, auch einen Buchverlag zu machen, gärte seit längerem. Die jungen Autoren wollten sich ein eigenes, vom etablierten Betrieb unabhängiges Forum geben; auch die Herausgabe einer eigenen Literaturzeitung war im Gespräch. Rückblickend spricht Daniela Seel vom Gefühl, unter Zeitdruck zu stehen. Denn die nur locker verbundene Szene wäre ohne einen Kristallisationskern wohl bald zerfallen.

          Sie selbst, die sich bis dahin selbst vorwiegend als Autorin verstanden hatte, sah sich plötzlich zum Handeln gezwungen: "Wenn ich es nicht tue, tut es niemand." Sie allein hatte durch ihre Ausbildung und die jahrelange Mitarbeit in einem Verlag für politische Literatur das nötige Vorwissen. Immer noch überkomme sie von Zeit zu Zeit das Gefühl, auf der falschen Seite zu stehen, sagt sie, doch sieht man ihr an, daß sie diese Last gern trägt - und es auch kann. Denn hinter ihrem zarten, verletzlich wirkenden Äußeren stecken Kraft und Selbstbewußtsein.

          „Es geht auch anders“

          Als sie mit Jan Böttchers starkem Erzähldebüt "Lina oder: Das kalte Moor" im Herbst 2003 startete, wurde das Unternehmen hier und da vielleicht noch ein bißchen belächelt. Gleich sechs Reihen kündigte das Programm an - Prosa, Lyrik, Kunstbuch, Kinderbuch, Hörbuch und Essay -, alle Titel aufwendig hergestellt und vom befreundeten Grafiker Andreas Töpfer mit unverwechselbaren Covern und transparenten Vorsatzblättern versehen.

          Einschließlich des kommenden Herbstprogramms hat Kookbooks schon siebzehn Titel gemacht - eine stattliche Zahl, zumal auf diesem buchgestalterischen Niveau. Nicht nur der optische, auch der haptische Aspekt am Buch, die Wahl des Papiers etwa, sind Seel wichtig. Jenseits der Markenbildung wolle man auch beim Äußeren zeigen: "Es geht auch anders."

          Nachwuchsautoren haben kaum Zeit

          Ein Höhepunkt des Programms ist das Kunstbuch "Liebling, mach Lack! Die Aufzeichnungen des Soldaten Jot Jot" von Johannes Jansen, das die Zeichnungen und Manuskripte aus der NVA-Zeit Jansens in allererster Qualität als Faksimile bietet. Als Schwerpunkt hat sich jedoch kaum zufällig die Lyrik herausgebildet. Mit den Debüts von Daniel Falb, Steffen Popp und dem Leonce-und-Lena-Preis-Gewinner Ron Winkler hat sich Daniela Seel unter Kennern einen Namen gemacht. Hier kommt das Modell zum Tragen, mit der Verlagsgründung als Speerspitze einer "Szene" zu agieren und ihr Öffentlichkeit zu verschaffen.

          Die jüngeren Lyriker seien obendrein, so Seel, in der poetologischen Reflexion viel weiter als ihre erzählenden Kollegen. In den auf Prosa spezialisierten Schreibschulen spielten literaturhistorische Positionen kaum eine Rolle; außerdem sei der Sog von seiten der Agenten und Verlage so groß, daß Nachwuchsautoren kaum Zeit hätten, eine eigene, ihrer Schreibtraditionen bewußte Poetik zu entwickeln - und natürlich kommen Erzähltalente auch leichter bei größeren, vorschußkräftigeren Verlagen unter. Böttchers zweites Buch wird bei Rowohlt Berlin erscheinen.

          Neuauflage des literarischen Salons

          Auf die Frage, ob es denn Zufall sei, daß sie als Frau in diese gewissermaßen dienende Rolle eingetreten sei und die eigene Autorschaft hinter die Arbeit an Büchern anderen zurückgestellt habe, weiß sie nicht sofort zu antworten. Frauen seien im Verlagsgeschäft immer noch stark unterrepräsentiert; und würden zudem von den etablierten Männern selten auf Augenhöhe wahrgenommen. Vielleicht sei ihr kommunikatives, ausgleichendes Wesen ihr im Umgang mit rivalisierenden Autoren zu Hilfe gekommen - ob das eine typisch weibliche Eigenschaft sei, läßt sie freilich offen. Ein bißchen erscheint das Kook-Modell wie eine zeitgemäße Neuauflage des alten literarischen Salons, in denen Frauen als Zentralfiguren wirkten, als Gravitationskerne, die den literarischen Diskurs erst ermöglichten.

          In jedem Fall leistet Daniela Seel Pionierarbeit, die sich hoffentlich einmal auszahlen wird - die Ich-AG ist ein zeitlich limitiertes Modell. Im nächsten Jahr will sie über Expansion nachdenken, personell und programmatisch, durch Einbeziehung von Übersetzungen beispielsweise dänischer oder polnischer Literatur. Gedacht ist etwa an einen "Poetischen Atlas des Ostseeraums". Der verlegerischen Spinnerei jedenfalls scheinen keine Grenzen gesetzt.

          Bisher erschienen: Tanja Graf (SchirmerGraf); Rosemarie von dem Knesebeck (Knesebeck); Katharina Wagenbach-Wolff (Friedenauer Presse); Elisabeth Sandmann (Elisabeth Sandmann Verlag).

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