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Verlagsstreit Wie erkläre ich Suhrkamp meinem Kinde?

Von den Anfängen bis zur aktuellen Auseinandersetzung: Wer ist wer, und wer will was beim kompliziertesten Verlag des Landes? Versuch einer Zusammenfassung in schlichten Worten.

© Greser & Lenz Vergrößern

Es war einmal... doch halt, schon falsch, es ist ja noch. Suhrkamp lebt, und das, was rund um den Verlag zuletzt geschehen ist, hat auch nichts Märchenhaftes. Und doch muss man im Ton einer Legende beginnen: Es gab einmal einen Mann namens Peter Suhrkamp, geboren 1891, der war Lektor im Berliner Verlag S. Fischer, dem wichtigsten literarischen deutschen Publikationshaus im späten Kaiserreich und in der Weimarer Republik. Zu den Autoren zählten Gerhart Hauptmann, Thomas Mann, Hugo von Hofmannsthal, Hermann Hesse, Bertolt Brecht.

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Die Eigentümerfamilie Fischer war jüdisch, weshalb sie 1936 ins Exil ging. Peter Suhrkamp erwarb Geschäftsanteile des Verlags und verwaltete ihn - Beteiligungen werden in dieser Geschichte immer wieder wichtig sein. 1941 wurde der Name des Unternehmens in Suhrkamp geändert, weil die Nationalsozialisten die Erinnerung an dessen jüdische Geschichte auslöschen wollten. Peter Suhrkamp wurde 1944 wegen Hochverrats verhaftet, überlebte aber Schutzhaft und Konzentrationslager.

Eine Auflösung, zwei Neugründungen

Nach dem Krieg kehrte er in den weiterhin nach ihm benannten Verlag zurück, doch die Verständigung mit Gottfried Bermann Fischer über ein gemeinsam geführtes Unternehmen misslang. 1950 wurde der alte Berliner Verlag aufgelöst, und zwei neue wurden in Frankfurt am Main begründet, die wieder die bereits etablierten Namen S. Fischer und Suhrkamp trugen. Den Autoren wurde freigestellt, welches Haus ihre Bücher künftig verlegen sollte. 33 von 48 entschieden sich für Suhrkamp. Darunter waren Hesse und Brecht, die seitdem als Garanten für die finanzielle Basis von Suhrkamp gelten. Ihre Bücher sind Schulstoff seit Jahrzehnten, die Rechte werden im Fall von Brecht 2026, bei Hesse sogar erst 2032 frei.

Die 1963 herausgegebene Reihe edition suhrkamp in einem Regal zusammenstahend, der von dem Grafiker Willy Fleckhaus entworfene Einband der auf über 2000 Bände erschienen Reihe wurde zum Markenzeichen des Suhrkamp Verlags.

Diese Bestseller im Programm ergänzte Suhrkamp in Zusammenarbeit mit seinem 1952 eingestellten Lektor Siegfried Unseld um weitere deutschsprachige Autoren, die Epoche machen sollten, wie Max Frisch, Martin Walser, Theodor W. Adorno, Hans Magnus Enzensberger, Walter Benjamin und Carl Zuckmayer und um internationale Entdeckungen für Deutschland wie Samuel Beckett, Marcel Proust, Marguerite Duras oder T.S. Eliot.

Von Suhrkamp zu Unseld

Peter Suhrkamp starb 1959, doch im Jahr zuvor hatte er den 1924 geborenen Unseld zum Mitgesellschafter des Verlags gemacht. Der führte fortan die Geschicke von Suhrkamp - 43 Jahre lang bis zum eigenen Tod 2002. Erst in dieser Zeit wurde Suhrkamp zum wichtigsten Forum des deutschen Geistesleben, und es bildete sich das heraus, was der amerikanische Literaturwissenschaftler George Steiner (auch er natürlich ein Autor des Verlags) 1973 als „Suhrkamp-Kultur“ bezeichnet hat. Damit meinte er die Prägung des deutschen und auch internationalen intellektuellen Lebens durch Suhrkamp-Schriftsteller. Unter Unseld waren zum Beispiel noch Ingeborg Bachmann, Thomas Bernhard, Peter Handke, Uwe Johnson, Peter Weiss, James Joyce, Octavio Paz, Jorge Semprun, Amos Oz oder Isabel Allende im literarischen Bereich und Geisteswissenschaftler wie Claude Lévi-Strauss, Jürgen Habermas, Jacques Derrida, Alexander Mitscherlich, Niklas Luhmann und Peter Sloterdijk dazugekommen. Man müsste diese Liste auf die Länge des ganzen Artikels ausdehnen, wollte man allen gerecht werden, aber wie erklärte man das seinen Kindern?

Suhrkamp © dapd Vergrößern Von Siegfried Unseld gedrängt, die Verantwortung für den Verlag zu übernehmen: Ulla Unseld-Berkewicz vor einem Bild ihres 2002 verstorbenen Ehemanns.

Unseld war es auch, der gleich nach seinem Antritt als Verleger den Gestalter Willy Fleckhaus beauftragte, den Büchern des Verlags ein unverwechselbares Gesicht zu geben. Fleckhaus wählte einheitliche Typographie und rein durch Farben akzentuierte strenge Titel. Berühmt wurden dadurch die „edition suhrkamp“, die 1963 als Forum für literarische Avantgarde geschaffen wurde, und die Reihe stw (Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft), in der seit 1973 bedeutende akademische Schriften erschienen. 1963 hatte Unseld zudem den traditionsreichen Insel Verlag gekauft und damit das Verlagsspektrum vor allem im Bereich der klassischen Moderne immens erweitert. Er bezahlte diese Erwerbung jedoch mit einem hohen Preis: Er holte sich zur Finanzierung zwei Schweizer Geschäftsleute als stille Teilhaber in den Suhrkamp Verlag. Deren Anteile sind heute partiell im Besitz von Hans Barlach, der derzeit so eifrig gegen die Verlagsgruppe und deren Führung prozessiert.

Die Lektoren begehrten auf

Personelle Querelen waren aber schon lange die Begleitmusik zum verlegerischen Erfolg. 1968, im Jahr des gesellschaftlichen Umbruchs, verlangten zehn Lektoren größeres Mitspracherecht bei den Entscheidungen des Unternehmens. Unseld verweigerte es, hatte dabei auch den Rückhalt seiner Autoren, verlor jedoch dadurch einige der besten Mitarbeiter. Nie gelang es ihm, einen Nachfolger als Verleger aufzubauen; den eigenen Sohn Joachim, der seit 1983 für Suhrkamp arbeitete, drängte Unseld 1991 aus dem Verlag; er blieb aber Minderheitsgesellschafter. Weitere „Kronprinzen“ scheiterten an der starken Persönlichkeit des Patriarchen und nach dessen Tod an Ulla Berkéwicz, mit der Unseld seit 1990 in zweiter Ehe verheiratet war und die 2002 dann seine Nachfolge antrat. Das Mehrheitseigentum am Verlag war schon 1999 auf eine Familienstiftung übertragen worden, der Frau Berkéwicz vorsitzt. Das Modell eines Beirats aus mit dem Haus eng verbundenen Autoren scheiterte.

Umzug nach Berlin

Ungeachtet der seitdem nicht mehr abreißenden Auseinandersetzungen zwischen den Gesellschaftern um die Führung des Verlags, setzte Ulla Berkéwicz 2009 den Umzug von Suhrkamp aus Frankfurt nach Berlin durch. Im Zuge der Entscheidung darüber ließ sich Joachim Unseld als Gesellschafter ausbezahlen. Um das und den Umzug finanzieren zu können, verkaufte die Familienstiftung im selben Jahr das Verlagsarchiv ans Deutsche Literaturarchiv in Marbach.

Die Ertragslage der Suhrkamp-Verlage gilt trotz der Erfolge von jungen Autoren wie Judith Schalansky oder Uwe Tellkamp seit einigen Jahren als angespannt, da sich die Klassiker nicht mehr so zuverlässig wie früher verkaufen. Doch da sie nicht gestorben sind, verlegen sie auch noch morgen.

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Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 25.12.2012, 14:09 Uhr