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Verlage Ulla Berkéwicz setzt sich durch: Günter Berg verläßt Suhrkamp

25.11.2003 ·  Siegfried Unselds Witwe Ulla Berkéwicz hat sich im Suhrkamp-Verlag auf ganzer Linie durchgesetzt. Nach all den verschlissenen und gescheiterten Kronprinzen tritt nun eine Frau das Erbe des Patriarchen an.

Von Hubert Spiegel
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Der letzte in einer langen Reihe glückloser Kronprinzen Siegfried Unselds verläßt den Suhrkamp Verlag: Günter Berg, von Unseld zum Geschäftsführer ernannt und von Unselds Witwe Ulla Berkéwicz nach einem internen Machtkampf zu ihrem Stellvertreter bestimmt, hat sich am Dienstag vom Suhrkamp Verlag getrennt. Die Trennung erfolgte nach Angaben des Verlags einvernehmlich und mit sofortiger Wirkung.

Seit Siegfried Unselds Tod im Spätherbst letzten Jahres wurde darüber spekuliert, welche Rolle seine Witwe künftig im Verlag einnehmen würde. Nun ist eingetreten, was sich seit geraumer Zeit angekündigt hatte: Ulla Berkéwicz hat sich auf ganzer Linie durchgesetzt. Das dürfte einerseits nicht gar so schwer gewesen sein, denn die Machtverhältnisse sind eindeutig: Als Vorsitzende der "Siegfried und Ulla Unseld Familienstiftung" vertritt sie einundfünfzig Prozent der Anteile am Suhrkamp Verlag. Gegen ihren Willen geschieht nichts in dem Verlag, der über Jahrzehnte der wichtigste im Lande war. Andererseits gehört eine ziemlich große Portion Mut zum Vorgehen der Witwe. Wenn sie je daran gedacht haben sollte, Suhrkamps Geschicke aus dem Hintergrund zu lenken, dann hat sie sich schnell eines Besseren besonnen. Ulla Berkéwicz hat die Macht im Hause Suhrkamp nicht nur gewollt, sondern sich zu diesem Machtwillen auch bekannt. Ob sie der selbstgestellten Aufgabe gewachsen ist, kann niemand wissen; gleichwohl haben viele zunächst hinter vorgehaltener Hand und dann auch öffentlich so getan, als sei ihr Scheitern unumgänglich und alles andere als eine baldige Katastrophe undenkbar.

Schlechte Prognosen

Aber die schlechten Prognosen haben Ulla Berkéwicz nicht beeindruckt. Vermutlich haben die negativen, nicht selten die Grenzen des guten Geschmacks verletzenden Berichte in manchen Medien sie in ihrer Haltung nur bestärkt. Jedenfalls stellt sich Ulla Berkéwicz nun mit offensichtlich größter Entschlossenheit einer Aufgabe, die vielen schon zu Lebzeiten Siegfried Unselds als unlösbar galt: den Suhrkamp Verlag nach dem Tod seines Verlegers weiterzuführen.

Man muß sich die Geschichte des Suhrkamp Verlags noch einmal vor Augen führen, um ermessen zu können, was jetzt geschieht. Ein Vierteljahrhundert lang wurde ein Thronfolger gesucht, denn seitdem der Sohn Joachim Unseld systematisch auf die Übernahme des Verlags vorbereitet wurde, war die Frage der Nachfolge im Gespräch. Aber Joachim Unseld schied 1991 im Streit aus dem Verlag, besitzt jedoch nach wie vor zwanzig Prozent der Suhrkamp-Anteile und hat als Verleger der Frankfurter Verlagsanstalt längst bewiesen, daß er sein Handwerk beherrscht. Gottfried Honnefelder, Arnulf Conradi, Thedel von Wallmoden und Christoph Buchwald verließen den Verlag nach Differenzen mit Siegfried Unseld, und auf gewisse Weise ist auch Günter Berg noch jetzt am Patriarchen gescheitert. Denn es ist zwar richtig, daß Unseld Berg zum Geschäftsführer bestimmt hat, aber zweifellos hat Unseld auch gewollt, daß seine Frau großen Einfluß im Verlag erhält. Daß beides schwer unter einen Hut zu bringen sein würde, wird Unseld geahnt haben. Aber wer wollte ihm verdenken, wenn er dies nicht mehr als sein Problem betrachtet hat?

Nicht genug Raum

Buchwald und seine Schicksalsgenossen mußten gehen, weil neben Siegfried Unseld nicht Raum genug war für einen ambitionierten Geschäftsführer. Und auch Günter Berg verläßt den Verlag, den er vierzehn Jahre lang als seine Heimat betrachtete, wegen Kompetenzstreitigkeiten. Wie Heinrich Lübbert, seit vielen Jahren Unselds Anwalt und als sein Testamentsvollstrecker auch Vorstandsmitglied der Stiftung, sagt, wollte Berg die jüngst beschlossene Erweiterung der Geschäftsführung nicht in allen Punkten akzeptieren. Im Oktober hatten die Gesellschafter mit Rainer Weiss und Ulla Berkéwicz zwei neue Geschäftsführer berufen, die mit Berg und dem kaufmännischen Geschäftsführer Philip Roeder ein Kollegium bilden sollten. Der Vorsitz liegt bei Ulla Berkéwicz, für Günter Berg waren die Bereiche Werbung, Vertrieb und Marketing vorgesehen sowie die Postion des stellvertretenden Vorsitzenden. Die Programmhoheit wurde dem langjährigen Lektor Rainer Weiss zugesprochen.

Lübbert räumt ein, daß diese Konstruktion Bergs Kompetenzen einschränkte: "Herr Berg mag das als Beschneidung seiner Zuständigkeit empfunden haben, aber wenn die Gesellschafter so etwas beschließen, muß ein Geschäftsführer das akzeptieren oder Konsequenzen ziehen." Daß Günter Berg einen Rechtsstreit gegen Ivan Nagel angestrengt hatte, spielt Lübbert zufolge für die Trennung keine Rolle. Berg wollte sich gegen den von Nagel recht unverhohlen erhobenen Vorwurf der Indiskretion verteidigen, attackierte damit aber nolens volens zugleich einen der engagiertesten Verteidiger von Ulla Berkéwicz. Im Gepräch bedauert Berg, daß keine Einigung erzielt worden sei und erklärt, er fühle sich dem Verlag und seinen Autoren über die Trennung hinaus verbunden.

Kein geringes Problem

Nach all den verschlissenen und gescheiterten Kronprinzen tritt nun eine Frau das Erbe des Patriarchen an. Das entbehrt nicht einer gewissen Ironie, löst aber ein nicht ganz geringes Problem. Jeder potentielle Nachfolger mußte sich mit dem Übervater Siegfried auseinandersetzen. Genau dies bleibt seiner Witwe erspart, an ihr gleitet dieses Problem geradezu ab. Anders als ihre männlichen Vorgänger mißt Ulla Berkéwicz sich keineswegs an Siegfried Unseld, denn sie handelt ja eigenem Bekunden zufolge im Auftrag des toten Ehemanns. Dieser Logik nach wäre jedes Konkurrenzverhältnis zwischen ihr und dem Patriarchen absurd. Fast könnte man von einer unio mystica sprechen: Indem die Witwe Siegfried Unselds Arbeit fortsetzt, ist sie noch immer eins mit ihm. Deshalb ist der Patriarch nicht der Fels, an dem die Nachfolgerin scheitern könnte, sondern ihr Fundament.

Die Situation ist paradox: Die Freiheit des Willens und der Handlung, die Ulla Berkéwicz jetzt so nachdrücklich demonstriert hat, gewinnt sie, indem sie sich zum Werkzeug des Patriarchen macht. Ganz ähnlich verhält es sich wohl mit Liz Mohn, die dem zum Weltkonzern aufgestiegenen Haus Bertelsmann im Namen ihrer Kinder wieder die Strukturen eines Familienunternehmens aufzwingt. Offenbar gibt es auch in den Zeiten der Globalisierung Kräfte, gegen die jeder Geschäftsführer oder Manager auf verlorenem Posten steht: Es sind die banalen Eigentumsverhältnisse und die überaus komplexen und widersprüchlichen Verwandtschafts- und Familienstrukturen. Die Strukturen, die sie benötigt, um den Suhrkamp Verlag in die Zukunft zu führen, hat Ulla Berkéwicz jetzt geschaffen. Nun muß Suhrkamps Zukunft beginnen.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26.11.2003, Nr. 275 / Seite 35
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Jahrgang 1962, Redakteur im Feuilleton.

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