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Verlage : Traditionsende: Suhrkamp hat neue Eigner

Gibt es bald eine neue Suhrkamp-Verlagskultur? Bild: dpa

Ohne das Engagement der Schweizer Kaufmannsfamilie Reinhart wäre der Suhrkamp Verlag, wie wir ihn kennen, nicht denkbar. Jetzt hat Andreas Reinhart seine Suhrkamp-Anteile verkauft. Sein Verhältnis zum Verlag habe sich zunehmend verschlechtert: „Es ging einfach nicht länger.“

          Auch Gerüchte können wahr werden, wie sich am Beispiel des Suhrkamp Verlags immer mal wieder zeigt. Jetzt hat ein Gerücht von besonderem Gewicht den Sprung aus dem Reich der Fama in die Realität geschafft: Der Suhrkamp Verlag erhält einen neuen Miteigentümer. Die Hamburger Unternehmer Hans Barlach und Claus Grossner haben sich über den Suhrkamp-Gesellschafter Andreas Reinhart beim Traditionsverlag eingekauft.

          Hubert Spiegel

          Redakteur im Feuilleton.

          Seit geraumer Zeit war zu hören, daß Reinhart erwägt, seine Anteile an den Verlagen Suhrkamp und Insel sowie der ihnen übergeordneten Holding zu verkaufen. Lange soll der Schweizer Unternehmer vor dem Traditionsbruch gezögert haben. Schließlich hat sein Vater auf Betreiben Hermann Hesses Siegfried Unseld beim Aufbau seines Imperiums entscheidende finanzielle Unterstützung geleistet: Ohne das Engagement der Schweizer Kaufmannsfamilie Reinhart wäre der Suhrkamp Verlag, wie wir ihn kennen, nicht denkbar. Lange Jahre gehörten den Reinharts fünfzig Prozent der beiden Verlage, erst spät hat Unseld seinen Anteil von dreißig auf 51 Prozent erhöht. Seitdem hielt Reinhart 29 Prozent an Suhrkamp und Insel und 45 Prozent an der Verlagsholding.

          Für Außenstehende kaum zu durchschauen

          Aber es gab auch andere Gründe, die Reinhart zögern ließen. Außer ihm zählen Unselds Sohn Joachim und - seit Siegfried Unselds Tod - die „Unseld-Familienstiftung“, geführt von der Witwe Ulla Unseld-Berkewicz, zu den Gesellschaftern. Keiner kann seine Anteile ohne Zustimmung der anderen verkaufen. Die komplizierte Suhrkamp-Konstruktion aus Verlagen, der Holding und der Stiftung ist eine Spezialanfertigung - aus verschiedenen Gründen errichtet und zur Verfolgung verschiedener Zwecke geeignet. Überdies, auch nicht unwichtig, ist sie für Außenstehende kaum zu durchschauen. Sie soll wohl vor allem garantieren, daß die Stiftung als Mehrheitsanteilseignerin der Holding die Verlagsgeschicke nach Gutdünken bestimmen kann. Was im Verlag geschieht, bestimmte bislang Ulla Unseld-Berkewicz als Geschäftsführerin der Holding - sehr zum Verdruß der Mitgesellschafter.

          Jetzt hat, allem Anschein nach, Reinhart der Suhrkampschen Holding-Konstruktion mit ihren eigenen Mitteln ein Schnippchen geschlagen. Denn Reinhart hat sein Unternehmen, die Volkart-Holding, geteilt. Der eine Teil verbleibt bei der Familie, der andere Teil geht in die neu gegründete Medienholding Winterthur AG über, die mehrheitlich an die Hamburger Kaufleute Barlach und Grossner verkauft wurde, die damit neue Minderheitsgesellschafter bei Suhrkamp sind.

          „Mein Verhältnis zu Suhrkamp ist sehr schlecht“

          Soweit die Fakten. Aber warum das alles? Seine Entscheidung habe weniger mit Suhrkamp zu tun als mit seiner Zukunftsplanung, sagt Andreas Reinhart im Gespräch. Der Zweiundsechzigjährige möchte das Unternehmen seinen Söhnen geordnet übergeben: „Ich stelle jetzt die Weichen. Ich möchte nicht, daß sich meine Söhne in Zukunft mit Unternehmensteilen beschäftigen müssen, mit denen sie gar nichts verbindet.“ Aber was ist mit Familientraditon, zu der seit einem halben Jahrhundert das Engagement bei Suhrkamp zählt? Und wieso verbleiben die Verlage Dörlemann und Kein & Aber bei Reinhart und werden nicht zusammen mit den Suhrkamp-Anteilen in die neue Holding eingespeist? Hat die Entscheidung womöglich mit schlechten Erfahrungen zu tun, die Reinhart in den letzten Jahren mit Suhrkamp machen mußte und seine Söhnen in Zukunft ersparen möchte? „Ja, klar. Da mache ich keinen Hehl daraus. Mein Verhältnis zu Suhrkamp, vor allem zu Herrn Lübbert, aber auch zu Ulla Unseld-Berkewicz, ist sehr schlecht. Zwischen mir und diesen Leuten“, sagt Andreas Reinhart, „ging es einfach nicht länger.“

          Suhrkamp, sagt Reinhart, sei über viele Jahre ein sehr erfolgreicher Verlag gewesen. Das sei nun seit drei, vier Jahren anders. Er nennt zwar keine Zahlen, wird aber im Gespräch recht konkret: „Der Verlag wächst seit fünfzehn Jahren nicht mehr. Die Kosten-Umsatz-Schere öffnet sich immer mehr. Ein Verlag muß weiterwachsen, und wenn er es nicht tut, dann geht das auf Dauer nicht gut.“

          „Wir setzen unsere Arbeit fort“

          Im Suhrkamp Verlag gibt man sich recht zugeknöpft. Thomas Sparr, Stellvertreter der Verlegerin, erklärt auf Anfrage, daß man von Reinharts Schritt vollständig überrascht worden sei: „Unsere Juristen prüfen jetzt, ob das überhaupt rechtmäßig ist.“ An den Mehrheitsverhältnissen ändere sich nichts. „Wir setzen unsere Arbeit fort.“ Das klingt alles recht schmallippig.

          Wer aber sind die neuen Miteigentümer von Suhrkamp, und was haben sie vor? Investment-Banker Claus Grossner hat schon vor zwanzig Jahren ein Buch mit dem Titel „Verfall der Philosophie“ vorgelegt und denkt seither über die Zukunft der Kultur nach. Hans Barlach, Enkel des Expressionisten Ernst Barlach, ist Galerist und Immobilienkaufmann, aber keineswegs ohne Erfahrung in der Verlagsbranche. Aber schon gibt es ein neues Gerücht: Bei Suhrkamp könnte sich bald einiges ändern.

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