Home
http://www.faz.net/-gr0-o7yx
Mehr Angebote
| Abo|Hilfe
Sonntag, 19. Februar 2012
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Verlage Klare Verhältnisse

20.10.2003 ·  Im Suhrkamp Verlags sind die Posten neu verteilt: Die Witwe des vor einem Jahr verstorbenen Verlegers, Ulla Unseld-Berkéwicz, übernimmt den Vorsitz der neuen vierköpfigen Geschäftsführung im Verlag.

Von Richard Kämmerlings
Artikel Lesermeinungen (0)

Am Montag gab der Suhrkamp Verlag den Beschluß der Gesellschafterversammlung bekannt, die bislang aus zwei Personen bestehende Geschäftsführung auf vier zu erweitern. Zusätzlich zu Günter Berg und Philipp Roeder treten der bisherige Programmleiter Rainer Weiss und die Verlegerwitwe Ulla Berkéwicz ein.

Weiss wird auch hier für das Programm zuständig sein, Frau Berkéwicz wird Sprecherin mit Günter Berg als Stellvertreter. Das alles wurde ohne Gegenstimme von den Gesellschaftern, vulgo: den Eigentümern beschlossen; der Stiftungsrat mit Kluge, Enzensberger, Muschg, Habermas und Singer war informiert. Der Schritt war erwartet worden; die neue Führung entspricht den Besitz- und damit den Machtverhältnissen. Besteht deswegen Grund zur Besorgnis?

Wer die Strukturen genau betrachtet, der kann sich nur wundern über manche geradezu alarmistischen Reaktionen. Man konnte fast den Eindruck bekommen, als handle es sich nicht um eine normale Neuordnung der Führungsstruktur, sondern mindestens um eine Palastrevolution oder gar eine illegale Machtergreifung. Man zog gar einen Vergleich mit dem Kreml, als sei die Demokratie selbst in Gefahr. Wer mit Steinen wirft, mag vielleicht gern auf Glashäuser zielen, weil es dann lauter scheppert: Aber ein Verlag ist ebenso wenig wie irgendein anderes Unternehmen zu totaler Transparenz verpflichtet und schon gar nicht zur öffentlichen Diskussion seiner Personalentscheidungen. Und wollte man ernsthaft behaupten, daß die Lindenstraße unter Siegfried Unseld ein Hort der Basisdemokratie gewesen war? Wer den Verlust der großen Verlegergestalten beklagt, vergißt leicht, daß die Idiosynkrasie die Kehrseite patriarchaler Führungsstrukturen war und ist. Die Kritik kann sich nur deswegen so auf Suhrkamp einschießen, weil man überhaupt etwas erfährt. Wenn überhaupt, dann herrscht hier eher - vielleicht aus Blauäugigkeit gegenüber dem Wohlwollen einer von Großkonzernen bestimmten Medienlandschaft - ein Zuviel an Transparenz. Wer weiß denn schon, wie hinter den Mauern von Bertelsmann oder Holzbrinck die Entscheidungen fallen?

Kein Führungs- oder Richtungswechsel

Das wichtigste aber: Es gab keinen Führungs-, geschweige denn einen Richtungswechsel. Die Mehrheit der Suhrkamp-Anteile liegt seit längerem in einer Hand: Früher war es die von Unseld, heute - über die Stiftung - die seiner Witwe, die Stiftungsvorstand ist und zugleich, was immer vergessen wird, bereits Geschäftsführerin der übergeordneten Holding. Als solche ist sie ohnehin weisungsbefugt gegenüber der Geschäftsführung des Verlags. Einmal sei klargestellt: Der Verlag gehört mehrheitlich Ulla Berkéwicz, und das war von Unseld auch so gewollt. Der Stiftungsrat mag zwar aufgrund seiner personellen Zusammensetzung große Autorität haben, doch ist er formal ein rein beratendes Gremium, mit keinerlei Vetorecht. Ausgedacht hat sich diese Konstruktion der Münchner Anwalt Heinrich Lübbert, als Unselds Testamentsvollstrecker eine entscheidende Figur im Hintergrund. Lübbert sitzt sowohl in der Gesellschafterversammlung der Holding als auch im Vorstand der Stiftung.

Genau diese Verhältnisse aber sind den anderen Gesellschaftern - Joachim Unseld und den "Schweizern", vertreten durch Andreas Reinhart - klar; wer das Schicksal Suhrkamps zur res publica machen will, kann gleich das Prinzip des Privateigentums über Bord werfen. Das hätte zwar aus der Sicht der "Suhrkamp Culture" vergangener Tage eine gewisse Logik, würde aber die Probleme auch nicht lösen, die eher in der Umwälzung der gesamten Branche zu sehen sind: Je mehr die Backlist für den Umsatz an Bedeutung verliert, desto mehr braucht auch Suhrkamp aktuelle Verkaufserfolge. Doch geht es dem Verlag im Vergleich mit anderen immer noch gut; daß am Ende des Jahres eine rote Zahl steht, ist noch nicht ausgemacht.

Abstimmung mit Programmleitung

Es kann nicht darum gehen, einen Wunschverlag nach dem Herzen mancher Kritiker zusammenzubasteln - sonst könnte man gleich fordern, bei Random House Olson durch Wagenbach zu ersetzen. Suhrkamp bürgt immer noch für große Qualität; es ist der Verlag Hesses und Handkes, Adornos und Benjamins, mit dem anspruchsvollsten Literatur- und Sachbuchprogramm in diesem Land. Erforderlich ist eine professionelle Führung, die beides kann: Rechnen und weiterhin gute Bücher machen. Nicht spricht bislang dafür, daß hier Weichen falsch gestellt worden wären. Günter Berg ist ein fähiger Mann; seine direkte und umgängliche Art wird von Mitarbeitern und Autoren gleichermaßen geschätzt. Der aktuelle Suhrkamp-Bestseller von Carlos Ruiz Zafón, für den Berg seit Monaten trommelt, ist auch sein Erfolg.

Sein möglicher Weggang wäre daher sehr zu bedauern. Unersetzlich aber wäre er auch dann nicht, wenn der ein oder andere Autor mitginge. Berg war nicht Verleger, er konnte das gar nicht sein. Schon vor Monaten war er nach einer internen Vereinbarung zu engster Abstimmung mit der Programmleitung verpflichtet worden. Daß nun die entscheidenden Personen auch in der Geschäftsführung sitzen, ist gerade eine Klärung der Verhältnisse, ein Zuwachs an Transparenz. Ob Ulla Berkéwicz zur Verlegerin taugt, wird sich zeigen. Aber wer die Entscheidungen trifft, soll dafür auch geradestehen. Das ist keine Garantie - weder für ökonomisches Überleben noch für verlegerisches Gelingen, wie verliebt man darin auch sein mag. Aber wie jeden anderen Verlag muß man Suhrkamp an seinen Büchern messen.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.10.2003, Nr. 244 / Seite 37
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen