24.07.2003 · Peter Olson, Chef des Bertelsmann-Verlages Random House ist nach einem explosiven Portrait im Wochenendmagazin der „New York Times“ ins Gespräch gekommen. Seitdem ist die Sommerruhe im book business dahin.
Von Jordan Mejias, New York"Peter Olson genießt die Achtung seiner New Yorker Kollegen. Sie haben in dem Artikel nicht den Mann wiedererkannt, mit dem sie gern zusammenarbeiten." Eher bedrückt als empört reagiert Stuart Applebaum, Sprecher von Random House, der mächtigsten Verlagsgruppe der Welt, auf ein anekdotenreiches, schier endloses, vor allem aber explosives Porträt, das die "New York Times" in ihrem Wochenendmagazin vom Chef des im Besitz der Firma Bertelsmann befindlichen Großbetriebs veröffentlichte. Seitdem ist die Sommerruhe im book business dahin, wenn auch die Gerüchte vorerst hinter den Kulissen kursieren. Den König der amerikanischen Verleger greift in aller Öffentlichkeit so schnell kein Prinz aus bescheidenerem Hause an.
Selbst Ann Godoff, die ehemalige Leiterin des Publikumsverlags Random House, die von Olson Anfang des Jahres recht unsanft gefeuert wurde, weil sie statt Profit nur eindrucksvolle Titel vorlegen konnte, lehnt jeden Kommentar ab. Weder sie noch irgendwer sonst bei ihrem neuen Arbeitgeber Penguin, so ein Vertreter des Unternehmens gegenüber dieser Zeitung, sei bereit, eine Erklärung zu dem Artikel abzugeben. Applebaum immerhin, in der "Times" zum engsten Weggefährten Olsons ernannt, ist mutig genug, sich nicht in betretenes Schweigen zu hüllen. Er schlägt zurück im Namen Olsons, der auf Reisen sei und bis auf weiteres keine Stellung beziehen wolle.
Nur Negatives herausgefiltert
"Unfair und unausgewogen" nennt er Lynn Hirschbergs Mammutreportage, die, wie er hofft, nach der vorübergehenden Aufregung den Korpsgeist der Firma nur stärken werde. Viele Stunden habe Hirschberg mit Olson verbracht, aber daraus nur Negatives gefiltert. Mit keinem Wort erwähnt sei etwa, daß Random House nach wie vor die Kunst und Kreativität von Autoren und Verlegern hoch respektiere. Auf seiner stetigen Suche nach neuen Talenten habe der Verlag allein im vergangenen Geschäftsjahr hundert Autoren mit belletristischen Erstveröffentlichungen präsentiert - ein Branchenrekord.
Aber natürlich: "Der Gewinn ist ein sehr wichtiges Ziel unseres Verlagsbereichs. Wir führen ein Geschäft, keine Stiftung." In ebendiesem Gewinnstreben will nun aber Hirschberg einen doch völlig ungewohnten Ton vernommen haben. Olson, der nie ein Buch herausgegeben, einen Autor entdeckt oder eine Werbekampagne entworfen habe, kremple jetzt mit der Unerbittlichkeit des geborenen Kontoristen ein Gewerbe um, das einst von feinsinnigen Gentlemen bestimmt gewesen sei. Statt die geistigen Tugenden des Verlegers zu retten, handele er just wie der Bankier, als der er seine Karriere begann. Ann Godoff habe trotz ihres blendenden Rufs als Verlegerin gehen müssen, als es ihr nicht gelungen sei, die von Olson vorgeschriebenen zwölf Prozent Profit zu erwirtschaften.
Journalistische Laienpsychologie
Das war nun alles nicht eben unbekannt, und ein noch so sensationalistischer Bericht über den Verwandlungsprozeß der Branche hätte wohl kaum für derartige Aufregung gesorgt. Die schockierenden Farben des Porträts gehen auf eine Vielzahl von Anekdoten zurück. Hirschberg beschreibt, wie ein Gespräch zwischen Toni Morrison und Olson auf der Flucht vor der Peinlichkeit in einer kaum minder heiklen Debatte über Dschingis-Khan endet. Olsons Ehe, die Rituale seiner obsessiven Körperertüchtigung, seine Liebe zu Steiff-Tieren, und zwar vorzugsweise zu Raubtieren, werden zur journalistischen Laienpsychiatrie freigegeben.
Gleichwohl droht der Rundgang, den die Reporterin mit Olson über die Buchmesse von Los Angeles unternimmt, die Tagespresse zu überleben. Einer Passage daraus kann keine Paraphrase gerecht werden: "Olson hielt an, um mit einem Mann zu plaudern, der jetzt die Frankfurter Buchmesse leitet. ,Ich habe ihn gefeuert', sagte er einen Augenblick später. ,Ich kenne hier Hunderte von Leuten. Viele haben für mich gearbeitet. Viele habe ich persönlich gefeuert.' Das schien ihn nicht zu berühren. Er schien im Gegenteil fast amüsiert. Er ging ein paar Schritte weiter. ,Den habe ich gefeuert', sagte er, als zwei Männer an ihm vorübergingen. ,Hier gibt es soviel Leute, die ich gefeuert habe, daß wir ein Wiedersehensfest feiern könnten.'"
Herzloser Banker mit manischen Lesegewohnheiten?
Auch das will Applebaum so nicht stehenlassen. Wie ein Kollege, der in Los Angeles dabei war, ihm bestätigt habe, handle es sich nicht um einen "exakten Bericht". Er vermag jedoch keine gravierenden Fehler in der geschilderten Begebenheit zu nennen, und auch alle weiteren Schnitzer, die er in dem Artikel zu finden meint, entstammen allenfalls Nachlässigkeiten wie einer inkorrekten Zuweisung eines Namens oder einer Geschäftsbeziehung. Sicher wäre es wenig erfolgversprechend, mit diesem oder jenem suspekten Detail die Glaubwürdigkeit des gesamten Artikels erschüttern zu wollen. Ergiebiger mögen da schon Widersprüche sein, die auch Frau Hirschberg nicht auflösen konnte. Sie wirft Olson zwar vor, Autoren mit den Augen des herzlosen Bankers zu betrachten, staunt dann aber über seine manischen Lesegewohnheiten. Gut hundert Bücher im Jahr seien für ihn der Durchschnitt, und sie dürfen ruhig auch auf russisch oder deutsch geschrieben sein.
"Volle Unterstützung des Bertelsmann-Vorstands“
Die Konfusion der Porträtistin spiegelt sich in der New Yorker Verlagswelt, die bislang erfolglos versucht, sich einen Reim auf die Geschichte zu machen. John Brockman, Agent und Guru der Dritten Kultur und einer der wenigen Branchenkenner, die den öffentlichen Kommentar nicht scheuen, fürchtet, daß der Artikel ein für allemal belegt, daß es doch so etwas wie schlechte Publicity geben könnte. Aber warum hat Olson dann so redselig und geradezu exhibitionistisch daran mitgewirkt? Will er, der so gern übers Feuern redet, am Ende selber gefeuert werden? "Peter Olson", antwortet Applebaum, "hat die Zügel der Firma fest in der Hand, und nicht anders wird es nächste Woche, nächsten Monat und in Zukunft aussehen." Random House habe den Artikel längst hinter sich gelassen. Das bestätigt auch ein Sprecher der Mutterfirma in Gütersloh. Deren Vorstandsvorsitzender Gunter Thielen läßt verlauten, Peter Olson und sein Team genössen die "volle Unterstützung des Bertelsmann-Vorstands und des gesamten Unternehmens". Jede Spekulation über seine Stellung sei frei erfunden und falsch.
Spekuliert wird dessenungeachtet natürlich munter weiter. New Yorker Vermutungen gehen dahin, daß Olson nach dem Sturz von Thomas Middelhoff, einem natürlichen Rivalen, und nach dem von ihm betriebenen, dann von der Zentrale abgeblasenen Ankauf der Buchverlage von AOL Times Warner sich dramatisch in seiner vollen Macht zeigen und bestätigt sehen wollte. Sollte es hingegen kein Abschied gewesen sein, an dem Olson hier, aus welchen Gründen auch immer, bastelte, bleibt die Frage, wie der König von Gütersloher Gnaden weiterregieren kann.