08.12.2006 · Die Dorfgesellschaft des deutschen Literaturbetriebs hat ein neues großes Thema: Die Suhrkamp-Verlegerin Ulla Unseld-Berkéwicz muß sich allen Ernstes gegen den Vorwurf der Hexerei verteidigen. Von Patrick Bahners.
Von Patrick BahnersEin Reporter der „Zeit“, weiland Zentralorgan der Aufklärung, hat die Verlegerin des Suhrkamp-Verlages, weiland Zentralinstitut für Aufklärung, befragt. Eine Frage Wolfgang Büschers an Ulla Unseld-Berkéwicz lautet: „Haben Sie mit Hexen gearbeitet?“ Die Befragte gibt zu Protokoll: „Ich kenne keine Frau, die Hexe ist oder als solche für mich gearbeitet hat.“
Vor zwölf Jahren erschien bei Piper eine Streitschrift des Psychoanalytikers Tilmann Moser, eines Hausautors des Suhrkamp-Verlages. Moser untersuchte mehr als hundert Besprechungen, die zu dem bei Suhrkamp verlegten Roman „Engel sind schwarz und weiß“ von Ulla Berkéwicz erschienen waren, und faßte sein Ergebnis im Titel des Buches zusammen: „Literaturkritik als Hexenjagd“. Aus der Romanschriftstellerin Ulla Berkéwicz ist die Verlegerin Ulla Unseld-Berkéwicz geworden. Spätestens seit dem Tod Siegfried Unselds am 26. Oktober 2002 steht sie im Zentrum einer öffentlichen Aufmerksamkeit, die eine Wiederverzauberung der geistigen Welt bewirkt hat. Aus der Metapher von der Hexenjagd ist Wirklichkeit geworden.
In der Form gefangen
Bei Moser war der Begriff noch die kleinste Münze einer Kritik der Kritik, die vom Verdacht geleitet wird, jedes Urteil sei ungerecht, weil die Unterscheidung per definitionem diskriminiert und weil der Rezensent immer die Person trifft, auch wenn er über die Sache handelt. Ulla Berkéwicz wurde einhellig verrissen? Dann muß sie etwas Verdrängtes zur Sprache gebracht haben, von dem man nichts hören will. Heute aber, da Frau Unseld-Berkéwicz in einem Kampf um die Macht in ihrem Unternehmen steht, muß sie sich allen Ernstes gegen den Vorwurf der Hexerei verteidigen. Und die literarische Pointe der Geschichte ist, daß sie in ihrer Verteidigung in der Form gefangen bleibt, die der Vorwurf ihr vorgibt. Die Suhrkamp-Story, von der in Klischees vernarrten Buchbranchenreporterzunft immer wieder als Familienroman klassifiziert, hat sich endgültig in Literatur verwandelt. Das Interview in der „Zeit“ wiederholt das Schema der Verhörprotokolle aus den Hexenprozessen, wie es aus den Dissertationen der jüngeren Geschichtswissenschaft bekannt ist.
Hat sie mit Hexen gearbeitet? Hat sie mit anderen Besessenen ihr Süppchen gekocht und das Tanzbein geschwungen? Das war die entscheidende Frage an die der Hexerei verdächtigte Frau. Die bündigste Erklärung dieses Umstands findet sich in dem Sammelband über „Die Anfänge der europäischen Hexenverfolgungen“, der 1990 unter dem Titel „Ketzer, Zauberer, Hexen“ als violettes Taschenbuch in der Edition Suhrkamp erschienen ist. In seinem Aufsatz über Anfänge des Hexenwahns in den Alpen schreibt der Konstanzer Historiker Arno Borst: „Wer hexte, handelte nicht als Einzelmensch.“ Die Fahrt zum Blocksberg stellte man sich als Gemeinschaftsausflug vor und den Hexensabbat als richtigen altmodischen Ringelpiez. Wer den Umgang mit Hexen zugeben mußte, gestand, selbst eine Hexe zu sein.
Ein Phänomen der Dorfgesellschaft
Die Hexenforschung hat alle möglichen Theorien zur Erklärung des Hexenverfolgungswahns durchprobiert. Konsens herrscht darüber, daß es sich wesentlich um ein Phänomen der Dorfgesellschaft handelt. Hexereivorwürfe kommen dort auf, wo man sich zu lange und zu gut kennt und sich nicht aus dem Weg gehen kann. Kein Wunder, daß sie im deutschen Literaturbetrieb auf fruchtbaren Boden fallen. Harald Martenstein zitierte vor drei Jahre im „Tagesspiegel“ einen namenlosen jungen Kritiker mit dem Satz: „Sie hat übrigens, als Unseld krank war, ukrainische Hexen einfliegen lassen.“ Auf die Frage nach seiner Quelle soll der Gewährsmann gesagt haben: „Hör dich um. Jeder erzählt das.“
Der anonyme Denunziant und das hartnäckige Gerücht dürfen in keinem Hexenprozeß fehlen. Die Verhöre wurden gewöhnlich damit eröffnet, daß man die Verdächtige mit der über sie kursierenden üblen Nachrede konfrontierte. Sie habe doch ihrem Nachbarn eine Mißernte gewünscht? Der Volksmeinung zum Trotz waren nicht alle Opfer der Verfolgungen Frauen. Das Standardwerk der Inquisitoren, der „Hexenhammer“ von 1487, belegt allerdings in der Tat die größere Anfälligkeit des schwachen Geschlechts, unter anderem mit dem Wort Catos: „Weint ein Weib, so sinnt es gewiß auf listige Tücke.“ Im Lichte dieser Gewißheit wurde das Verhalten der Witwe bei den Trauerfeierlichkeiten für Siegfried Unseld beschrieben.
Verdächtige Witwen
Daß die Geheimnisse der „weisen Frauen“ das Herrschaftswissen eines alten Matriarchats waren, gehört zu den Legenden der außerwissenschaftlichen Forschung. Gleichwohl löste die Hexerei in der funktionalistischen Betrachtung, wie sie etwa der Oxforder Historiker Keith Thomas vertritt, Folgeprobleme der patriarchalischen Ordnung. Es waren sehr häufig Witwen, die sich verdächtig machten, weil sie betteln mußten und ihnen schon einmal ein böses Wort über die Lippen kam, wenn sie hungrig fortgeschickt wurden. Ungewöhnlich im vorliegenden Fall ist lediglich, daß die Witwe für die schlechte Ernte auf den eigenen Feldern verantwortlich gemacht wird. Wobei die schlechten Bilanzen von Suhrkamp womöglich nur ein weiteres der bösen Gerüchte sind.
Der von Martenstein konsultierte Kritiker würde heute, nicht mehr ganz so jung, dasselbe sagen: Man höre sich um - jeder sagt, daß Ulla Unseld-Berkéwicz mit Hexen verkehrt. Beziehungsweise: Jeder sagt, daß jeder das sagt. Im Dezember 2003 präzisierte Franziska Augstein in der „Süddeutschen Zeitung“ die Angaben zu den Angaben über die eingeflogenen Ukrainerinnen. „Leute, die in der Zeitung nicht genannt werden wollen“, wüßten „von einer ominösen Frau aus der Ukraine“ zu berichten, „die in der Klettenbergstraße einquartiert worden sei“. Franziska Augstein ist Historikerin. Mit Bedacht wird sie geschrieben haben, daß sie der Verlegerin „eine etwas peinliche Frage“ stellte. „Nein, sagt sie, niemals habe sie gesagt, diese oder jene Person sei verhext.“ Hexen wurden im Regelfall einer peinlichen Befragung unterworfen, gemäß der in der „Dämonologie“ König Jakobs I. von England niedergelegten Maxime: „Sie sind unwillig, ohne Folter zu gestehen - was ihre Schuld bezeugt.“
Literarische Beraterin oder Hexe
Vor einer Woche hat einer der berühmtesten Reporter Deutschlands, Paul Sahner, in der „Bunten“ den Namen der ominösen Frau enthüllt. Genauer gesagt den Namen, den sie derzeit führt: Hülja Cunningham. Sie könnte, erkannte Sahner mit seinem hochfeinen Ohr, „ihrem Dialekt nach aus der Ukraine stammen“ und diktierte ihm: „Ich weiß alles, alles, alles über sie. Die Medien würden wackeln, wenn ich das aus der Hand geben würde. Ich war angeblich ihre literarische Beraterin. Stimmt nicht. Ich habe ganz andere Tätigkeiten gehabt.“ Unsere Inquisitoren werden aus der Aussage von Frau Unseld-Berkéwicz gegenüber Büscher ihr Geständnis herauslesen. Sie kennt keine Frau, die Hexe ist, aber vielleicht eine, die beansprucht, Hexe zu sein. Als Hexe hat diese Frau nicht für sie gearbeitet. Aber vielleicht, wahrscheinlich, todsicher als literarische Beraterin.
Nach der Logik der Verfolger wird Frau Unseld-Berkéwicz der Dienste von Frau Cunningham nicht mehr bedürfen, weil sie von ihr alles gelernt hat. Oder auch beim „Mental Coaching“. Angebliche Rechnungen über jährlich 52.000 Euro betrifft laut Büscher ein „anderer Vorwurf“ - in Wahrheit derselbe, denn die Firma, die die Rechnungen ausgestellt hat, ist ein Archäus-Institut im Odenwald, und Archaeus ist ein anderer Name für die Weltseele der alten Philosophen. In Rochester, New York, praktiziert ein schamanistischer Hexendoktor unter dem Titel eines Lord Archeus der Schattentradition. Wenn Frau Unseld-Berkéwicz wirklich weise ist, dann sollte sie sich und Katharina Hacker den Wunsch erfüllen, den die Autorin der „Habenichtse“ dem Beichtvater Sahner offenbart hat, der sie nach ihrer Meinung über die neuen Möchtegern-Teilhaber Grossner und Barlach gefragt hatte: „Ein bißchen wünsche ich mir, die würden sich wieder in Luft auflösen.“