20.10.2003 · Seit dem Tag, an dem Siegfried Unseld starb, ist Ulla Berkéwicz zur "Verleger-Witwe" geworden - ganz so, als bezeichne der Familienstand eine Funktion, die alles Wesentliche über den Menschen aussage.
Von Felicitas von LovenbergSeit dem 26. Oktober letzten Jahres, dem Tag, an dem Siegfried Unseld starb, hat Ulla Berkéwicz nur mehr einen Beinamen: "Die Witwe". Von der "Frau des Verlegers" ist sie zur "Verleger-Witwe" geworden - ganz so, als bezeichne der Familienstand eine Funktion, die alles Wesentliche über den Menschen aussage.
Im Literaturbetrieb, wo Männer gern unter markigen Berufsbezeichnungen und Titeln wie Verleger, Programmleiter, Schriftsteller, Dichter, Präsident oder schlicht als Chef firmieren, ist die Person von Ulla Berkéwicz offenbar schwer auf den Punkt zu bringen: Die frühere Schauspielerin ist Autorin mehrerer Bücher und Vorstand der "Siegfried und Ulla Unseld Familienstiftung", die Mehrheitsanteile am Verlag innehat. Und nun, da das Trauerjahr fast vorüber ist, tritt sie als Sprecherin in die erweiterte Geschäftsführung des Suhrkamp Verlags ein.
Geschmacklose Beleidigung
Man könnte also von der Schriftstellerin, der Stiftungsvorsitzenden oder der Geschäftsführerin Ulla Berkéwicz reden. Doch das, was in den letzten Tagen in manchen deutschen Zeitungen über sie zu lesen war, klang dunkler, dräuender, geradezu gefährlich. Da ging die Rede von der "schwarzmagischen Hüterin der Suhrkamp-Tradition", die "das Gedenken an Unseld als quasireligiöses Weihespiel" zelebriere, mit einem Auftreten "wie eine griechische Tragödin in schwarzen Gewändern und mit bleich geschminktem Gesicht, voller Pathos und mit Bühnenstimme".
Da wurde überdeutlich insinuiert, Ulla Berkéwicz habe ihren ersten Mann, den Regisseur Wilfried Minks, als "aufstrebende Schauspielerin" geheiratet, die sich "gleichwohl" auf deutschen Bühnen nicht habe durchsetzen können. Als "aufstrebende Schriftstellerin" habe sie sodann Siegfried Unseld geheiratet, sich aber "gleichwohl" im deutschen Literaturbetrieb nicht durchsetzen können.
Diese Art der platten, ja geschmacklosen Beleidigung - von Argumenten kann man in diesem Fall nicht reden - zieht sich durch viele Artikel, die über das "Machtstreben" von Ulla Berkéwicz und die Zukunft des Verlags spekulieren. Doch es bleibt nicht bei Äußerlichkeiten. Sie sei, heißt es in einer an Vulgarität kaum noch zu überbietenden Formulierung, "von ökonomischem Grundwissen tendenziell unbeleckt". Vor allem aber werden ihr entrüstet "esoterische bis okkultistische Züge" nachgesagt, was ebensowenig zur aufklärerischen, dialektisch ausgerichteten Suhrkamp-Kultur passe wie ihr "hohepriesterliches Auftreten" bei der Gedenkfeier für Siegfried Unseld während der Frankfurter Buchmesse.
Neuordnung des Verlags
Der Anlaß der kommentierenden Betrachtungen - die Neuordnung eines eminent wichtigen deutschen Verlags nach dem Tod des Patriarchen in einer ohnedies für die gesamte Branche schwierigen Zeit - ist die eine Sache. Eine andere ist die Auseinandersetzung mit der Person von Ulla Berkéwicz, die in ihren verbalen Entgleisungen stellenweise fatal an jene vernichtende Häme und jenes blinde, kollektive Wüten erinnert, die Tilman Moser schon 1994 in seinem Band "Literaturkritik als Hexenjagd" im Zusammenhang mit der kritischen Rezeption der Bücher von Ulla Berkéwicz ausmachte. Denn paradoxerweise wird just in dem Moment, da es um die Zukunft des Verlags geht, Frau Berkéwicz eben nicht mehr nur als "böse Witwe" wahrgenommen, sondern auch als Autorin, die zuletzt mit "Vielleicht werden wir ja verrückt" eine "Orientierung im vergleichenden Fanatismus" (2002) veröffentlichte.
Wenn Stars wie Madonna sich mit der Kabbala beschäftigen, erntet dies nicht einmal hochgezogene Augenbrauen, wenn jedoch Ulla Berkéwicz sich schriftlich über religionsübergreifende Glaubensfragen Gedanken macht, sieht sie sich gleich in die Esoterik abgeschoben - ein Ort übrigens, der vor allem von Männern als irrationaler Bereich wahrgenommen wird, der sich bestens für die pauschale Abqualifizierung mißliebiger Gegner eignet.
Auseinandersetzung mit jüdisch-deutscher Geschichte
Nun ist die Behandlung religiöser Fragen, zumal der religiösen Auffassungen Dritter, immer etwas heikel, weil die alte Gretchenfrage nicht nur Meinungen streift, sondern unversehens die Fundamente einer Person berühren kann. "Es ist das Angemessenste, sich von allen demonstrativen Zeichen der Nichtachtung fernzuhalten, was immer man in diesen Fragen denken mag", schreibt Prinz Asfa-Wossen Asserate in seinen "Manieren" sehr zu Recht.
Die Qualitäten, über die Frau Berkéwicz als Verlegerin verfügen mag, stehen in keinem Zusammenhang mit ihrem persönlichen Glauben. Niemand wird behaupten wollen, sie habe die Absicht, Suhrkamp in einen theologischen Verlag zu verwandeln oder gar den Jüdischen Verlag, dessen Fusionierung mit Suhrkamp Ulla Berkéwicz 1990 befürwortet haben soll, zum führenden und thematisch bestimmenden Teil des Hauses zu machen.
Das Programm des Verlags, der unter anderem das Werk von Gershom Scholem betreut, verheißt eine bewußte, kenntnisreiche Auseinandersetzung mit Themen der jüdischen und jüdisch-deutschen Geschichte. Im übrigen stand Suhrkamp, was gern vergessen wird, immer schon für mehr als die bloße Dialektik. Die Beschäftigung mit mythischen und religiösen Themen war dem Verlag nie fremd, zu dessen Säulenheiligen Hermann Hesse gehört: Schon dessen "Siddharta" wollte nichts als Antworten auf letzte Fragen finden.
Felicitas von Lovenberg Jahrgang 1974, verantwortliche Redakteurin für Literatur und Literarisches Leben.
Jüngste Beiträge