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Verlag Matthes & Seitz : Es ist seine besondere Ruhe

  • -Aktualisiert am

Der Verleger Andreas Rötzer vor seinen Büchern Bild: Matthias Lüdecke

Ein Büchermacher, wie er im Buche stehen könnte: Andreas Rötzer und sein Verlag Matthes & Seitz Berlin sind echt - und alle reden über sie.

          Andreas Rötzer lacht leise, wenn man ihn fragt, wie um alles in der Welt er es schafft, mit einem vierköpfigen Verlagsteam fünfzig Bücher im Jahr zu machen. „Ach, sind das wirklich fünfzig? Ich zähle die nie so richtig.“ Und dann blitzt es doch ein wenig übermütig in seinen Augen. Es gäbe da übrigens noch zwei Titel, die es nicht mehr in die Vorschau geschafft hätten. Manchmal komme eben etwas in der letzten Minute rein, das man unbedingt noch ins laufende Programm nehmen wolle.

          Das Großartige ist nun aber, dass Matthes& Seitz Berlin alles andere ist als ein Verlag, der nach dem Schrotflintenprinzip verlegt, was ihm so vor die Füße fällt. Und schon gar nicht geht es hier um das, was besonders marktkompatibel und umsatzträchtig erscheint. Im Gegenteil. Der Verlag, den der 1971 geborene Rötzer 2004 in Berlin gegründet hat, ist das, was man im besten Sinne als Hort intellektueller und ästhetischer Hochkultur bezeichnen kann. Ein Verlag, der sich konsequent leistet, sperrig zu sein.

          Prominent besetzte Backlist

          Eigentlich müsste es heißen, dass Rötzer den Verlag wieder gegründet hat. Denn er hat seinerzeit den finanziell angeschlagenen Verlag Matthes & Seitz von seinem damaligen Verleger Axel Matthes gekauft, der sich seit 1977 in München vor allem mit französischer Literatur und Philosophie einen Namen gemacht hatte. Was Rötzer damit geborgen hatte, war ein literarischer und kulturgeschichtlicher Schatz, Autoren wie Georges Bataille, Antonin Artaud oder Jean Baudrillard. Dass Matthes & Seitz Berlin - durch diesen geographischen Zusatz unterscheidet sich der neue vom alten Verlagsnamen - auf eine solche prominente Backlist aufbauen konnte, ist zweifelsohne ein Startkapital, das ihn von anderen Verlagen seiner Größenordnung unterscheidet.

          Mit seinen Räumen in einer kleinen Ladenwohnung in Prenzlauer Berg passt er zwar auf den ersten Blick nur allzu gut in die Reihe junger Verlage, die sich seit Ende der neunziger Jahre gegründet haben und bald unter dem Label Independents als Lieblingskinder des Feuilletons gehandelt wurden. Aber Matthes&Seitz Berlin ist eben immer auch ein bisschen anders. „So wirklich haben wir da nie dazu gehört“, sagt Rötzer, während im Hintergrund immer wieder, aber kaum hörbar das Telefon auf seinem Schreibtisch klingelt. Fast könnte man sich einbilden, dass es noch eine Wählscheibe hat. Das liegt aber wohl nur daran, dass die Regale in dem schmalen Verlegerbüro, in denen sich die Bücher chaotisch stapeln, das Bild einer Lesekultur abgeben, die ein wenig aus der Zeit gefallen ist.

          Mit ruhiger Hand

          Es ist diese ganz besondere Ruhe, die Rötzer ausstrahlt und die sich auch in seiner verlegerischen Arbeit spiegelt - sie macht einen wesentlichen Teil der Erfolgsgeschichte des Verlags aus, zu der die Geschichte von Matthes & Seitz Berlin immer mehr wird. Während das Hoch der kleinen Verlage wohl langsam abebbt, während ein Verlag wie Tropen zum Imprint von Klett-Cotta geworden ist, oder Blumenbar sich einen Investor genommen hat, der dem Verlag ganz offenbar das Genick gebrochen hat, konnte Rötzer mit Esther Kinsky und Volker H. Altwasser in diesem Jahr gleich zwei Titel auf der Longlist des Deutschen Buchpreises plazieren.

          Im Jahr 2008 wurde der Verlag mit dem Kurt-Wolff-Preis ausgezeichnet, im vergangenen Jahr folgte der Prix l’Académie de Berlin. Kaum ein Titel, der nicht in den großen Feuilletons besprochen wird. Gerade aufwendige Editionen wie die Gulag-Erzählungen von Warlam Schalamow, die Rötzer erstmals vollständig auf Deutsch zugänglich machte, oder die wunderschön illustrierte Ausgabe der Erinnerungen des Insektenforschers Jean-Henri Fabre stießen auf Begeisterung.

          Von Kepler zu Facebook

          Immer wieder steht Rötzer auf und holt eines der neuen Bücher, die im Schaufenster seines Büros stehen. Eine Traumerzählung des Astronomen Johannes Kepler oder „Alias“, den gerade für den Schweizer Buchpreis nominierte Roman von Felix Philipp Ingold. Die Cover - gemeinhin als verkaufsfördernde Eyecatcher gehandelt - sind zumeist in gedeckten Farben gehalten, hier gibt es keine Knalleffekte. „Wir haben uns entschieden, die Titelblätter ohne Marketing und Vertrieb zu machen. Das funktioniert einfach nicht.“ Rötzer lässt sich in seinen Überzeugungen, wie und was man verlegt, nicht irritieren. Das heißt allerdings nicht, dass alles Innovative hier abgelehnt wird. Es wird nur auf seinen Sinn geprüft.

          Von Kepler Natürlich, erzählt Rötzer, habe man die ersten E-Books in Planung. Und einer jener Titel, die noch nicht in der Herbstvorschau, wohl aber am Buchmessen-Stand des Verlags stehen, entwickelt eine Theorie moderner Medien und Sozialer Netzwerke wie Facebook aus deren vermeintlichen Wurzeln im neunzehnten Jahrhundert heraus. „Achthundert Millionen. Eine Apologie der sozialen Medien“ heißt dieser Band. Der andere, den Rötzer relativ kurzfristig ins Programm genommen hat, untersucht unter dem Titel „Medium und Revolution“ angeregt durch die jüngsten Umwälzungen in den arabischen Diktaturen, die heutigen Möglichkeiten von Revolutionen.

          Häufig gibt Rötzer, der ein so beglückend emphatischer und unkorrumpierbarer Büchermacher ist, wie man ihn sich nur wünschen kann, selbst den thematischen Anstoß zu diesen Projekten. Den Geist der Zeit zu schnuppern, nennt er das, und dann in einem Buch darüber reflektieren zu lassen. „Nur auf diese Weise kann man doch versuchen, das Leben in all seiner Komplexität zu verstehen.“

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