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Vergangenheitsbewältigung : Debatte über Grass wird hitziger

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Fühlt sich in Grass' Gesellschaft „unwohl”: Lech Walesa Bild: ddp

Kontroverse um Günter Grass: Polens früherer Präsident Walesa findet, Grass verdiene es nicht mehr, Ehrenbürger Danzigs zu sein. Und der erste Politiker fordert, der Schriftsteller müsse den Nobelpreis zurückgeben. Neue Reaktionen auf das späte Geständnis.

          Das Geständnis von Günter Grass, als junger Mann der Waffen-SS angehört zu haben, sorgt weiter für eine kontroverse Debatte. Der CDU-Kulturexperte Wolfgang Börnsen forderte in der „Bild“-Zeitung (Montag), Grass solle seinen Literatur-Nobelpreis zurückgeben. „Günter Grass hat sein Leben lang moralische Ansprüche vor allem an Politiker gestellt. Diese Ansprüche sollte er jetzt auch an sich selbst stellen und alle Ehrungen, die er erhalten hat, honorigerweise zurückgeben - auch den Nobelpreis.“

          Der frühere polnische Präsident und Friedensnobelpreisträger Lech Walesa forderte Grass in der „Bild“-Zeitung zur Rückgabe seiner Ehrenbürgerschaft der Stadt Danzig auf: „Es ist eine unangenehme Situation entstanden. Ich fühle mich in dieser Gesellschaft nicht wohl. Ich weiß nicht, ob man nicht überlegen sollte, ihm diesen Titel abzuerkennen. Wenn bekannt gewesen wäre, daß er in der SS war, hätte er die Auszeichnung nicht bekommen. Das Beste wäre, wenn er von selbst darauf verzichten würde.“ Der Rat der polnischen Stadt werde nach den Sommerferien darüber beraten, ob dem in Danzig geborenen Grass die Ehrenbürgerschaft wieder aberkannt werden sollte, teilte eine Sprecherin am Montag mit. Es sei derzeit aber unwahrscheinlich, daß eine Mehrheit dafür zustande komme.

          Der österreichische Schriftsteller Robert Menasse äußerte indes Verständnis für das späte Bekenntnis. „Wer als 17jähriger talentiert und sensibel ist, obendrein von zu Hause weg will, der ist sehr leicht für alles Mögliche verführbar“, sagte Menasse der Wiener Zeitung „Der Standard“ vom Montag. „Grass' Begründung, die Scham hätte ihn von einem früheren Bekenntnis abgehalten, erscheint mir glaubwürdig und nachvollziehbar. Das kann man doch bewundern: Daß ein alter Mann sagt: Ich habe einen Fehler gemacht.“ Kritik äußerte Menasse dagegen an den Kritikern des Nobelpreisträgers: „Das größere Problem bei der Geschichte habe ich eigentlich mit den Selbstgerechten wie Walter Kempowski.“ Der hatte zu Grass' Eingeständnis gemeint, es sei „ein bißchen spät gekommen“.

          „Grass' Mitgliedschaft bei der Waffen-SS wäre doch nur dann unentschuldbar, wenn er später starrsinnig darauf bestanden hätte, das Richtige getan zu haben. Wenn er, mit einem Wort, in dem Geist von damals weitergelebt hätte“, meinte Menasse. Grass hatte seine kurze Zugehörigkeit zur Waffen-SS Ende der vergangenen Woche in einem Interview bekannt gemacht (siehe: Günter Grass im Interview: Warum ich mein Schweigen breche).

          Der schwedische Schriftsteller Lars Gustafsson hat das späte Bekenntnis seines deutschen Kollegen Günter Grass zur Mitgliedschaft in der Waffen-SS am Montag in Stockholm als „schreckliche Geschichte“ eingestuft. Er sagte: „Man glaubt, man kennt die Menschen, aber von dieser Neuigkeit bin ich völlig überrascht. Man stelle sich vor: 60 Jahre Schweigen.“ Immerhin sei die Waffen-SS eine Freiwilligen-Organisation gewesen und beim Nürnberger Kriegsverbrecherprozeß als verbrecherisch eingestuft worden. Der auch in Deutschland vielgelesene Gustafsson („Palast der Erinnerungen“) hatte persönlichen Kontakt zu Grass seit Mitte der 60er Jahre und gehörte als im damaligen West-Berlin lebender Autor zu einem Freundeskreis um Grass. Gustafsson sagte weiter, ihm falle zu dem späten Grass-Bekenntnis vor allem der Satz des Dramatikers August Strindberg ein: „Man darf nicht mit Geheimnissen leben.“ Andererseits sei jedoch auch der Mut des Nobelpreisträgers zu seinem Eingeständnis hervorzuheben. Die Verleihung des Literaturnobelpreises an Grass 1999 habe damit nichts zu tun, weil diese Auszeichnung „literarisch und nicht nach politisch- idealistischen Gesichtspunkten“ vergeben werde.

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