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Verena Lueken Mein Lieblingsbuch: „Die Geschichte meines Todes“

27.07.2004 ·  Ein Mann erkrankt an Aids. Er wird sterben - und darüber ein Buch schreiben. Harold Brodkeys „Die Geschichte meines Todes“ zeigt, daß nicht nur das Leben, sondern auch das Sterben all unsere Aufmerksamkeit verdient.

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Ein Mann wird krank, die Diagnose ist Aids. Es ist 1993, und er wird sterben. Nicht sofort wahrscheinlich, aber mit Sicherheit innerhalb weniger Jahre. "So endete mein Leben", schrieb Harold Brodkey über den Augenblick, als ein Krankenwagen ihn zu Hause abholte, "und mein Sterben begann." Zum ersten Mal las ich diesen Satz im "New Yorker", wo Brodkey in loser Folge über sein Sterben schrieb. Und dieser Satz erstaunte mich mehr als die Tatsache, daß ein berühmter amerikanischer Schriftsteller sein Sterben an Aids gleichsam öffentlich vollzog. Der Satz und alle Sätze, die ihm folgen, sagen etwas, das in Formulierungen wie "im Sterben liegen", nicht enthalten ist: daß nicht nur das Leben, auch das Sterben all unsere Aufmerksamkeit verdient.

Brodkey schrieb "Die Geschichte meines Todes" in einem Zwischenreich, aus dem kein Weg zurück ins Leben führt, weil es in ihm keine Hoffnung gibt. Man kann darin, wie Brodkey, Jahre verbringen, und man muß diesen Raum erforschen, mit derselben nüchternen Wachheit, derselben Rigorosität, Akribie und Anstrengung wie das Leben, an dessen Stelle er getreten ist. Fast alles, was über den Tod geschrieben wird, ist banal und wahrscheinlich nicht wahr. Brodkey aber erzählt, was auf dem Weg dorthin geschieht. Er ist im Schreiben über sein Sterben, gerade so wie in seinen Erzählungen und Romanen, unnachgiebig, manchmal auch penibel auf der Suche nach der Essenz von Erfahrung und Gefühl. Krank, sterbend schreibt er mit demselben Anspruch auf sprachliche Präzision.

Natürlich beobachtet er sich, seinen Körper, die Veränderungen, oft voller Ironie, aber mit ebensolcher Genauigkeit beobachtet er auch die Welt um sich herum, New York und vor allem Ellen, seine Frau, die noch ganz das Leben bewohnt und doch im Reich seines Sterbens ein und aus geht. "Die Geschichte meines Todes" ist auch die Geschichte ihrer Verbindung. Das Buch erschien, nachdem Brodkey gestorben war. Es ist mein liebstes, der eigenen Erfahrung immer ein Stück voraus, uneinholbar bis zuletzt.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.07.2004, Nr. 173 / Seite 31
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