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Verena Lueken Bleiche Knochen

30.12.2005 ·  Das Ende des japanischen Volksmärchens „Uraschinas Schildkröte“ faszinierte Verena Lueken so sehr, daß sie es immer wieder las. Schließlich wäre Uraschina sonst endgültig gestorben.

Von Verena Lueken
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Uraschina, ein junger Fischer, fängt eines Tages eine junge Schildkröte, viel zu klein, um sie zu schlachten. Als er sie ins Meer zurückwirft, taucht aus der Schaumfontäne ein Mädchen auf.

Das klingt wie die umgedrehte Geschichte vom Froschkönig, denn das Mädchen ist natürlich eine Prinzessin, und es geht eine Weile auch ähnlich weiter - in einem Schloß am Meeresgrund, in dem die Prinzessin und Uraschina einige Jahre lang glücklich zusammenleben.

Bis er wieder eine kleine Schildkröte findet und das Heimweh ihn packt. Er will die Erde besuchen. Die Prinzessin gibt ihm ein Kästchen mit, um das ein Band geschlungen ist, ein Kästchen mit geheimer Kraft, das ihn zu ihr zurückbringen wird, solange er das Band nicht löst.

Soklols, Rehzofen und die Zeit

Der harmlose Froschkönig wird von Orpheus abgelöst, doch das wußte ich damals, als ich das Märchen kennenlernte, noch nicht und war mir daher sicher, daß Uraschina das Band nie lösen und es am Ende heißen würde: „Und wenn sie nicht gestorben sind ...“ Doch „Uraschinas Schildkröte“ erzählt von der Zeit, die in nicht vielen Märchen eine Rolle spielt, und davon, wie sie unwiederbringbar vergeht.

Das Märchen steht in einem illustrierten Band, den seltsame Gestalten bevölkern, Sokols, halb Falke, halb Prinz, brokatbekleidete Rehzofen und Uraschina eben, ein hübscher Junge mit einem Pyramidenhut aus Stroh, dem einige Seiten weiter die Prinzessin der Meere folgt, sehr grazil in einer Kohorte pfeilschmaler und kugelrunder Fische - ein wunderschönes Geschöpf mit langem schwarzem Haar und einem Kästchen in der Hand. Sie hat traurige Augen, wie Uraschina auch, und als ich sie jetzt wiedersah, wünschte ich mir wie früher, daß sie nicht so flüchtig wäre.

Ein konkretes, aber nicht endgültiges Ende

Uraschina kommt also aus dem Meer zurück in sein Heimatdorf. Und erkennt nichts wieder, kein Haus, kein Feld, keinen Menschen. Er trifft einen uralten Mann, der sich immerhin an Uraschinas Namen erinnert und an die Geschichte von einem verschwundenen Fischerjungen, die sein Urururgroßvater durch die Generationen weitergab. Sogar ein Grab hätten die Eltern damals für Uraschina ausgehoben, bevor sie bald darauf starben, doch schon lange interessiere das niemanden mehr, denn es sei schon vierhundert Jahren her.

Uraschina geht zurück ans Meer und weint über den Tod der Eltern, der Jahrhunderte zurückliegt, und über die Zeit, die ohne ihn vergangen ist. In Gedanken versunken, spielt er mit dem Kästchen und dem Band, das sich unversehens öffnet. Für einen Augenblick nur erscheint die Prinzessin vor ihm, bevor sie sich auflöst wie eine Wolke im Wind und Uraschina zu altern beginn. „Er schrumpfte im Umsehen zusammen und vertrocknete. Das Fleisch fiel als ein Häuflein Staub von ihm ab, und übrig blieben nur die gebleichten Knochen.“ Die Konkretion dieses Endes faszinierte mich, aber als endgültig mochte ich es lange nicht hinnehmen. Und las das Märchen immer wieder, um Uraschina am Leben zu halten.

Knaurs Tiermärchen, illustriert von Adrienne Segur, erschienen 1956 bei der Droemerschen Verlagsanstalt und sind leider nur noch antiquarisch zu bekommen.

Quelle: F.A.Z. vom 30.12.2005
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Jahrgang 1955, stellvertretende Leiterin des Feuilleton.

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