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Verbotene Bücher : Wohin mit einer ganzen Kiste Hitler?

  • -Aktualisiert am

„Das Luxusweib” aus den zwanziger Jahren musste in den Keller Bild: F.A.Z.-Jan Roeder

Bücher, Bücher, aber nichts zu lesen: Der Giftschrank der Bayerischen Staatsbibliothek enthält Werke, die in ihrer Zeit als anstößig empfunden wurden - Stoff für eine Kulturgeschichte des Verbotenen. Von Christina Hoffmann.

          Stephan Kellner holt vom Portier den Generalschlüssel, sperrt eine graue Stahltür auf, führt einen über eine schmale Eisentreppe in den Keller, sperrt noch eine Stahltür auf. Lichtschächte, durch die eine Ahnung des Münchner Altweibersommers fallen könnte, gibt es nicht. Einzig Neonröhren beleuchten den grauen Linoleumboden, die nackten Wände, die metallenen Regale, die in langen Reihen Bücher bergen. Man wähnt sich in einem x-beliebigen unterirdischen Archiv: Es ist kühl, Staub kratzt im Hals, der leicht modrige Geruch alten Papiers hängt in der Luft.

          Lange meinte man, den hier verwahrten Büchern hänge ein besonderer Geruch an. Sie waren weggesperrt. Benutzer konnten sie nicht lesen oder nur, wenn sie einen „wissenschaftlichen Zweck“ nachwiesen. Selbst heute noch hat man nicht einfach Zugang zu ihnen oder kann sie gar ausleihen und kopieren - denn sie stehen im Giftschrank. Das Bücherverlies trägt auch den Namen Remota, was „Weggeschafftes“ bedeutet. Wer hier eingelassen wird, betritt die Gegenwelt zur Frankfurter Buchmesse. Während in Frankfurt ein Hochamt der modernen Öffentlichkeit gefeiert wird, die daran glaubt, dass alles lesenswert ist, ruht in diesem Kellerraum, fern von der studentischen Umtriebigkeit der Lesesäle, was nicht gelesen werden soll.

          Vom Verfemten und Verdrängten

          Die Bayerische Staatsbibliothek ist eine der raren Bibliotheken Deutschlands, die ihren Remota-Bestand weiter pflegt und die Bücher nicht in den regulären Betrieb einreiht. Jeanette Lamble von der Berliner Staatsbibliothek erklärt, sie habe den Begriff Remota noch nie gehört und den Giftschrank kenne sie allenfalls aus der ehemaligen DDR, als Mittel der Zensur. Aber Remota sind nach dem Mauerfall in Deutschland nicht etwa obsolet geworden, ihre Pflege lässt nicht auf separatistische Vorgestrigkeit schließen. Vielmehr lässt sich am Verfemten und Verdrängten ex negativo ein Profil der deutschen Gesellschaft einer Epoche formen, ähnlich wie man von einem Gipsabdruck ein Gesicht modellieren kann.

          „Wir zensieren nicht. Der Giftschrank ist ein Zeitdokument - und nur in seinem Zusammenhang sinnvoll“, sagt Kellner. Der Historiker Kellner war vor fünf Jahren an der Vorbereitung der Ausstellung „Remota - Ein Blick in den Giftschrank“ beteiligt. Seitdem ruhen die Werke wieder hinter Schloss und Siegel, in fünf Kategorien aufgeteilt. Entstehungsgeschichte und Charakter der einzelnen Fächer unterscheiden sich stark. 1924 richtete die Bayrische Staatsbibliothek Remota I und II ein. Was im weitesten Sinne mit Sexualität zu tun hat, findet sich in ihnen, von den Zwanzigern des vorigen Jahrhunderts anfangend: Neuauflagen von Klassikern wie Pieto Aretino über Henry Miller bis zum Marquis de Sade ebenso wie Bücher über Aufklärung und „Ehehygiene“ und wissenschaftliche Fachliteratur.

          Stempel auf nackten Oberkörpern

          Ein Teil der Sammlung trägt als Exlibris einen dunkelblauen Stempel der „Prüfstelle München für Schund- und Schmutzschriften“, die 1934 aufgelöst wurde. Wenn Titelbilder barbusige junge Frauen zeigen, prangt der Stempel oft auf den nackten Oberkörpern, einem riesigen Tattoo gleich. Manchen Büchern ist sogar das Gerichtsurteil noch beigeheftet. Kellner muss eine Weile suchen, ehe er in dem Schundroman „Quer durch Europas Betten“ einen Freispruch findet: Anton L., Inhaber eines Zeitungskiosks in Garmisch-Partenkirchen hat sich vielleicht herausgeredet. Zumindest konnte ihm das Gericht 1951 seine Aussage nicht widerlegen, „er habe wohl die Reihe der Romanhefte, in welcher der ,Sittenroman' erschienen sei, bestellt, das genannte Heft aber nicht in die Hände bekommen und gesehen, da seine Hilfskraft die Postsendung in Empfang nehme und die jeweils eingehenden Schriften verkaufe“.

          Remota I und II umfassen vor allem Erotika bis in die siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts. Das mag verwundern: Selbst die katholische Kirche schaffte Ende 1966 ihren „Index Librorum Prohibitorum“ ab. Ein Jahr später feierten Hippies in Amerika den „Summer of Love“, 1968 schwappte die Welle nach Europa. Vielleicht gingen die Uhren bayerischer Behörden doch etwas nach. Ganz anderer Natur ist Remota III mit antinationalsozialistischer Literatur aus der Zeit des Dritten Reichs. 1934 radelte etwa der Franzose Daniel Guerlin durch Deutschland und notierte seine Erfahrungen in dem schmalen Band „La peste brune“.

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