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Veröffentlicht: 25.08.2010, 11:46 Uhr

Veit Pätzug und die ostdeutschen Hooligans Fasching im Gehirn

„Es kann 14.30 Uhr vorbei sein oder noch 80 Jahre weitergehen - Du kannst es Dir nicht aussuchen“: Erst wollen ihm Hooligans ans Leben, dann erzählen sie ihm ihres. Veit Pätzugs Epen aus einer deutschen Hölle.

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© picture-alliance / dpa Hauptsache unterhalb der ersten Liga: Foto aus Dynamos letztem Jahr im erstklassigen Fußball, der Saison 1994/95

Der Fußball ist das, worum es hier nicht geht. Der Ball ist kein einziges Mal im Bild. Das Eigentliche ist das Drumherum: „Stehe ich auf Zehenspitzen, sehe ich die Kurve gegenüber. Vom Spielfeld selbst sehe ich nichts. Links Hans, rechts ein brauner Parka, oben dran ein Vollbart, unten dran Sandalen um staubige, lange Zehennägel. Wenn ich dort drauftrete, erlebe ich nicht mal den Anpfiff, denke ich und rücke zwei mögliche Zentimeter nach links.“

Wie das so ist mit dem ersten Mal: Es verändert alles und für immer. Wer dreizehn ist und es ins Stadion geschafft hat, der darf auch rauchen und aus dem Flachmann trinken. „Aus dem benachbarten Parka steigt mir ein Konzentrat aus Fischbrötchen und Kneipe in die Nase. ,Dynamo! Dynamo!' Der Beton bebt. ,Schweine-BFC! Schweine-BFC! Schweine, Schweine, Schweine-BFC!' Noch eine Stunde bis halb drei. Der Schweiß rinnt hinunter bis in die Schuhe. Ich lehne mich an die bunt bestickte Jeansweste hinter mir, schließe die Augen und genieße das Rieseln einer nahenden Ohnmacht.“

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Es ist Herbst 1985. Und so fängt es an. So beschreibt Veit Pätzug in seinem Buch „Was wir niemals waren“, wie man zum teilnehmenden Beobachter von etwas werden kann, das die einen hinreißt und die anderen abstößt - und für sensible Seelen bildet beides zusammen erst die Farben des Vereins.

Dynamo Dresden - Lok Leipzig, 1999, bei Oschatz © Foto aus dem besprochenen Band Vergrößern Dynamo Dresden - Lok Leipzig, 1999, bei Oschatz

Die von Dynamo Dresden sind schwarz und gelb. „Schwarzer Hals, gelbe Zähne“ heißt ein spektakuläres Buch über die Fans des einst europaweit betörenden und heute nur noch drittklassigen Fußballklubs. Es ist ein Selbstporträt. Und die meisten von ihnen würden sehr zufrieden nicken, wenn man sagte, hier blickt man allem, was am Fußball, an Deutschland, am Osten beängstigend ist, tief in den übelriechenden Schlund. Es ist exakt das, was alle, die beim Fußball vor allem auf den Ball schauen, hassen, verleugnen oder verdammen, obwohl sie wissen, dass es dazugehört wie der Reifen ums Rad.

Wenn an diesem Wochenende die Bundesliga wieder anfängt, dann ist sie in ihren beheizten und überdachten Sitzplatzstadien weitgehend in einschläfernder Sicherheit. Zu diesem Zeitpunkt sind sie in den unteren Ligen schon seit ein paar Wochen wieder auf Tour und führen, vor allem in Ostdeutschland, zu Tode erschreckten Passanten vor, wie es gewesen sein muss, wenn im Dreißigjährigen Krieg die Söldnerhorden aufeinandertrafen. Was sind das für Rowdys, Tiere, Idioten, heißt es dann immer. Was treibt sie? Haben sie ein Hirn, und falls ja, was geht darin vor?

Eben das sagt „Schwarzer Hals, gelbe Zähne“. Das Buch ist lange vergriffen. Im Herbst soll es neu aufgelegt werden, bis dahin kosten gebrauchte Exemplare bis zu 300 Euro. Und das ist kein Wunder. Bücher von Fußballfans und über Hooligans gibt es viele. Besonders aufregend sind sie oft nicht. Hier wird aber eine Mentalitätsgeschichte von später DDR, Wende und wiedervereinigtem Deutschland daraus - und es ist große, erschütternde Protokoll-Literatur, wie es sie seit den Siebzigern nicht mehr gegeben hat: Es ist das, was man hört, wenn man ein Stadion dröhnen hört - und wenn dann einer die einzelnen Stimmen herausfiltert und nach ihren Geschichten und Ansichten befragt.

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